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Sie haben es weggeworfen, Tavanelli! Es lag Ihnen ganz nahe. In der Liebe und Tätigkeit für das Kind, das man Ihren Händen anvertraute, fanden Sie Ihren Beruf; da, da hätten Sie eine Brustwehr gegen jede Gefahr gehabt. Jetzt –? Sehen Sie auf das, was Sie taten. Sie haben Gift in die kleine Seele geworfen. Es wird nachwirken, verlassen Sie sich darauf.

In das Kloster zu dem Prior flüchten Sie, und beichten. Was beichten Sie denn? Auch d i e Sünde, die Sie in dem Augenblick begehen, da Sie sich selbst untreu werden? das Kind verlassen? die Zunge des Gesindes beflügeln, den Ruf der Mutter preis geben? O! zurück, zurück in Ihre kammer, auf den Knien vor d e m , der überall ist, der Ihren Mut beflügeln, Ihren Willen stählen kann. Halten Sie aus, Tavanelli! der Friede ist bei Gott. Auf Erden ringen seine Streiter. Hier gibt es keine andere Ruhe, als in der Zuversicht heiligen Ausganges. Ich wiederhole es Ihnen, weichen Sie nicht von Ihrem Platz. Es ist die h ö c h s t e Pflicht, damit nicht noch grösseres Unglück geschehe.

Ich weiss nicht, welche Unruhe ich dieserhalb hege. Ihr Zimmerdas Kindder Gartenes hat mir den allerpeinlichsten Eindruck gelassen.

Könnten Sie doch fühlen, dass Sie nicht der einzige Unglückliche auf der Welt sind! Es gibt Schmerzen! Schmerzen! – Aber ich klage nicht! Die nächste Stunde kann die entscheidende sein, und diese fordert den g a n z e n M e n s c h e n in all seiner Kraft! Erwägen Sie das, und halten Sie aus.

Elise an Hugo

Wir haben u n s , wir haben E m m a betrogen. Ich dulde den Vorwurf nicht in meiner Seele! Ein rasches, offnes geständnis soll die grossmütige Frau zu unserer Richterin machen. Durfte ich es m i r bekennen, dass ich Sie liebe, Hugo! konnte ich es I h n e n gestehen, so habe ich keine zweite Demütigung zu scheuen. Mein Gott! war es möglich? trägt das Leben solches Gift in sich, dass die allereinfachsten, natürlichsten Beziehungen, die harmloseste Mitteilung, die ruhige Freude angenehmen Umganges, ein Netz um uns spinnen konnten, in dem Alles, bis auf den Willen, frei zu sein, gefangen ist?

Ich verstehe weder Sie noch mich, noch was wir beide empfinden! In diesem dumpfen Schwindel hege ich keinen andern Wunsch, als dass Emma wisse, wie mir ums Herz ist. Morgen, heute kann ich nicht mehr zu ihr dringen, morgen liege ich auf meinen Knien vor ihrem Bette, und beschwöre sie, mir zu glauben, dass ich unwissend fehlte!

O Hugo! Hugo! wo ist mein heiterer Mut, mein klarer, fester blick! Ich bin gefangen, und keine Macht der Erde spricht mich frei!

Antwort

Uebereilen Sie nichts. Der Augenblick ist unpassend. Emma leidet. Die Seele ist so abhängig vom Körper! Warum sie durch unvorgesehene Stürme aufs neue erschüttern? Und wozu? Was ist es denn, das Sie ihr sagen wollen? Fürchten Sie nicht, durch laute, bestimmte Worte dem geheimnis in sich zu nahe zu treten? Zittern Sie nicht, die Wahrheit zu verletzen, indem Sie durch ihren Schein das Gewissen hintergehen? Können Sie sagen: "s o i s t ! s o w a r e s !" ohne zu empfinden, dass es ganz, ganz anders war? Lässt sich der Hauch des Lebens, der Atem der Seele, wie ein Ding fassen, das man halten und geben kann, wie das Bedürfniss der Verständigung es fordert? – Es ist vergebens! Sie werden Emma n i c h t s entdeckt haben, wenn Sie gleich Ihr Herz vor ihr entblössen, und sie zwingen, das strafende Auge verletzend darauf zu richten.

O Elise! wollen Sie denn gleich den Frost strenger, kalter Erörterung auf die Blüte eines neuen Daseins werfen? Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie vollkommen. Aber Sie täuschen sich! Es geht nicht! Die Sprache gibt den Begriff wohl wieder, doch das Unbegreifliche durchdringt uns, wie der Strahl des Lichts! Er ist überall, und weder das Bewusstsein, noch irgend eine Kraft des Geistes vermag das Unaussprechliche unentweiht in die grenzen der Anschauung zu zwingen.

Warten Sie wenigstens noch einen Tag, ehe Sie Ihr Vorhaben ausführen. Ueberlegen Sie, was Sie tun wollen. Zähmen Sie den unruhigen Durst, sich in einer ungewöhnlichen Aufopferung zu genügen.

Ich komme, Elise. Ich bin diesen Abend mit dem Kahn an Ihrem Garten. Eilen Sie, eilen Sie, dem Geschick die fliehenden lieben Stunden abzustehlen! Gegen acht Uhr Abends bin ich bei Ihnen. Gute, liebe Elise! Verwickeln Sie Ihren freien Sinn nicht in jene nachschleppenden, hinkenden Gedanken, die das Gefühl lähmen und den Wunsch doch nicht tödten können. Sein Sie auch diesmal die starke, kräftige Frau, die sich selbst ihre Bahn zeichnet!

Tavanelli an Leontin

Zu spät! Zu spät! Ihre Warnung verfliegt in den Wind! Ich kann nichts ungeschehen machen. Ich darf es auch nicht. Sie wissen nicht, was Sie fordern. Sie kennen die Qualen nicht, die mich foltern. Sie werden es auch nicht fassen, wenn ich Ihnen sage, dass, um Elise zu retten,