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glückliche Gegenwart des Geistes hinderte nicht, dass der Stab über sie gebrochen, und sie gezwungen ward, unter einem schicklichen Vorwand die Stadt zu verlassen.

Sie kennen mich zu gut, um nur einen Augenblick glauben zu wollen, dass ich mich an der Kränkung der Unglücklichen weidete. Einmal, bin ich nichts weniger als boshaft! und wäre ichs auch, so müsste ich doch dies Verletzen aller äussern Sitte schon darum tadeln, weil es unpolitisch ist, die Meinung teilt, das Mitleid in Anspruch nimmt, und denen, welche im Recht sind, das Ansehen des Unrechts gibt. Emma fühlt dies wie ich. Sie verdoppelt ihren Eifer, Elise mit jedem Tage zu verbinden. Die Intimität beider Häuser ist völlig hergestellt. Der Präsident sieht darin eine Art Ehrenerklärung für seine Frau, wie es überhaupt das Ansehen hat, den ganzen Vorfall bei hof den Faseleien einer kindisch gewordenen alten Dame zuzuschreiben, wodurch wir, als glückliche Ausbeute bei dem ganzen Handel, die Genugtuung geniessen, die gefährliche Feindin unserer Ruhe recht oft hier zu sehen.

So weit sind wir nun! – Das sind die Resultate meines Hierseins! O Sie haben recht, ganz bestimmt recht! zum Laufen hilft nicht schnell sein. Am allerwenigsten bringt man eine Sache ins Klare, wenn man darin rührt. Ich habe auch meine hände zurückgezogen. Ich sehe zu. Aber Sophie, ich s e h e , ich s e h e ! Sein Sie gewiss, mir entgeht nichts. Es wird schon der Tag kommen, wo ich werde hervortreten und sagen können: "D a s w a r e s ! wisst Ihrs nun?"

Einige Tage später.

Das fehlte noch! Emma ist krank! nicht bedeutend, nicht gefährlich, aber immer genug, um mich unsäglich zu beunruhigen.

Dahin musste es kommen? wenn ihr Zustand schlimmer würde? wennwennGott! mein Gott! tragen kann! Sie werden wieder denken, ich übertreibe, ich sehe mit leidenschaftlichem blick, Emma habe vielleicht nur flüchtig geklagt. – Nein, nein! Sie hat gar nicht geklagt! Das ist es ja eben. Wüsste sie zu sagen, was ihr fehlte, man könnte helfen. Aber so! Der Arzt meint, ein wenig Ruhe stelle das Gleichgewicht wohl wieder her. Ruhe! – Ein armes, kleines, leicht über die Lippen gleitendes Wörtchen, und welche Tiefe und Höhe himmlischer und irdischer Bedingungen fasst es zugleich in sich!

Wer ist ruhig in dieser Welt des Unbestandes? Wer darf sagen, er sei es, wenn er nur irgend etwas auf Erden liebt? Emma, und ruhig sein! Wenn sie da liegt, nicht fort kann, nicht fragen, an nichts ausser sich teil nehmen darf, und er sich im Kahne schaukelt, Wasserhühner schiesst, die Wolken ziehen, und den Abendstern über dem haus des Präsidenten aufgehen sieht, hinüber rudert, zwischen Schilf und Calmus im Versteck liegt, und die schlaue Circe belauscht, die niemals ohne den Knaben und Tavanelli erscheint, aus dem sie auch einen Esel, oder noch ein ärgeres Tier gemacht hat. Nun, Gott sei dem verstand der Menschen hier gnädig! Ich fürchte, auch den meinigen zu verlieren. Wüssten Sie, Sophie, was ich jetzt weiss! Wie es hätte anders kommen können! wie glücklich Emma, wie zufrieden ich jetzt wäre, wenn der unselige Badeaufentalt uns Hugo nicht zugeführt hätte! –

Dieser Leontin, von dem ich Ihnen schon einmal schrieb, der ernste, bescheidene, entschlossene junge Mann, e r l i e b t , ich zweifle nicht einen Augenblick länger, er liebt meine Tochter. Eine Mutter ist hierüber selten im Irrtum, und er ist zu arglos, zu rein, um ausser sich selbst noch irgend Jemand zu täuschen. Wie anders bewacht er indess sein Gefühl, als Hugo! Nur selten erlaubt er sich den Zutritt in diesem haus, und reitet er auch fast täglich hier vorüber, so lenkt er doch stets nach Ulmenstein hin, als folge er nur einem verwandtlichen zug. Die Meisten nehmen es auch so, doch ich erriet ihn, und er fühlte es!

Gestern war es, da kam er in grosser Unruhe herauf zu mir. Er hatte von Emma's Unwohlsein gehört. Blass, erschüttert vom raschen Ritt, die feinen Lippen kaum zu einer bangen Frage geöffnet, stammelte er, mit abwärtsgewandtem Blicke, erzwungen gleichgültig: "Hoffentlich doch Alles unbedeutend? – nichts als ein vorübergehendes Uebelso hörte ich wenigstens," setzte er leiser, fast unverständlich hinzu. Ich beruhigte ihn, doch ergriff mich der blosse Gedanke an die Möglichkeit einer Gefahr so unwiderstehlich, dass ich mit den Worten: "Es wäre ja auch zu schrecklich!" in meinen Sessel zurücksank, das Tuch vor die Augen drückte und in Tränen zerfloss.

Er blieb mir gegenüber lautlos stehen. Ein gewisses Wiegen seiner schlanken Gestalt, der zurückgezogene, furchtsame, auf mich geheftete blick sagte mir, als ich wieder zu ihm aufsehen konnte, dass er meine kummervolle Bewegung in schmerzlicher Angst begleitete. Er äusserte kein Wort weiter, allein er blieb so leise, so weich, so innerlich; sein ganzes Betragen gegen mich trug das Gepräge eines wehmütigen Geheimnisses. Ich ergriff seine Hand mit Herzlichkeit, als könne ich ihm sein Mitgefühl nicht genug danken. Er schien überrascht. Es flog wie ein Strahl über seine Stirne, die Lippen zuckten, allein, d a b e i blieb es