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mir selbst klar zu werden? Sagen Sie doch, kann ein Feldflüchtiger Anspruch auf die Siegespalme machen? Lieber Herr Baron, wenn wir einmal wieder zusammen einen Spatziergang durch den Wald machen könnten! Ich bin in diesen Tagen zu der Frau Oberhofmeisterin auf die Burg beschieden. Ich zähle diese vortreffliche Dame unter meine Beschützerinnen. Ihr meine Aufwartung machen zu dürfen, gereicht mir zu grosser Ehre. Vielleicht bin ich so glücklich, Sie, mein bester Herr Baron, auf dem schloss anzutreffen. Von welchem Trost würde mir Ihr gütiger, beruhigender Zuspruch sein!

Emma an den Geistlichen

Ich fürchte, ehrwürdiger Herr, ich bin einer warmen Aufwallung des Herzens allzurasch gefolgt. Mich quält der leise Vorwurf, Hugo beunruhigt, ihn unsicher gemacht, ein freundliches, natürliches verhältnis gestört zu haben. Ich sehe das Hugo an. Er sagt nichts, aber seine Traurigkeit lastet schwer auf mir.

Sehen Sie, es kam so unwillkührlich. An einem von den Abenden, an welchen wir die Ankunft meiner Mutter erwarteten, ich gespannt auf jedes Geräusch horchte, mit Anstrengung sprach und zerstreut zuhörte, lächelte Hugo über meine Unruhe. "Wer Dich so sieht, Emma, der muss glauben, dass mehr Bangigkeit als Freude Deine grosse Unruhe veranlasst." Das Blut stieg mir ins Gesicht. Er hatte den rechten Fleck getroffen. Es fuhr ein Stich durch meine Seele. Leutselig, und vielleicht die flüchtige Aeusserung bereuend, fasste mich der gute Mann bei der Hand, indem er, in mein Auge sehend, auf seine leise und eindringliche Weise fragte: "Was fürchtest Du denn, liebe Emma?" Ich fiel ihm schweigend um den Hals. Mir ward mit einemmale so beklommen. Alles, Alles, was ich mir selbst verschwiegen hatte, sprach mit schnellen Zungen zugleich in mir. Ich war wie betäubt, und weiss auch wahrhaftig nicht, wie es kam, dass ich zuletzt sagte: "Für Dich, Liebster, fürchte ich allein."

Er liess mich langsam aus seinen Armen gleiten, ohne etwas zu erwiedern. Die Falte auf seiner Stirn war dunkler. Ich erschrack. "Nimm es nicht so hoch," bat ich. Er versetzte aber mit grossem Ernst: "Wodurch gebe ich Dir denn Veranlassung zur Besorgniss?" Ich empfand so sehr in seiner Seele, dass ich mich sogleich selbst anklagte, und ihn um Verzeihung bat, wenn eine innere Aehnlichkeit mit meiner Mutter, mich zum Voraus erraten lasse, was diese tadeln könne. "Tadeln?" fragte er scharf. "Nun! und das wäre?" "grosser Gott!" rief ich, seine hände ergreifend, "ich erwähne es nicht, um Dich zu kränken; allein, da einmal die Rede davon ist, und mir ein stiller Augenblick das Herz aufschliesst, so soll es wohl so sein, dass Dir nichts darin verborgen bleibe."

Er ward im höchsten Grade aufmerksam. Näher zu mir heranrückend, sah er mich an, als wolle er mir die Worte von den Lippen lesen. Das verwirrte mich. Ich stockte. Er lehnte sich nun ganz in den Sessel zurück, schlug die arme über einander, und richtete den kummervollen blick nach dem Fenster. Jetzt, da ich nicht mehr seinem Auge auszuweichen hatte, fuhr ich mit mehr Mut fort: "Ich berge Dir es nicht, es gibt Stunden, in denen ich die glückliche Elise beneide, der es Gott gegeben hat, Dich auf leichte und gefällige Weise zu beschäftigen." Es zuckte hier etwas um seinen Mund, das ich nicht Spott nennen möchte; es war wohl überall nur ein Zucken, vielleicht aus Verlegenheit. "Wenn sich," fuhr ich fort, "solch selbstsüchtiges Gefühl in mir regt, lieber Hugo! so glaube gewiss, dass es mich beschämt, und ich um keinen Preis Deine Freiheit kränken möchte. Allein –" ich hielt hier inne. Es lag so viel schmerzlicher Ernst in seiner Miene. Tausendmal bereuete ich das Gesagte. Allein, die Saite war angeschlagen. Sie hatte den Ton verstimmt zurückgegeben. So verletzend durfte sie nicht verklingen. "Allein," hub ich wieder an, "wenn ich Dich auch weit mehr liebe, als mich selbst, und nur froh bin, wenn Du es bist, so kann ich mir vorstellen, dass meine Mutter" – "Aha!" unterbrach mich Hugo, indem er vom stuhl aufstand, und die hände auf dem rücken, mit gesenktem Kopf im Zimmer auf- und abging.

"Missverstehen wir uns denn heute ganz?" fragte ich betrübt.

Er trat an meinen Stuhl, legte seine Hand auf die meinige, und sagte: "Sei ruhig, Emma! Deine Mutter soll nicht über mich klagen dürfen. Ich verspreche Dir das. Kann es Deinen Frieden sichern, und ihr eine unwillige Minute ersparen, so meide ich alle andere Gemeinschaft, und bleibe, wo Ihr mich haben wollt."

"Du guter Mann!" rief ich bewegt, "wie kannst Du glauben, dass ich ein solches Opfer von Dir fordere? Nein! gehe, und komme nur. –"

"Nur?" lächelte er ironisch. "Was denn, Emma, heisst Dein n u r ? bleibe nicht länger, als es uns passend scheint? Spare Dir und mir den Nachsatz. Meinst Du, ein Vogel habe was davon, wenn Du ihm die tür des Käfigs aufmachst, ihn flattern lässt, und doch den Fuss