zugetan sind, fällen ein hartes Urteil. Sie wissen, welche Veranlassung die Zungen löste! Es hat mir wehe getan. Und wie Eduard darunter leidet! Gott! der Mann, dem die stimme der Welt viel mehr, als die des eignen Herzens gilt, wie schwer erträgt er die überzeugung, diese g e g e n mich zu wissen.
Auch hat er in vielen Stücken recht. Es ist nicht gleichgültig, wie wir zu den Menschen stehen. Ich fühle das sehr gut. Es ist schon eine Weile her, da schrieb mir Sophie, diese bedeutungsvollen Worte, welche ich damals weit entfernt war, auf mich zu beziehen.
"Der Ruf ist darum so heilig," sagte sie, "weil er den Weg zum menschlichen Vertrauen bahnt oder verschliesst." Sehen Sie, man mag sich dem Angewöhnenden gegenüber s o oder s o stellen, man steht nicht mehr unbefangen und frei.
Ich sagte das Eduard. Er ist billig genug, es einzusehen. Zum Glück bot der erwachende Frühling einen schicklichen Vorwand, die Stadt zu verlassen. Wir sind nun hier auf dem land. Es war eine traurige Rückkehr, Hugo! Das Haus sieht so nüchtern aus den unbelaubten, kaum erst knospenden Bäumen hervor. Die Zimmer sind unfreundlich, der Gartensaal ist noch nicht zu bewohnen, Blumen und Staudengewächse bleiben vor der Hand in den Treibhäusern eingeschlossen. Als wäre aller Schmuck von dem Leben abgestreift, gehe ich an den leeren Gestellen, zwischen kahlen Brettern einher, und suche den Herbst mit seinen langen, glühenden Abendlichtern, dem goldenen Blätterdach und purpurnen Wolkenbergen. Wie reich war die natur! welche Fülle des Daseins strömte die warme, lieblich scheinende Sonne zuletzt noch in unsere frohen Herzen! Als ich jetzt hier eintrat – ich sank in den nächsten Stuhl und weinte, weinte ohne aufhören zu können. Ich habe auch meiner Seits versprochen, S i e nicht hier zu sehen, Hugo!
Welch' wahnsinnige Gewalt übt der Missverstand
über die Freiheit Anderer aus! Und zu was? Ich könnte über die Täuschung lachen, dass es nur die Hohlspiegel der Augen sind, d i e e i n e n G e g e n s t a n d s e h e n ! Aber ich lache nicht mehr. Es bedeutet mir nichts Gutes. Ich lachte im vorigen Herbst so viel, und nun hat die junge Frühlingssonne solchen blassen, fahlen Wasserring!
Mein allerliebster Georg kränkelt seit einiger Zeit.
Er kann den Caplan nicht gewohnt werden. Der fremde, schüchterne Mann ängstigt das arme Kind unbeschreiblich. Wenn er zu ihm gehen, bei ihm bleiben soll, schlägt das liebe kleine Herz so bange und heftig, dass ich weinen möchte. Und doch ist Tavanelli gut mit dem Knaben. Er verzärtelt ihn fast zu sehr. Was ist es denn, das die Liebe hier erschreckt und nicht rührt? Weshalb zieht sich die unbestochene natur davor zurück? Ach, es bleibt zu wahr, auch die himmlischen Mächte reden nur durch irdische Organe zu uns, und w a s diese bedingt, und w i e sie uns fremd oder verwandt berühren, davon hängt Verstehen oder Missverstehen ab.
Einige Tage später.
hören Sie, Hugo, hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe! Meine Seele ist voll davon. Es war eine erschütternde Stunde! fast zu gewaltig für das beschränkte Erdenleben! Aber, Ruhe! Ruhe! Sie sollen Alles wissen. S i e vor A l l e n , müssen es erfahren.
So lassen Sie sich denn erzählen: Georg schien mir kränker. Er sah erhitzt aus, und war ungewöhnlich aufgeregt. Ich erschrack. Eine Krankheit geliebter Menschen, steht gleich wie ein Unglück bringendes Gespenst vor mir. Ich nahm das unruhige Kind in meine arme, trug es auf mein Bette, suchte es durch Lieblingsgeschichtchen zum Schweigen, vielleicht auch zum Schlafen zu bringen.
Bei zugezogenen Vorhängen, bei einer kleinen Lampe setzte ich mich auf den Rand des Bettes. Ich erzählte langsam und flüsternd, alte, tausendmal wiederholte Histörchen. Es war fast ganz dunkel um uns. Der Kleine nahm die Bilder mit in seine Träume, und Weile fort. Allein sein Schlaf war unruhig. Er warf sich hin und her, sprach, nannte fremde Namen, schrie hell: "Tavanelli! fort! fort!" lachte dann wohl dazwischen, kurz, erfüllte mich mit Todesangst. Ich weckte ihn. Er blieb in dem nämlichen Taumel. Ich schickte jetzt eilig nach der Stadt zu Eduard, zum Arzt. Indess vergingen ein paar Stunden auf dieselbe Weise. Den Caplan hatte ich gleich anfangs entfernen müssen. Seine Nähe reizte den Unwillen des Kindes. Neun Uhr Abends war unter wachsender Besorgniss herbeigekommen. Ich lauschte am Fenster auf den rückkehrenden Boten. Da fuhr ein Wagen in den Hof. Der Vater! dachte ich, mit dem Doktor! In d e r Erwartung öffnete ich leise die Tür, und trat in den Vorsaal. Ich hielt die Lampe in der Hand. Ihr schwacher Schein erhellte nur einen kleinen teil des Gemachs, doch gerade den, in welchem ich den Eintretenden entgegen sah. Urteilen Sie von meiner Ueberraschung, als Emma mit schnellen Schritten auf mich zueilte.
Ich weiss nicht, war es Verlegenheit oder Ueberspannung des Geistes? dass ich in demselben Augenblicke ausrief: "Wie gut, dass Sie kommen, Sie finden mich in grosser Bestürzung." Ich habe nachher über die Worte, und was ich damit