in einer Schlinge hältst, und so den Flug regierest? Besser, er sitzt still auf seiner Stange, und vergisst, dass es über ihm ein Luftmeer gibt und muntre Segler, die es behend durchschneiden."
Ich war wie zermalmt durch die letzten Worte. Was hatte ich getan? Musste ich ihn so reizen? so das Verborgene aus seiner Brust reissen? Ich fühle, er müsse, er werde es verwünschen, dass ich es war, die ihn dazu verleitete! sagen liess sich in diesem Augenblicke nicht wohl etwas. Wir empfanden das Beide. Eine lange, ernste Pause zerriss vollends alle Fäden der Mitteilung unter uns. Die schwüle Stille drückte unaussprechlich auf mich. Hugo verliess das Zimmer nicht. Er ging darin auf und ab. Ich war ebenfalls aufgestanden. Es peinigte mich, ihn so zu sehen und nun doch nicht mehr einlenken zu können.
Er brach zuerst das Stillschweigen. "Eins sage mir," bat er, "kam, was Du eben äussertest, ganz aus Dir selbst, Emma? oder halfen Dir Andere darauf?"
"über Dich, Hugo, und was Dich betrifft," entgegnete ich schnell, "sei gewiss, traue ich nur meinem Herzen. Wenn es eitel ist, Dich allein besitzen zu wollen, so vergieb ihm diese zärtliche Schwäche."
"B e s i t z e n ! b e s i t z e n !" wiederholte er ein paarmal kopfschüttelnd. "Ihr betrachtet alles wie E i g e n t h u m und Waare. Ich schlage den Menschen höher an, er ist mir eben soviel, als die ganze Welt; ich kenne keinen Kaufpreis für ihn. Doch sei ruhig," fügte er hinzu, "ich besitze mich zum Glück noch selbst. Du hast Niemand zu beneiden."
Er wollte hier das Zimmer verlassen. "Sage mir ein gütigeres Wort!" rief ich ihm flehend nach. "Du solltest mich nicht so verkennen. Wenn ich Dir meine Schwäche bekannte, so geschah es nur, weil ich sie auch bei Dir voraussetzte, und Dir ersparen wollte, dadurch verhetzt zu werden."
"Ich danke Dir," sagte er, einen kurzen Augenblick zu mir zurücksehend. "Ich kann mir denken, wie alles steht, und werde auf meiner Hut sein. Verlass Dich darauf." Er ging. Ich sehe nun wohl, dass er sich gerade da gekränkt fühlt, wo er unangefochten zu bleiben verlangt; eifersüchtig bewacht er die innere Freiheit. Er hält mich für anmassender, als ich bin; das gerade verzeiht er mir am Wenigsten. Ich habe dies voreilige Vertrauen schon mit heissen Tränen beweint. – – – –
Mehrere Wochen darauf.
Seit meine Mutter hier ist, lebe ich in einer Spannung, die mich innerlich aufreibt. Wo sollte ich anfangen, wollte ich Ihnen, mein lieber, lieber Freund! alle die tausend Uebergänge quälender Besorgniss, trügerischer Freude und herber Enttäuschungen aufzählen!
Sie wissen, wie ich das Alles voraussehe. Aber, lie
ber Gott! man sieht doch nur im Allgemeinen! Das Einzelne wird erst durchs Leben geboren.
Je regsamer dies von allen Seiten um mich wird, je
drängender nahen sich Gefahren, denen nicht mehr auszuweichen ist.
Nein, nein, es gibt hier keinen Ausweg! Ein jeder
führt zu dem Opfer meines Herzens. Ich hatte längst diese überzeugung.
Hugo l i e b t ! l i e b t z u m e r s t e n m a l e .
Urteilen Sie, von welcher Stärke eine leidenschaft sein muss, die seiner Herr war, ehe er sie noch ahndete.
O! ich habe es immer gedacht! Wenn sich diese
Brust einmal einem Einzigen öffnen könnte, es würde eine Sonne darin aufgehen, vor der die kleinen mond der Erdennacht in sich verdämmern müssten.
Ich kann Ihnen nicht in Ordnung erzählen, ehrwür
diger Herr, was sich Alles hier zugetragen hat. Es kam nach und nach, und war dann mit einemmale da. Anfangs schien meine Mutter ruhig. Hugo wich nicht aus der Burg. Sie hatte das Ansehen, als genüge ihr das. Ich nahm es so. Wir glitten beide über unsere wahre Empfindungen weg. Mir war dabei innerlich so unheimlich, dass ich es nicht aussprechen kann. Hugo's stetes Verweilen drückte mich wie die schwerste Last. Die ausgelassene Laune, mit welcher er sich zu zeiten überbot, presste mir im Geheim Tränen aus. Indess entging meiner Mutter nichts. Ein Paar unselige Stunden im haus der Gräfin Ulmenstein gaben den Ausschlag. Bald darauf machte uns der Fürst einen Besuch auf der Burg. Hugo lächelte. Er empfand schnell, was dies bedeutete. Ich sah ebenfalls meine Mutter von Weitem kommen. Uns nahte ein entscheidender Schlag. Indess standen wir Alle, wie unter einer Gewitterwolke, stumm, gespannt, unser Geschick erwartend.
Da trat eines Morgens Hugo mit einem Brief in der Hand zu mir herein. Sein Gesicht kündigte mir etwas Ungewöhnliches an. Die Unruhe, in welcher ich seiter lebte, gab dem Geringfügigsten eine Bedeutung. "Was hast Du da?" fragte ich hastig, indem ich meine Hand nach dem Brief ausstreckte. Ich hatte wohl unwillkührlich die Farbe gewechselt und mochte ängstlich aussehen. Hugo's scharfer blick setzte mich in Verlegenheit.
"Was ich da habe?" sagte er kalt. "Ein Bote hat Nachts das Schreiben für Dich abgegeben.