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habe ein Vorgefühl von dem, was er uns bringen will! Aber wenn es das istwenn das Unglück einmal auf dem Wege zu uns ist, werden wir hindern können, dass es irgendwo bei uns eindringt?

Ich schreibe Ihnen mit mehr Unruhe, als w e i s e , mit mehr Unwillen, als r e c h t ist. Ich weiss nicht, wen ich bei der allgemeinen Verwirrung eigentlich tadeln soll? und deshalb bin ich mit Niemand zufrieden. Auch nicht mit mir. Ich verehre, ich bewundere Emma, ich beweine ihr Geschick; doch kann ich nicht aufhören, mit zärtlicher Hinneigung an Elisen zu denken. Ich würde die Hand zu lähmen wünschen, die es versuchte, einen Stein gegen sie aufzuheben. Und doch, wenn ich die Tränen der Mutter sehe, wenn ich an Emma's Bett sitze! –

Gott allein ist hier Richter. Wir wollen schweigen und zum Handeln bereit sein. Deshalb, meine Sophie! lassen Sie Ihren Freund nicht vergebens bitten. Eilen Sie, so bald Sie können, grösserem Uebel vorzubeugen. Elise bedarf Ihrer, so viel ist ausgemacht. Sie kennen ja ihren arglosen Trotz gegen die Meinung der Welt. Was sie in dieser Stimmung zu tun im stand ist? welche Veranlassung sie müssigen Lauschern geben könnte, mit ihr, uns Alle zu verderben? Beste! Liebe! eilen Sie, eilen Sie zu uns!

Leontin an Tavanelli

Ich suchte Sie gestern Abend in Ihrem Zimmer auf. Sie waren nicht darin. Doch stand es offen. Mehrere Papiere flogen mir vom Boden entgegen. über den Stuhl vor dem Schreibtisch hing ein abgeworfener Rock. Hut und Handschuh fand ich hier und dortin geschleudert, der Spatzierstock lag quer über dem Sopha, alles trug die Spuren einer Unachtsamkeit, die ich sonst nie an Ihnen bemerkte. Es fiel mir auf, dass die Leute im haus von Ihrer Abwesenheit nicht unterrichtet waren, da sie mich hierher zu Ihnen gewiesen hatten. Die Vermutung, Sie vielleicht unten im Garten zu treffen, entstand nun ganz natürlich in mir. Ich ging, und kam bis an die Bucht am See, ohne einem Menschen begegnet zu sein. Hier spielte, zu meiner grossen Verwunderung, Georg mit einer Ziege, die er von seinem kleinen Wagen losspannte, und sie Gras fressen liess. "Wo ist Dein Freund Tavanelli? Kind!" fragte ich, ahndend, dass Sie in der Nähe sein müssten. Der Kleine antwortete erst gar nicht; später, als ich meine Frage wiederholte, sagte er gleichgültig, ohne von seinem Spiele aufzusehen: "Tavanelli? Ja, das weiss ich nicht. Der läuft immer umher." "Und Dich, armes Kind!" sagte ich, "lässt er so allein? Es ist ja fast schon dunkel, bekümmert sich denn Niemand um Dich?" "Um mich braucht sich auch Keiner zu bekümmern," entgegnete er zuversichtlich. "Ich ziehe die Liese hier in den Stall, und dann gehe ich auch zu Bett. Das ist immer so!" "Immer so?" wiederholte ich, "und Deine Mutter weiss –" "Ach!" lachte Georg, "die weiss von gar nichts, die glaubt, der Caplan ist bei mir, aber der denkt nicht an mich!"

"Komm," sagte ich, "wir wollen zu Deiner Mutter gehen." "Da könnten wir schön laufen, ehe wir die fänden," versicherte Georg, indem er sich halb unwillig von mir losmachte. "Mutter," fuhr er fort, "geht alle Abend am See. spatzieren, und manchmal fährt sie auch im Kahn auf dem wasser." "Wer sagt Dir das?" unterbrach ich ihn schnell. "Tavanelli!" erwiderte er, als wenn sich das von selbst verstände. "O! der ist manchmal so böse, so böse, wenn sie gar nicht wieder nach haus kommt. Er rennt durch alle Zimmer und schilt, und ächzt! Ich höre dies bisweilen wohl, wenn es auch so aussieht, als schliefe ich."

Ich liess das Kind nicht weiter die Geheimnisse des Hauses ausschwatzen. Ich mischte mich in sein Spiel, ging mit ihm nach dem Stall, und blieb so lange bei ihm, bis er schläfrig ward, worauf ich ihn dann der Sorgfalt eines Bedienten überliess, der wohl beauftragt war, sich seiner anzunehmen

Aber Sie Unglücklicher, wohin führte Sie der eigennützige Wunsch, sich selbst genügen zu wollen? kommt es auf I h r e Ruhe an, wenn Sie die Pflicht, für die Ruhe Anderer zu sorgen, übernehmen? Was gehen Sie fremde Irrtümer an? Genügt es nicht, das zarte Gefühl, dem Sie Ihr Streben widmeten, davor zu bewahren? Und weshalb erschrecken Sie vor Anfechtungen, die Ihnen nicht fremd sind? deren Schlingen Sie sehr wohl kennen? Glauben Sie ein Heiliger zu sein? Hofften Sie wirklich, der blosse Entschluss reiche zur gänzlichen Umwandlung hin? Mit sonderbarem Stolz finden Sie sich durch den Andrang menschlicher Widersprüche empört. Es dünkt Ihnen unbegreiflich, dass sich dergleichen bis zu Ihnen wagen. In der verlegenen Entrüstung darüber, durchkreuzen Sie den Kampfplatz mit feiger Scheu, ohne einem einzigen Feind ins Gesicht zu sehen.

Ja, ich schelte Sie feige, denn nur in dieser schlimmsten Krankheit des Geistes entdecke ich den Grund Ihrer lahmen Willenskraft.

W o suchen Sie ein Schild, fest genug, den zaghaft Zitternden zu schützen