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mein Urteil über sie befragte.

"Sie haben recht," entgegnete sie, "es ist aber auch eine Veränderung mit der Frau vorgegangen, von der man keine Vorstellung hat. Ich glaube," setzte sie vertraulich hinzu, "es sind häusliche Unannehmlichkeiten, die jetzt manchen Sturm veranlassen. Der Präsident hat ein Bischen den Herrn gespielt, und der Fahrlosigkeit mit dem einzigen kind, einem bildschönen, aber unleidlich verzogenen Knaben, ein Ziel gesetzt. Ein strenger Aufseher für Mama und Sohn ist angekommen, und irre ich nicht, so lockt dieser die Tränen aus den schönen Augen."

"Ach!" entgegnete ich gelangweilt, "es sind nicht die Domesticalien einer fremden Familie, die meine Wissbegier reizen, ich verweile einzig bei dem, was ich sah, darüber darf ich reden, das Uebrige interessirt mich wenig." "Nun," versetzte die Gräfin, den Stich verschmerzend, "ich möchte wohl wetten, sie betrachten die person nicht so angelegentlich um der blossen Persönlichkeit willen, man denkt immer noch was hinzu, und bei dieser fällt einem mancherlei ein."

Sie begleitete das Letzte wieder mit ihrem gewöhnlichen Lächeln. Ich war nur zu gewiss, sie verstanden zu haben.

Elise hatte sich indess entfernt. Sie eilte nach der Stadt zurück. Auch wir brachen nun auf. Hugo war zu Pferde. Ich sah ihn den Abend nicht mehr. Er blieb auf seinem Zimmer, doch erfuhr ich, dass er mit uns zugleich im schloss angekommen war. Es ist Bewusstsein und überlegung in dem Allen, und das ist ein gefährliches Zeichen.

Die Nacht liess mich schlaflos in meinem Armsessel. Sie wissen, ich scheue bei der leisesten Bewegung der Seele das Bett, wie eine Marterbank. In den Falten der Vorhänge, in den Decken lauern all die hüpfenden, beweglichen Gedanken, die immer dichter, immer näher gegen mich anrücken, und mich zuletzt ganz toll und verwirrt machen, bis ich aufspringe, und ein Lager fliehe, das eingebildete und wirkliche Sorgen mit brennenden Nesseln bestreuen.

Unzähligemale rief ich mir zurück, was ich heute gesehen und gehört hatte. Ich bemühte mich, es ruhig zu betrachten. Es konnte sein, dass ich auf ohngefähre Andeutungen zuviel gegeben, dass ich Zufälliges in falschen Zusammenhang gebracht hatte, es konnte aber auch anders sein. Und was denn? Sagen Sie doch, Sophie! was denn? Ich gestehe Ihnen, es öffnet sich dabei ein Abgrund vor meinen Füssen. Vielleicht d e s h a l b , vielleicht auch, weil mein Gefühl, mein Stolz, meine ganze natur widerstrebt, das Demütigendste, was es gibt, zu denken, denke ich es noch nicht deutlich. Aber, aber! wenn –!

Es ward mir aus Manchem klar, dass ich meinen Verdacht hier sorgfältig verbergen, und eben so unbefangen scheinen müsse, als man es um mich her zu sein bemüht ist. Denn ein Wort, ein einziges Wort reicht hin, das ganze Gebäude künstlicher Harmonie zusammen zu stürzen. Und wenn mein Argwohn grundlos wäre, Sophie! – Im Stillen arbeiten will ich indess, einen möglichen Ausweg zu bahnen. Ich habe an den Fürsten geschrieben. S e l b s t mochte ich ihn nicht in seiner Residenz aufsuchen. Ich werde keinen Schritt tun, der in die Augen fallen könnte. Man gibt mir ja in diesem haus das beste Beispiel rücksichtsvoller Besonnenheit, denn das wenigstens ist gewiss, dass Hugo seine ganze Lebensweise, seit ich hier bin, verändert hat. Denken Sie doch nur, nicht ein einzigesmal hat er das Schloss in dieser ganzen Zeit verlassen. Wie kommt er zu dieser Stätigkeit, wenn er mich nicht irre zu machen gedächte?

Wüsste ich nur, was er die Nächte über treibt. Seine Zimmer sind unter den meinigen. Ich höre ihn stundenlang gehen, die Fenster öffnen und schliessen, zuweilen sprechen. Mit wem spricht er? Irre ich nicht, so sah ich ihn neulich über die brücke dem wald zuschreiten. O die geheimen Wege haben nur ein dunkles Ziel.

Mehrere Tage darauf.

Der Fürst war hier. Er ging sehr geschickt in das ein, was ich ihm nur andeuten konnte. Eine Jagd in den hiesigen Forsten musste ihm zum Vorwande seines Besuches dienen. So kam er denn Allen unerwartet, ausser mir. Haben Sie eine Vorstellung meines SchrekJa, ja, Sophie! Ihre Freundin steht entlarvt vor der Welt. Jedes Kind kennt ihr verhältnis zu Hugo. Man lacht darüber, wie man immer den pfiffigen Betrug als einen Gegenstand der Kurzweil betrachtet. Alles in mir glüht! ich habe die witzigen Ausfälle des Fürsten bestritten, weil ich das Ridicul wohl fühle, das auf mich und Emma dadurch fällt. Aber fort muss Hugo von hier! Und wäre es auch nur des Anstandes wegen. Der Fürst sieht das ein. Der Schlag wird nächstens geschehen. Unvorbereitet soll er Alle treffen. Den Comtur denke ich indess zu schonen. Ich bin begierig auf die Unterredung mit ihm.

Dass ich krank bin, dass ich Zimmer und Bett hüte, denken Sie wohl von selbst. Doch sterben, sterben werde ich jetzt nicht, das darf nicht sein. Tavanelli, der junge Caplan, von dem ich Ihnen einmal schrieb, ist hier, ist im haus der berühmten Circe. Emma ist seine Beschützerin. Wünschen Sie mir Glück zu dem Funde. Ich will ihn nicht ungenutzt lassen.

Leben Sie wohl. Mein Gott! wie wird das enden!

Elise