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meinte, nachgedacht. Als ich sie sagte, wusste ich nichts davon. Sie gingen mir wie ein Seufzer über die Lippen.

Emma schloss meine hände in die ihrigen. Weich und seelenvoll, wie ein Engel, entgegnete sie: "Ich habe es schon draussen gehört, Georg ist krank. arme Elise! Und gerade, nun sie hier auf dem land sind!" Ich sagte ihr, dass ich nach hülfe geschickt hätte. Wir waren indess zurück an das Bett des Kleinen getreten. Sie beugte sich über ihn. Ich hielt die Lampe so, dass sie dem kind ins Gesicht sehen konnte. Sie blieb eine Weile in der Stellung; darauf erhob sie sich, ohne etwas zu sagen, aber ihr Auge fiel mit einem blick auf mich, in welchem ich deutlich las: "So reich bist Du, glückliche! und dennoch!" Es durchlief mich heiss vom Scheitel bis zur Zehe.

Wir setzten uns auf einen kleinen Sopha, ganz im Winkel, nahe bei Georg.

"Ich komme zu einer unbequemen Stunde?" brach Emma endlich das Schweigen. "Aber," fuhr sie fort, "man muss die Zeit nehmen, wie sie sich uns gibt."

Sie hielt inne. Vielleicht erwartete sie meine Antwort. Allein mir zog sich die Brust beklommen zusammen. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Jetzt sassen wir mit verschlungenen Händen einander so nahe, rings um uns die unsichere Dämmerung. In meinem Herzen, Sorgen um mein Kind, überall ängstliche Erwartung, ich fand keinen deutlichen Gedanken in mir. Ich drückte ihr leise die Hand. "Liebe Elise," sagte sie, "vielleicht sollte man gewisse Dunkelheiten im Leben nicht aufklären wollen. Man zerreisst mit dem Nebel wohl noch mehr, als diesen."

"O nicht weiter!" flüsterte ich ängstlich. "Jetzt nicht! in diesem Augenblicke, wo ein einziges Gefühl mich mit so grosser Bangigkeit erfüllt!"

"Fürchten Sie denn," lächelte Emma sanft, "ich wolle etwas anders, als uns Allen Ruhe schaffen? Mein Gott! ich würde gewiss schweigen, aber wir sind in eine allzugrosse Verwickelung hinein geraten, und es hilft wenig, dass Jeder heimlich und allein seinen Weg geht. Dadurch werden uns Vertrauen und Zuneigung vollends getödtet."

"Liebe!" unterbrach ich sie. "Wäre von Anfang mehr Vertrauen unter uns gewesen, dies könnte jetzt nicht so unbegreiflich erschüttert sein."

"Ich glaube es selbst," entgegnete sie nachdenkend. "Aber was hilft es, darauf zurückzukommen. Jetzt müssen wir rasch vorwärts eilen, um über die hemmende Stelle hinwegzuschreiten. Ich, ich will die Erste sein," sagte sie leise und schneller als zuvor, "die Erste, die das entscheidende Wort spricht. Ich weiss es, ich weiss es besser, dass Sie Hugo liebt, dass diese Liebe seine Brust durchströmt, dass er keine Stelle in sich findet, wo er verweilen, ja nur stille stehen kann. S o soll es mit ihm nicht bleiben, wir beide dürfen ihn nicht in Ungewissheit über sich, über uns lassen. Was ihn reizt und ängstigt, das falle weg! meine Ansprüche an ihn, Elise! die Vorstellung davon, wir müssen sie durch gegenseitiges Einverständniss wegräumen. Ich will, mein Gott! ich will Euern Bund nicht stören, ich nicht dazwischen treten. Oeffnet mir Eure Herzen, seid frei und wahr mit mir. Ich habe eine Seele, Euch zu begleiten, stosst mich nicht zurück, zerreisst Euch selbst nicht!"

Sie hatte sich aus der halbliegenden Stellung aufgerichtet. Unangelehnt sass sie fast knieend vor mir, die gefaltenen hände hoben sich, während sie sprach, öfters leise in die Höhe, die Worte folgten einander mit beschwörender Hast. Es war nicht leidenschaft, es war Seelenangst, die aus ihr redete. Ich war so erschüttert, dass ich unter einem Strom von Tränen an ihre Brust sank. Werden Sie es glauben, Hugo! es fehlte mir an aller Fähigkeit, ihr zu antworten. Sie missdeutete das, sie sah in meinen Tränen das schweigende Bekenntniss dessen, was sie voraussetzte. In dem Sinne fuhr sie fort, in mich zu dringen. Die innere Qual gab mir endlich Worte. "Liebe, Gute," rief ich lebhaft, "lassen Sie doch einen Wahn, der ja alles Unglück anrichtete, nicht so ausschliessend über sich herrschen. Es ist nicht, wie Sie denken, es ist ganz anders. Sie sahen es auch früher so. Verwandtes Begegnen, Gewohnheit, sich gerade auf gewisse Weise verstanden zu fühlen, Ineinanderschlingen des Gedachten und Empfundenen, Sie wissen, wie hieraus Vertraulichkeit, Teilnahme entsteht. Hugo braucht es, sich v i e l f ä l t i g mitzuteilen. O könnte die Welt das so sehen, hätte sie nichts anders sehen w o l l e n !"

Emma achtete gespannt auf jedes meiner Worte. "Wenn Sie sich nicht täuschen, liebe Elise," lächelte sie fast heiter, "so bin ich doch gewiss, dass Sie mich nicht täuschen wollen. Es wäre möglich," fuhr sie nach kurzem Besinnen fort, "dass sich Alles verhält, wie sie sagen. Wir verwickeln uns so oft in Irrtümer. Ich habe es wohl auch schon gedacht. Aber" – seufzte sie – "Hugo! was drückt ihn so zu Boden?" "Der Despotism des Misstrauens," fiel ich schnell ein