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ist. Ich glaube, wir verwechseln den B e r u f zur Ewigkeit, mit der F ä h i g k e i t des Herzens, ihr schon diesseits angehören zu können.

Aus der einen Täuschung, welche fortgeerbter Wahn heilig spricht, geht das ganze Heer gezierter Selbstbetrügereien hervor, die das wahre Gefühl mehr entweihen als in Ehren halten.

Ich war erst böse, als ich gestern den Amtmann zu Pferde bei seinen Arbeitern sah. Ich hatte unrecht. Das Leben tritt nach jeder Unterbrechung wieder in seine alte Ordnung. Man muss da mit hinein.

So lange ein Gefürchtetes noch dunkel herannaht, stehen wir in lähmender Spannung auf der Folter der Angst, unfähig etwas Anderes zu empfinden. Ist der Schlag geschehen, so fallen wir entweder mit, oder wir werfen einen wehmütigen blick in den Abgrund, der das Liebste verschlang, verschütten ihn, und säen in der aufgelockerten Erde neue Saaten.

Georgs Wünschelrute hilft einem Jeden über die Trauer hinaus. Irgend wo schlägt sie immer ein, wo man Gold, oder doch diesem ähnliches Metall findet.

Mir ist, Sophie, als schüttelten Sie hier zweifelhaft den Kopf. Sie freilich wollen es nicht Wort haben, dass man verschmerzen könne, was das Herz brach. Nun, und dennoch gehen Sie ihren Weg wie alle Menschen, und haben noch überdies etwas, das Sie stets auf das Angenehmste begleitet. Sehen Sie, so verwandelt sich alles, auch der Kummer in sich selbst, und nimmt von der Farbe und dem Lichte der Welt, in der wir leben, unwillkührlich mehr und mehr an. Wir schaffen uns das Verlorne noch einmal, und söhnen uns auf diese Weise mit dem Geschiedenen aus.

Ich lasse diese Blätter unabgeschickt liegen. Sie entalten zur Zeit wenig, das der Mühe verlohnte, sie einen weiten Weg machen zu lassen. Ich bin gewöhnt, jeden flüchtigen Gedanken zu Ihnen hinüber zu schikken; ich bin jetzt so allein, – Sie fehlen mir an jeder Stelle, ich schreibe also, wie ich schreiben würde, wären Sie in Ihrem Stift, oder wie ich Ihnen gegenüber sprechen würde.

Mit dem letzteren ist es indess doch etwas anders. Es schreibt niemand wie er redet; schon deshalb nicht, weil das Alleinsprechen eine weit besonnenere Verbindung der Sätze, ja, eine consequentere Gedankenund Wortfolge heischt, als die mündliche Mitteilung, welche unwillkührlicher und schöpferischer ihre lose Fäden auf gut Glück auswirft, und ein Ganzes, mehr durch die Harmonie des Zusammenklingens, als durch entwicklung und Abrundung des Einzelnen hervorbringt.

Mein Gott! Sophie, wie gelehrt klingt das! – Ich glaube, das Alleinsein taugt mir nicht. Ich werde eine ganz andere person. So grübelnd und motivirend. Versicherte mich der Arzt nicht, ich sei gesund, so würde ich mich krank glauben. Es ist mir viel schwerer als sonst. Man sagt von gewissen Gegenden und Orten, sie hätten Einfluss auf die Gemütsstimmung. Fast möchte ich denken, das Plätzchen unten am See, in dem melancholischen Schatten der Buchen, so voll dunkeln, geheimen Lebens, rege allzu ernste Gedanken in mir auf. Ich horche Stunden lang auf das sonderbare Rauschen über mir in dem hohen Blätterdach, und sehe die grau gestreiften Wellen in immer tieferm Farbenton zwischen den Bäumen hinfliessen, ohne dass ich Lust hätte, andere Gesellschaft, als die der einsamen natur, aufzusuchen. So etwas ist mir fremd. Ich bin nicht für sentimentale Spiele der Einbildungskraft. Sie entzweien mit der Wirklichkeit. Auch scheue ich das wehmütige Dämmerlicht, was sie den Gegenständen zurücklassen. Und dennoch übt der Platz unwiderstehliche Gewalt über mich aus. Ich werde ihn meiden müssen. Mir taugt das allzu tiefe Hineinsehen in die Verknüpfungen des Daseins nicht. Man sieht doch nur b i s a u f e i n e n g e w i s s e n P u n k t , und wird unsicher.

Ueberdies bin ich dort nicht mehr völlig allein. Ich habe, glaube ich, vergessen, Ihnen zu sagen, dass der Fremde zuweilen hier umher streift. Entweder er fährt in einem kleinen Kahne pfeilschnell vorüber, oder seine Gestalt erschreckt mich plötzlich zwischen der Umbüschung am Ufer. Die Eile, mit welcher er sich entfernt, scheint seine unberufene Dazwischenkunft entschuldigen zu sollen, indess fällt mir die Störung immer unbequem; um so mehr, da Georg jedesmal ganz verschüchtert zu mir gelaufen kommt, und mich mit fragen quält, wer der unartige Mann sei, der so nahe an das wasser gehe?

Ob ich denselben auch nie anders als aus einer gewissen Ferne sah, so scheint er mir doch für einen gewöhnlichen Sekretär oder Geschäftsführer eine allzu edle Haltung zu haben, ja, eine zu vornehme Art, die Dinge anzufassen und zu nehmen. So steht er oft so auf gewisse Weise hoch und gebieterisch, die arme über einander geschlagen, den Kopf gehoben, in dem Kahn, wenn er diesen, durch ein Paar gewaltsame Ruderschläge, in das Getriebe der Flut gebracht hat, und ihn nun lässig auf dieser fortschwimmen lässt. Die arme liegen auf dem ruhenden Holze, das er wie einen Stab gegen den Boden des Schiffchens gestemmt, aufwärts hält, als gebiete er den Wellen.

Neulich hatte er im Vorüberfahren, auf solche Weise stehend, das Ruder weggeworfen, und die Jagdflinte auf einen Zug Wasservögel angelegt. Er drückte indess nicht ab. Auch sah ich ihn das Gewehr bei Seite legen. Vielleicht hatte er das Kind bemerkt, und wollte es nicht erschrecken