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Ich hatte keine Ahndung von seinem Inhalte. Die Handschrift war mir nicht sogleich erinnerlich.

"Vom Caplan Tavanelli!" berichtigte Hugo meinen Zweifel, da er sah, dass ich die Addresse mehrmals las.

"Von Tavanelli?" wiederholte ich, indem ich das Siegel erbrach. "Was kann der wollen?"

"Das musst Du wissen!" war die etwas spöttische Antwort.

Nicht ohne grosse Bangigkeit überflog ich die eng geschriebenen Zeilen. Leider ergoss sich der junge Mann in bittre Klagen über das Peinliche seiner neuen Verhältnisse. Er zeichnete mit scharfen Strichen, und verweilte hauptsächlich bei dem verderblichen Einflusse der ansteckenden Freigeisterei von Seiten der Präsidentin. Wie dieser Brief war, konnte ich ihn Hugo nicht mitteilen. Ich legte ihn daher mit den Worten bei Seite: "Sie verstehen dort einander noch nicht recht. Der Caplan ist unerfahren und deshalb ängstlich."

"Sie werden sich niemals verstehen," versetzte Hugo obenhin. "Das war zu denken."

"Ich meinte es gut!" erwiderte ich, vielleicht ein wenig empfindlich.

"Du meintest etwas anders!" bemerkte Hugo, "und dachtest nicht richtig."

Ich war betroffen durch seinen spitzen Ton. "Ueberhaupt," fuhr er fort, "sind Einmischungen der Art, Eingriffe in die Rechte Anderer. Es ist Eitelkeit und Vorwitz, das Steuerruder lenken zu wollen, wenn das Fahrzeug seine Richtung schon genommen hat."

Ich erschrack, dass mir die Tränen aus den Augen strömten. In demselben Augenblick wurde Hugo ein grossgesiegelter Brief, den ich sogleich für einen fürstlichen erkannte, eingehändigt. Er riss ihn auf. Dann brach er in lautes lachen aus, und verliess, ohne weiter etwas zu sagen, mein Zimmer.

Seitdem sind mehrere Tage verflossen. Er beobachtet das tiefste Stillschweigen. Meine Mutter verlässt das Zimmer nicht. Mich sieht und spricht sie nur flüchtig. Der Comtur hat allein freien Zutritt bei ihr.

Ich stehe wie auf Kohlen. fragen kann ich Niemand. Ich fürchte die Antwort; und von selbst spricht Niemand frei zu mir.

Gott! Gott! wodurch habe ich Hugo's Zutrauen verscherzt! Er glaubt mich gegen ihn verbündet; er hält absichtlich mit etwas, das ihn ärgert, gegen mich zurück.

Um das Maass meiner Unruhe voll zu machen, muss die arme Elise am hof eine Kränkung erfahren haben. Die Stadt ist voll davon. Hugo und mein Name werden dabei genannt. Der junge Wildenau war hier. Ich hörte ihn mit dem Oheim auf einem Spatziergange im Garten angelegentlich davon reden, ohne dass ich das Nähere deutlich verstehen konnte noch wollte.

Werfen Sie aus Ihrem hellen Himmel einen blick in meine verworrene Welt, und sagen Sie mir bald, wie ich es anfange, klar und beruhigend für Andere zu denken und zu handeln. Was hilft es, fände ich auch mich selbst ganz und vollständig wieder, kann ich den geliebten Mann nicht zufrieden stellen!

Elise an Hugo

Nein, ich wanke nicht, verlassen Sie sich darauf. Ich kann Vieles aufgeben, nur m i c h selbst nicht. Was einmal Wurzel in meiner Seele schlug, das verwächst mit ihr, und ist ewig wie sie! Ich habe keinen Begriff von einer Freundschaft, die den Umständen weicht.

Was i s t , das i s t ! Die Welt kann davon nichts ab,

nichts hinzu tun. Diese freilich wird jetzt eine andere für uns.

Wie dem Erdbeben die Bewegung lebloser Körper

vorangeht, so höre ich um mich jenes dumpfe Dröhnen, das innere Zittern und Anklingen, was mit heimlicher Geschäftigkeit auf Zusammenbrechen der Form hinarbeitet.

Es ist sehr unheimlich in meiner Welt geworden,

Hugo! Sehr unheimlich!

Ich fasse es oft nicht, wie der heitre, frische Le

bensbach mit seinen hüpfenden, leicht bewegten Wellchen plötzlich solch dunkler Strom werden konnte.

Und dabei ist nichts geschehen. – Kein Umsturz

der Verhältnisse, keine Erschütterung des Daseins hat an dem Bestehenden gerüttelt.

Alles blieb, wie es war. Nur das Leben! das Leben,

ist auf unbegreifliche Weise anders geworden.

Sagen Sie mir, haben Sie den Schlüssel zum geheimnis? Bin ich denn ganz verblendet gewesen? Bin ich es noch, dass ich nicht sehen kann, was Andern so grosses Aergerniss gibt? Mein Gott! liegt denn die idee innerer Harmonie so tief, dass sie die Leute nicht finden können? Müssen sie ihre kleinen, geselligen Bedingungen d e m unterlegen, was in sich b e d i n g u n g s l o s ist?

Wäre ich eine phantastisch Ueberbildete, ich könnte glauben, von künstlichen Netzen umsponnen zu sein. Aber, meine ganze natur ist dem fremd. Ich atme nur frei, wo ich Wahrheit finde. Und gäbe es eine andere Wahrheit für mich, wie für diejenigen, welche mich richten?

Man beschuldigt mich, einen Raub an Emma begangen, Sie dieser entrissen zu haben. Es fehlt nicht viel, so wirft man mich mit allen müssigen Törinnen in eine Klasse, und macht Gefallsucht und Eitelkeit zum Hebel eines Einverständnisses, das wahrhaftig ohne Wissen und Willen da war, ehe an seine Existenz gedacht ward.

gibt es denn auch Klausen und Zellchen für die Geister, dass sie einander nicht nahen dürfen? und ist um jedes Hauses Heerd eine geheiligte Schranke gezogen, die selbst des himmels Macht nicht sprengen soll? Es verschlüge mir wenig, Toren darüber schwatzen zu lassen, aber auch gute Menschen, solche, die mir