. Ich nahm bei dieser gelegenheit indess wahr, dass er das Weidwerk weder wie ein Laie noch wie ein Mann von Metier trieb, vielmehr den Anstand vornehmer Spielerei dabei entwickelte. Und trotz alledem, wird es doch wohl mit dem subordinirten Sekretärposten seine Richtigkeit haben. Er kennt seine Stellung, und sucht mit Leuten gleichen Standes Bekanntschaft zu machen. Den Tag nach der Beerdigung der Amtmännin kam er spät Abends, der Familie einen Besuch zu machen. Er trat unerwartet ins Haus, klopfte an die erste beste tür, und eilte, als der betrübte Hausherr sein gastliches "Herein" gesprochen hatte, mit so bekümmerter Miene auf diesen zu, als habe er eine nahe Anverwandtin in der toten zu beweinen. Ich bin hier fremd, sagte er, indem er des Amtmanns Hand ergriff, und sie schüttelte, aber ich habe von Ihrem Unglück gehört und kann Ihnen meine Teilnahme nicht länger verbergen.
Er schwieg darauf, ohne weiter etwas über sich, seinen Namen, Stand und Aufentalt hinzuzusetzen. Der Amtmann bat ihn, niederzusitzen. Er lehnte es höflich ab. Seine Augen suchten die Kinder. Der älteste Knabe war nur gegenwärtig. Er legte ihm die Hand, mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids auf den krausen Lockenkopf, und sah ihm eine Weile schweigend, aber tief in die Augen. Gleicht er der Mutter? fragte er darauf. Der Vater schüttelte den Kopf. Hervorstürzende Tränen hinderten ihn, sogleich Worte zu finden.
"Sie war die Tochter des Hofpredigers S–? hub der Fremde nach einer Weile an. Ich bin dem mann viel schuldig," setzte er hinzu. Um seine Lippen zuckte es schmerzlich. Er zog die Hand von des Kindes Stirne zurück, und ging einigemal in sichtbarer Bewegung auf und ab. Sein ganzes Wesen, wie auffallend auch immer sein erscheinen sein mochte, drückte tiefsinnigen Ernst und weiches Mitempfinden aus.
Wie er gekommen war, so ging er. Unvorbereitet, schnell. Er war fort, ehe man es dachte. "Nun, wir sehen uns bald wieder," sagte er, leichtin grüssend. Und damit war er zur stube hinaus.
Ich weiss dies Alles von unserm Arzt, der unter die Zahl meiner Freunde gehört, und mich oft besucht. Er war bei dem seltsamen Auftritte zugegen, und konnte mir den Unbekannten nicht interessant genug beschreiben.
Sophie, das Prädicat als Sekretär tut ihm doch einigen Schaden bei mir. Dies klingt schlimmer als es ist. Denn, wahr bleibt es einmal, was hat man von der Nachbarschaft eines Menschen, der nie zu unserer Gesellschaft gehören wird. So lieb mir der Arzt ist, so fatal wird mir ein gewisser lauter und roher Justizrat, der mit Eduard Geschäfte hat, und mich sehr langweilt. Der Mensch gibt so viel zu verstehen, und plaudert so gern aus der Schule, dass ich ihm, fast wider meinen Willen, aus dem Wege gehen muss, um nur keinen Anteil an einer Indiscretion zu haben, die Eduard weder ihm noch mir verzeihen würde. Gewiss aber ist es, er hat die hände mit im Spiele, was auf des Comturs Heerde geschmiedet wird.
Nun werde ich bald mehr erfahren. Die Gräfin kommt mit ihrer Familie aus dem Bade zurück, und bezieht noch für die Sommermonate ihren Landsitz. Die gewandte Frau weiss sicher in vier und zwanzig Stunden mehr von dem, was hier vorgeht, als wir in einem halben Jahre.
Hugo an Heinrich
Ich bin hier im schloss des Oheims. Das erschöpft eigentlich alles, was ich Dir Interessantes von meinen gegenwärtigen Verhältnissen sagen kann, lieber Heinrich, denn es liegt zugleich die Feststellung eines dieser Verhältnisse überhaupt darin. Da es nun einmal dahin gekommen ist, so mag es darum sein. Mir lag niemals sonderlich viel daran. Ich hätte mir auch so durchgeholfen, und wäre freier geblieben.
Der alte Herr ist ein wunderlicher Heiliger. Er steckt so voll Vorurteilen und verbrauchter Ansichten, dass es schwer hält, bis zu dem eigentlichen Kern in ihn zu dringen. Dieser ist gut, so viel ich davon entdecken konnte; aber die kleinen Poliermesser moralischer Spitzfindigkeiten haben auch schon erschrecklich daran genagt.
Glaubst Du, dass ihm sein früheres Verfahren leid ist? Ganz im Gegenteil! Er tut sich etwas darauf zu gut.
Sieh, solch ein Sclave ist das Gewissen! Es trägt die Livree jeder modernen Grille, die den augenblicklichen Herrn über unsere gesunden Gefühle spielt!
Uebrigens, einmal so ausstaffirt von der Zeit, in der ihm seine Rolle überkam, nimmt sich der Comtur in dem steifen Prunk vornehmer Grundsätze weder lächerlich noch dürftig aus. Er imponirt und zieht, wegen der unverkennbaren Wahrheit einer zweiten, angebildeten und angewöhnten natur, wie ein Rätsel, aus dem man klug werden möchte, jedweden an. Was würde deine psychologische Spurkraft hier nicht alles von Originalität und bizarren Elementar-Mischungen träumen.
Ich, für meinen teil, hege einen andern Glauben. Originell ist in solchem Wirrwarr nichts. Das sind unverdaute Brocken schlecht gehandhabter Weisheit, die das Leben so lange beschweren, bis dieses sie wieder auswirft.
Grundsätze sind nur dann originell, wenn sie durch starke, eigentümlich herrschende Gefühle erzeugt, eine Rechtfertigung derselben werden. Was die ganze übrige Welt verwirft, findet in der anders gestellten überzeugung Schutz, und deshalb wird diese so trotzig und unbeugsam.
Wenn die sturmgepeitschten Wogen das Schiff krachend gegen ein Eiland werfen, so betrachtet sich die gerettete Mannschaft als Herr des gleichsam eroberten Bodens, und gründet nach eigenen Gesetzen ein neues