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ich sie verderben musste. Ja, sie muss zeitlich untergehen, um ewig zu leben. Niemand liebt sie, wie ich sie liebe. Niemand! Ich habe mein Herz mit tausend Pfeilen durchstochen. Auch das ihrige wird bluten. Aber Gott weiss, es geht nicht anders! Meine Füsse tragen mich nicht mehr, und doch muss ich unstät umherlaufen, bis! – Er kommt gewiss! Walter bringt ihm diese Zeilen. Heute Abend – o ich zittre an allen Gliedern! Gottes Gericht ist fürchterlich.

Leontin an den Arzt

Säumen Sie nicht eine Sekunde. Fliegen Sie, wenn Ihnen der Wunsch, ein Leben zu retten, Flügel geben kann!

Kaum atmet noch der schöne, liebe Knabe. Sein guter Engel führte mich ans Ufer, ehe es auf immer um ihn geschehen war.

Aber es ist vielleicht nur das letzte Zucken des Daseins! Ewiger Richter im Himmel! lass dies das einzige Opfer sein! Ich fürchte, auf der Burg wird diese Nachricht den Ausschlag geben! Ja, ja! finsterer Tavanelli, Gottes Gericht ist fürchterlich!

Der Comtur an Sophie

Bleiben Sie, arme Sophie, bleiben Sie, wo Sie sind. Hier können Sie Niemanden mehr nützen.

Emma hat mit ihrer Mutter die Burg in einem Zustande verlassen, der ihr die Fähigkeit nahm, über sich selbst zu bestimmen.

Dahin ist es gekommen! Ich tadle Niemand! Der Fall war von der Art, dass er ein Gemüt, wie das der Oberhofmeisterin, zum Aeussersten treiben musste.

Was soll ich Ihnen weiter sagen? Alles ist entdeckt, der Riss geschehen! Eine geschickte Hand könnte wohl zusammenhaltenaber Leben gibt nur Leben, und das ist an der Wurzel erschüttert.

Erlassen Sie mir den peinlichen Bericht des Geschehenen. Mir widersteht die gewaltsame Verwüstung ruhig geordneter Verhältnisse. Ich wende mich betrübt davon ab, um soviel als möglich nicht wieder darauf hinzusehen. Unser Freund, der Arzt, übernimmt es, Ihnen alle Umstände eines Vorfalles mitzuteilen, bei welchem sein Beistand von mehr als einer Seite in Anspruch genommen ward. Er rede, wenn ich schweigend in mich selbst zurücktrete und hier d i e Welt aufsuche, in der w i r , Liebste, unzertrennlich bleiben! –

D e r A r z t z u r F o r t s e t z u n g . – Am Mittwoch Abend sass ich am Ruhebett der Frau Gräfin. Ich fand ihren Zustand besser. Wir redeten von gleichgültigen Dingen, als mir ein Billet mit dem Zusatze eingehändigt wurde: der Reitknecht sei beauftragt, mir sein Pferd zu überlassen, um mich schneller nach dem Landhause des Herrn Präsidenten zu bringen, woselbst dringende Gefahr meine Gegenwart notwendig mache.

Ich erschrack um so mehr, da mich ein flüchtiger blick auf die ersten Worte des Schreibens ein Unglück ahnden liess. Dies, und die grosse Reizbarkeit meiner teuren Kranken bedenkend, bemühte ich mich, mit so viel Gleichmut, als mir nur zu Gebot stand, meinem schnellen Aufbruch durch die Aeusserung, dass man drüben sehr ängstlich sei, das Beunruhigende zu nehmen. So stand ich noch ein paar Minuten neben der Frau Gräfin, die Finger an ihren Puls gelegt, als ich diesen stocken fühlte, und sie die eiskalte Hand losmachend, krampfhaft die meinige mit den Worten umschloss: "Ich beschwöre Sie, halten Sie sich nicht mit mir auf. Ich bin ja ganz wohl! aber dort, – Sie werden sehenes ist gewiss etwas Entsetzliches vorgefallen."

Ich wollte ihr das ausreden, aber sie liess mir keine Zeit dazu. "Um Gotteswillen!" rief sie, indem sie aufstand und mich bis zur tür begleitete, "verlieren Sie keine Zeit."

Ich folgte ihrem Befehl. Wie ich indess die tür öffne, tritt mir die Frau Oberhofmeisterin mit ganz verstörtem Gesicht entgegen; und, lebhaft wie sie ist, auch wohl in dem Gedanken, dass ihre Tochter im Hintergrunde des Zimmers nichts von dem hören könne, was hier gesprochen werde, flüsterte sie eilig: "Bleiben Sie, drüben kommen Sie ohnehin zu spät, das Kind ist tot; und hier sind Sie nötig, Hugo ist verwundet. Gehen Sie zu ihm!"

Ein heller Schrei, und ein Fall dicht hinter mir, liessen es ausser Zweifel, dass die unseligen Worte von der Gräfin gehört wurden. Ich befand mich in der schrecklichsten Verlegenheit. Wohin nun zuerst meine Schritte lenken! Ich wandte mich nach dem Zimmer zurück, als die gebieterische Dame mit einer Fassung, die mich in Verwunderung setzte, schnell entschied: "D i e s e überlassen Sie mir. Zu ihm müssen Sie hinunter, und mich sogleich wissen lassen, ob Gefahr zu fürchten ist?"

Ich flog nach des Grafen Cabinett. Im haus herrschte die grösste Bestürzung. Aus einzelnen, flüchtigen Aeusserungen der Leute, die sie mir so im Vorbeigehen zuwarfen, fasste ich schnell den traurigen Zusammenhang des ganzen Ereignisses. Ich trat deshalb mit einiger Befangenheit zu dem Verwundeten hinein. Er lag in einem Winkel des Sopha's, den einen Arm auf mehrere, über einander getürmte Kissen gelegt. Er hatte den Rock abgeworfen. Das Hemd und ein starkes um den Arm gebundenes Tuch trieften von Blut. Es war Niemand sonst im Zimmer. Der Blutverlust schien mir sehr gross zu sein, ich rief daher unwillkührlich erschrocken: "Herr Gott! in welchem Zustande finde ich Sie!" der Graf fuhr aus seinem Kissen in die Höhe. Er sah entsetzlich bleich aus