an Hugo
Der Einfall, mir durch den Hausirer zu schreiben, war recht glücklich. Ich empfing Ihren Brief zu einer Stunde, wo ich allein war, und Vieles mit mir abmachen konnte. Sie haben recht, da wo ich Sie verstehe. Allein ich glaube, Sie r e d e n klarer, als Sie schreiben. Ich kann mir wohl vorstellen, dass Sie geschriebene Auseinandersetzungen scheuen. Es wird einem damit unter der Hand anders, als man will! für Leute, wie Sie und ich, die nicht anders als wahr sein können, ist eine solche Künstelei unerträglich. Allein halbe Andeutungen können auch eine Sünde gegen die Wahrheit werden.
Ich bin nicht gewohnt, meine Freunde auf Socken um mich herum schleichen zu sehen. Das hilft auch zu nichts. Ich höre sie kommen, und bin nicht eher ruhig, bis ich weiss, w a s mir naht. Sie, Hugo, treten an manchen Stellen Ihres Briefes dreist genug hervor. Es kann nicht Ihre Absicht sein, mir zu entschlüpfen. Sie wollen sich eine Mühe ersparen, und ich soll Ihre Aphorismen ergänzen.
Ich verstehe das nicht. Mir sind dergleichen Rätsel eine Qual. Kurz und gut, sagen Sie, in einfacher Prosa, ohne Ausrufungen und Phrasen, wie die Gefahr heisst, die Sie heranrücken sehen. Ist sie mehr als ein Luftbild, das in Ihren Burgnebeln schwimmt, so haben Sie unrecht, sich nicht bestimmter darüber auszulassen.
Es ist so viel Fremdes in Ihrer patetischen Beschwörung, n i c h t w e i t e r f o r s c h e n z u w o l l e n , dass ich mich erst auf Sie besinnen musste, ehe ich Sie wieder erkannte.
Sie waren zu gespannt, als Sie schrieben, um zu bedenken, was Sie forderten. G e n ü g e n soll ich mir lassen, dass S i e wissen, was Sie mir v e r b e r g e n , ohne es abwehren zu können?
Nun, beruhigen Sie sich. Ich weiss es, und verliere weder Fassung noch Mut.
Konnten Sie glauben, man werde mich schonen, wenn man überhaupt den Sinn für Zarteit verläugnet? Wo die Fähigkeit des Verstehens fehlt, können verletzende Missgriffe nicht ausbleiben. Es ist viel schwerer, als man denkt, mit gutem Gewissen durch die Welt zu kommen. Die Menschen nehmen an Allem Aergerniss, und ein Herz, wie das meine, möchte das gern Jedem ersparen. Aber das ist vergebene Mühe!
Ich bin unbefangen, und gebe mich so. Die Wenigsten wollen das glauben. Es mag auch wohl für alle diejenigen schwer sein, welche Zwecke und Absichten haben. Ich hatte niemals andre, als mir in jedem Augenblicke treu zu bleiben, das heisst, dem inneren Gefühle nicht entgegen zu handeln, das mich zu Offenheit und Wahrheit zwingt. Ich sagte das gestern, bei irgend einer gelegenheit in des Caplans Gegenwart. Er sah mich überrascht an, ohne etwas zu erwiedern. "Nun?" fragte ich, aus guten Gründen bemüht, mich mit ihm zu verständigen. "Ich zweifle," äusserte er bescheiden, "dass es uns gerade durch das Gefühl klar werden könne, was das eigentliche Wahre in uns sei."
"Gerade im Gefühl!" entgegnete ich lebhaft, "wo dies unverdorben ist, hat es eine stimme, die uns leise und hörbar zuruft: du belügst dich selbst! hüte dich!" "Wo das Gefühl unverdorben ist?" wiederholte der bleiche Tavanelli. "Wo ist das? werden unsere Leidenschaften uns nicht auch glauben lassen, wir folgen den Geboten eigentümlicher Wahrheit, da es doch nur die Lüge geblendeter Sinne ist, die uns eine andere natur aufzwingt?"
"Ich halte nicht viel," erwiderte ich kalt, "von den zwei Naturen, zwischen denen man uns herumhetzt, ohne dass das gequälte Gemüt jemals zur Ruhe kommen kann. Das sind Bilder, um die Undeutlichkeit der Begriffe klar zu machen. Es geht damit, wie mit allem Bildlichen, man hält d i e s e s fest, und lässt den G e d a n k e n fahren." –
"Wie?" unterbrach mich mein Gegner erstaunt. "Sie glauben nicht an ein Doppelwesen in uns, dessen wechselndem Regimente wir erliegen würden, hätten wir nicht eine höhere Vermittlung?" "Sprechen Sie Ihr Anatema nicht all zu eilig über mich aus," lächelte ich vertraulich. "Ich bin keine so grosse Ketzerin, um den Einfluss des Bösen und Guten aus der Welt des Menschen wegphilosophiren zu wollen. Allein ich halte dafür, beides entspringe aus e i n e r natur, die, ihrem Wesen nach, göttlicher Art ist, und nur durch falsche Beziehungen des Lebens verzerrt und entstellt wird." Er schüttelte den Kopf. "Wäre es auch so," sagte er ernst, "was sichert uns, dass wir, unter den unzähligen Trugbildern der Sinne, diese ursprüngliche natur in uns finden?" –
"Wir drehen uns im Kreise herum," rief ich aus. "Ihre Frage ist schon durch meine erste Annahme beantwortet. Jenes instinktartige Gefühl, das wir den himmlischen teil unsers Selbsts nennen sollten, das warnende Wort einer unsichtbaren stimme, das sichert uns vor aller trügerischen Verwechselung."
Der Caplan wollte mich hier unterbrechen, allein wir verstummten beide vor Eduards Dazwischenkunft. Ihnen aber, Hugo