1829_Fouqu_022_64.txt

der Blitz stand das Gespenst vor mir, dessen dunkle Nähe mich geängstigt hatte. S i e war es, diese pomphaft angekündigte, gepriesene Dame der Gedanken des Oheims, und nur zu wahrscheinlich auch der des Neffen. Dieser hatte seinen Platz weit von ihr, auf derselben Seite der Tafel genommen, wo ich mich befand, sie sass mir gegenüber. Beide hatten noch nicht ein Wort mit einander gewechselt. Emma hingegen überhäufte sie mit Herzlichkeit. Was bedeutete das Alles? Was sollten die langen, fragenden Blicke jetzt entdecken?

Ich fasste, von da, den verdächtigen Gegenstand schärfer ins Auge. Die Frau ist schön, und fast bis zum Unscheinbaren einfach. Sie hatte den Comtur an ihrer Seite. Er unterhielt sie mit grosser Lebhaftigkeit, ohne gleichwohl ihre Aufmerksamkeit fesseln zu können. Sie schien zerstreut, und wie mir es vorkam, in einer nachdenkenden, bekümmerten Stimmung. Hugo, der alle Schleusen seines witzigen Humors öffnete, hatte sich in Kurzem der Unterhaltung bemächtigt. Er beherrschte, wie es ihm wohl zuweilen glückt, die ganze Gesellschaft, und liess sie nach Gefallen lachen und sich verwundern. Elise sah ein paarmal mit grossem Ernst nach ihm hin. Der Ausdruck ihres Gesichts trug die Spuren schmerzlicher Ungewissheit.

Ich ward immer gespannter. Das Herz klopfte mir laut in der Brust. Mein Gesicht verrät augenblicklich, was in mir vorgeht. Emma hatte schon alles darauf gelesen, ich sah es ihr an, auch bemühte sie sich, mich anderweitig zu beschäftigen. Ein junger Baron Wildenau dünkte ihr wert, von mir beachtet zu werden. Sie verflocht uns in ein Gespräch, wozu meine Rückkehr aus Italien und seine früheren Reisen dahin, natürlich Veranlassung gaben. Ohne unhöflich zu sein, konnte ich mich dem nicht entziehen. Der junge Mensch hat überdem so was Ungewöhnliches, das interessirt. Sein dunkles Gesicht zeichnet sich durch Regelmässigkeit der Züge, und lange, schwarze Augenwimpern aus, die wie ein Schleier das ernste Gesicht beschatten, und zu der stummen Zurückgezogenheit seines Wesens passen. Er spricht leise, bis zur Undeutlichkeit, so dass ich mich ganz zu ihm wenden und anstrengend hinhören musste, wollte ich nichts von dem verlieren, was er Gutes und Gescheutes sagte. Hierzu kam, dass die Gräfin auf jedes seiner Worte lauschte, sie mit Exklamationen der Bewunderung begleitete, und öfters ihre anderswo beschäftigten Töchter zu gleicher Teilnahme aufrief, weshalb denn der bescheidene junge Mann meist den blick senkte, und mehr allgemeinhin, als zu mir redete, was der Conversation etwas Drückendes gab. Hierüber hatte ich das, was mir eigentlich viel näher lag, aus den Augen verloren.

Die Tafel ward aufgehoben. Man zerstreute sich in den Nebenzimmern. Die Gräfin hielt mich bald beim Fortepiano fest. Ich sollte ihre Töchter singen hören. Der Baron Wildenau, im ganzen haus auf vertraute Weise, Leontin genannt, musste diese begleiten. Er hat Kraft und Weichheit der stimme, einen italienischen Vortrag, Sinn und Gefühl, so dass ich bei meiner unbegränzten Liebe für Musik unwillkührlich gefesselt ward. Die Gräfin schwelgte in meinem Beifall. Leontin soll ein Stückchen Erbschaft, das ihr entgangen, auf ihr Haus übertragen, deshalb projectirt sie eine Heirat zwischen ihm und einer ihrer Töchter. So lange er nicht N e i n sagt, nimmt sie das J a als entschieden an, und fühlt sich in ihm geschmeichelt. Wie immer, überbot sie sich auch heute im Eifer. Das Singen nahm kein Ende. Zuletzt dachte sie auch an das Talent Anderer. Emma und Elise wurden aufgerufen. Die Letztere fehlte in dem Kreise, der sich nach und nach um das Instrument gebildet hatte. Emma sprang mit einer Eile auf, sie zu suchen, die ich an ihr sonst nicht kenne. Verwundert folgte ich ihr mit den Augen. Sie schlüpfte in eine Fenstervertiefung des nächsten Zimmers. Hugo trat eben aus dieser heraus. Einige Minuten darauf folgten die beiden Frauen. Die Gräfin warf einen blick des Einverständnisses auf ihre Töchter, alle drei lächelten verstohlen, sie umringten darauf Elise, zogen sie zum Clavier, und hiessen sie Emma und Hugo accompagniren. Mechanisch tat jene, was man wollte. Sie war weder verlegen, noch bemüht, sich zu verbergen. Ganz mit sich und was in ihr vorging beschäftigt, liess sie die Finger Töne anschlagen, das Auge Noten lesen, und andere daraus machen, was sie wollten. Emma stand indess mit Fieberröte auf den Wangen, hinter ihrem Stuhl; Hugo etwas weiter vor, mehr mit den umzuschlagenden Blättern als dem Gesange beschäftigt, hatte eines der komischen italienischen Duos aufgesucht, das er zu allgemeinem Ergötzen auf das Lustigste vortrug, worin ihn Emma mit einer Selbstverleugnung und Gewandteit begleitete, die mich einen Augenblick zweifelhaft liess, was ich hier am meisten bewundern sollte. Von allen Seiten ergossen sich Lobsprüche und schmeichelhafte Ausrufungen. Der Graf verzog den Mund zu einem satyrischen Lächeln, trat dann, wie Jemand, der sein Kunststück gemacht hat und abgefertigt ist, von dem Instrument zurück. Leontin hatte nicht aufgesehen. Es lag etwas in seiner Miene, zu dem ich wohl den Schlüssel haben möchte.

Von jetzt an war es um meine Ruhe getan. Alle Kunst der Gräfin reichte nicht hin, die Verstimmung, welche immer ansteckender um sich griff, wieder zu entfernen. In den Veilchenaugen der Präsidentin standen Tränen. Sie blieb befangen, ich fand sie weder so anziehend noch so ungewöhnlich, als sie mir geschildert ist. Ich sagte das der Gräfin, als diese mich um