. Er liess meine Hand an der seinen abgleiten, er sagte nichts, er schien sehr betroffen, eine Träne, e i n e e i n z i g e , rollte langsam über sein marmorbleiches Gesicht. – O Gott! er hätte Emma anders zu würdigen gewusst!
Ich darf das nicht denken. Ich mag es auch nicht denken! Und doch! Der Mensch hat mir einen sonderbaren Eindruck zurückgelassen. Wie er nun, nach einer fast stummen halben Stunde, zögernd ging, und noch im hof eine Weile an dem Steinbrunnen in sich gekehrt stand, dann sein Pferd am Zügel führend, in seinen weissen Mantel gehüllt, so gross und schlank, und wie fast alle Hochgewachsene, etwas gebeugt, den Bergpfad entlang ging, erinnerte er mich an Bilder pilgernder Kreuzritter. Die Mühen des Lebens lasteten auf dieser Gestalt, aber der blick kannte das Z i e l , und der Fuss ging d e n W e g m i t f e stem Tritt.
Schlafen Sie wohl, Sophie! Ich bin von ganzer Seele betrübt, was soll ich Ihnen sonst noch sagen? –
Rosalie an ihre Mutter
Erlaube, liebe Mama, dass ich Dir diese flüchtigen Zeilen noch vor Deiner Ankunft in der Stadt entgegenschicke.
Ich war kaum mit unserer guten, alten Schweitzerin in das Haus getreten, und hatte, wie Du es befohlen, einen blick auf die neue Einrichtung der Zimmer geworfen, deren Beurteilung Du meinem Geschmack anvertrautest, als schon eine Menge Menschen, die Licht in den Fenstern sahen, herbeirannten und wissen wollten, ob wir angekommen wären? Du kannst Dir wohl denken, dass ich Niemand annahm, ausser Deinen nächsten Bekannten, zu denen der gute Hofmarschall ja von jeher gehört. Ich schreibe Dir hauptsächlich seinetwegen, denn es drückt mir das Herz ab, was er mir alles in den wenigen Minuten sagte. Denke Dir, dass die Fürstin Mutter es so unglaublich vernünftig von uns findet, die Trauer so lange gehalten und nicht eher den ländlichen Aufentalt verlassen zu haben. Sie hat öffentlich darüber gesprochen, Dich als gescheute und pflichtvolle Frau gerühmt, und versichert, sie sei im Voraus überzeugt, u n s v o l l k o m m e n g u t e r z o g e n z u f i n d e n . Als der Hofmarschall das bestätigte, sagte sie: "Es ist nur Schade, die hübschen Kinder werden uns nicht lange bleiben. Das Vorzügliche wird immer gesucht. Solche Mädchen verheiraten sich bald. Ich möchte sie hier fixiren."
Und nun stelle Dir vor, darauf hat sie den jungen Baron Wildenau genannt, der ihr kürzlich vorgestellt ward, indem sie hinzusetzte: "Ich hoffe, er wird so viel Verstand haben, und mit m e i n e n Augen sehen."
Du kannst wohl glauben, liebe Mama, dass ich an so etwas weiter nicht denke; aber lachen würde ich doch, wenn der steife, unentschlossene Leontin auf diese Art zu einer Erklärung gezwungen würde.
Apropos! von Leontin, und was damit zusammenhängt. Es ist doch ausserordentlich, wie lächerlich die Leute werden, wenn sie etwas Besonderes sein wollen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was man sich hier Alles über die fortgesetzte Freundschaft der beiden Nachbarhäuser sagt. Ich kann es Dich nur erraten lassen, denn es zu wiederholen, erlaubt die Schicklichkeit nicht. Hätte sich die gute Präsidentin doch mehr mit ihrer Toilette beschäftigt, als mit den albernen, romanhaften Grillen! Was helfen der sentimentalen Närrin nun Verstand und überspannte Gefühle? Sie bekommt nie wieder Gewicht in der Gesellschaft. Ich für meinen teil bin gewiss, dass ich nicht in ähnliche Torheiten verfallen könnte. Wer bescheiden von sich denkt, der ist leicht befriedigt.
Adieu, liebe Mama! Ich küsse Dir die Hand. Es ist doch fatal, dass die Tante uns nichts vermacht hat. Die kleine Französin war heute früh hier. Sie hat mir wunderschöne Ballroben und himmlische Blumen gezeigt. Ich verwies sie auf Deine gränzenlose Güte. Wenn Du erst hier bist – nicht wahr, sie darf wiederkommen?
Deine Rosalie.
Der Comtur an Sophie
Sie wollen es von mir hören, geliebte Sophie, was eigentlich für Ihre und meine Freunde zu fürchten sei? Ach! leider Alles! denn sie stehen auf einem Krater, und kein warnendes Anzeichen macht sie aufmerksam. Möchte das entscheidende Wort Ihr weiches Herz, teure, unvergessliche Freundin! nicht härter treffen, als es meine Liebe ertragen kann. Sie w o l l t e n es hören. Aus meinem mund, sagten Sie, werde es Ihnen weniger verletzend klingen. Glauben Sie das? Wie wehe muss es uns beide tun, auf den Trümmern unsers Glückes, wieder nur Trümmer aufgeschichtet zu sehen.
Es ist Niemand dadurch reicher geworden, dass ich arm blieb. Doch, weg mit den eigennützigen Rückblicken! Es reicht hin, das Gewissen gerettet, die Absicht einer ehrwürdigen Institution unverletzt erhalten zu haben. Erfolge sind nicht zu berechnen! Glauben Sie mir, oft muss sich alles vereinigen, um einer Handlung, welche die Welt nicht verstand oder verstehen wollte, noch in ihren Folgen den Krieg machen zu können. Gehört das zu der speciellen Prüfung des Handelnden? oder liegt es in der natur des auffallenden Schrittes überhaupt, dass jede Handbreit Weges erkämpft sein will? Vielleicht beides zugleich; denn eine r e i n e Tat muss sich vielfach bewähren, um mit dem eigenen Bewusstsein