Herr Baron, was ist es doch mit dem Menschen, dass er nicht eine Stunde seiner selbst gewiss sein darf!
Es war so still in mir. Jedes schien auf seinem platz, in einfacher, natürlicher Verbindung nach erkannten Gesetzen zu wirken. Ich fühlte mich leicht, mit meinem Gewissen in Ruhe. Alle erlittenen Drangsale, die Stürme früher Jugend, die unaussprechlichen Kämpfe des schwachen, ringenden inneren, es trat mir der ganzen Vergangenheit, wie gesunkener Nebel, zurück. Der frei gewordene Himmel, die milde klarheit um mich her, mein besänftigtes, gestilltes Herz – ich glaubte fest zu sein, weil mich nichts erschütterte, ich hielt mich für einen Andern, weil mein Auge nur die Bilder d e r W e l t sah, i n d e r i c h g a n z a u s s c h l i e ss e n d l e b t e . Was ich so vollkommen empfand, was so innig Eins mit mir schien, wie sollte ich ihm nicht gleichen! Welch ein Wahn täuscht so das Bewusstsein!
Seit ich diese Schwelle hier betrat, bin ich in einer Unruhe, die mich von Widerspruch zu Widerspruch treibt.
Ist es der Dunstkreis, dieser einander ganz unähnlichen Menschen, der mich beengt? sind es die Reflexe ihrer Seelen, die in undeutlichen Umrissen meine Phantasie quälen? Was ist's, das in der schöpferischen Fortbewegung, die wir Leben nennen, plötzlich eine Bilderreihe neuer Ansichten an mir vorüberjagt? oder gibt es ansteckende Einflüsse in der moralischen, wie in der physischen Atmosphäre, von denen uns nichts träumt? Genug, ich fühle es mit Schaam, ich bin nicht mehr derselbe. Es steigen fragen in mir auf, fragen, lieber Herr Baron, die mehr an die Hölle als an den Himmel gerichtet sind, da sie eine v e r n e i n e n d e Antwort erwarten lassen.
Damals, als wir uns in dem Zimmer des Waldhauses befanden, der Herr Graf herein trat, und mit der Landstreicherin seinen Spass hatte, ward ich auf eine Weise beklommen, als waffneten sich feindliche Gewalten gegen meine Grundsätze und Ueberzeugungen. Es regten sich, mitten durch den Widerwillen gegen verbotene Künste, heimliche Zweifel über den Grund solches Verbotes in mir. Das elende geschöpf weckte meinen Zorn wie meine Neugier. Ich hörte ihre Worte, ohne sie hören zu wollen. Sie dünkten mir Unsinn, und doch beschäftigten sie mich. Als nun endlich zu meiner Freude der Herr Präsident erschienen, glaubte ich mich gerettet. In seiner Nähe fühlte ich mich ruhiger. Ich dankte meinem Gott aufrichtig, als ich neben ihm im Wagen sass. Er nahm sogleich das Wort, um mir seine Ansichten zu entwickeln. Ich hörte aufmerksam zu, und konnte nicht anders, als sie vernünftig finden. Allein nach einer Weile bemächtigte sich meiner eine mir sonst fremde Ungeduld über die Langsamkeit des Fahrens. Ich sah erwartend in der Gegend umher. Sie dünkte mir traurig. Ich ward es auch. Nicht, dass ich etwas vermisst hätte, ich wollte es nur anders. Bald empfand ich, dass es mein neuer Hausherr war, der mich ermüdete. Ich ward ganz beschämt vor mir selber. Wir redeten von jetzt an nur noch wenig zusammen. Er hatte seine Meinung gesagt, ich hatte sie gehört, damit war er zufrieden. Der Hochmut flüsterte mir Manches zu, was mir vollends zur Last viel. Als wir nun in der Stadt angekommen waren, und ich vor die Mutter meines kleinen Zöglings trat, empfing mich diese nicht sowohl kalt als misstrauisch. Das Kind sah mich gross an, ich wusste nicht, wie ich dieser gespannten Verwunderung begegnen sollte. Mir ward unsäglich bange ums Herz, die Worte versagten mir. Wir blieben so. Ich hätte den Abend auf meinem Lager in Tränen zerfliessen mögen. Des andern Tages sah ich den schönen Knaben nur flüchtig. Die Eltern gar nicht. Es schien, man wolle sich erst an den Gedanken gewöhnen, mich im haus zu haben. Ich war damit nicht unzufrieden. Mir lag selbst daran, das verlorne Gleichgewicht wieder zu finden. Ich merkte indess bald, dass dies nicht leicht sein werde. Denn, gestaltete sich auch späterhin das gegenseitige verhältnis nach und nach gefälliger, so wuchs gerade daraus der Samen aller meiner jetzigen Qual.
Die gütige und geistreiche Dame, welche von der natur mit den bewundrungswürdigsten Gaben beschenkt ward, zählt unter diesen, als eine der ersten, die liebenswürdigste Aufrichtigkeit. Von dieser geleitet, eröffnete sie mir, wie sie in Bezug auf mich und meinen Einfluss auf die Erziehung ihres Sohnes denke. Sie hält mit nichts zurück und entüllt eine Sinnesweise, die ich einerseits verehren, und von der andern Seite verdammen muss. Das Letztere ängstigte mich unbeschreiblich, da ich ihr Vertrauen nicht verscherzen will. Werden Sie es glauben, der Wunsch, ihr gefällig zu sein, liess mich meine Gesinnungen, wenn auch nicht verläugnen, doch so umhüllen, dass sie nichts geradezu Verletzendes für sie entielten. Seitdem stehen wir nun auf dem fuss des gegenseitigen Austausches der Ansichten. Aber, mein Gott! wie fühle ich oft die meinigen angegriffen, erschüttert! Mit welcher Todesangst muss ich dann zu ihrer Wurzel zurück flüchten und mich ganz eng und klein an sie zusammen krümmen, um nur nicht von dem Flug freierer Ideen fortgerissen zu werden. Bin ich in den Zimmern des Herrn Präsidenten, so erhole ich mich wohl wieder, und