sie mich in Kurzem, zu meiner Strafe und ihrem Triumph, in das Netz ihrer Worte verstrickt. Ich büsste jetzt meine frühere Gleichgültigkeit durch die stechendste Neugier. Urteilen Sie nur, wie ich aufhorchte, als sie unter endlosen Faseleien und ewigem Kichern auf die spasshafteste Weise von der Welt bemerkte: Es sei ein wahres Werk der Barmherzigkeit, dass ich gerade in diesem Augenblicke hierher gekommen sei; ihre Trauer um die arme, liebe Tante, wie sie mit plötzlich veränderter Miene und einem kleinen Anflug süsslicher Wehmut hinzusetzte, ihre Trauer fessle sie jetzt, als verständige und alles überlegende Frau, in Ulmenstein, die ganze Nachbarschaft sei verödet ohne sie, die Burg ebenfalls ausgestorben, da die häusliche Emma die Einsamkeit zu sehr liebe, um selbst nur ihren Mann nach der Residenz begleiten zu wollen, wohin ihn doch sehr natürlich unzählig kleine und grössere Verpflichtungen alle Augenblicke riefen.
Ihre lächelnde stimme lief hier in die unangenehmste Feinheit aus. Ich arbeitete an meinem Tapisserie, wühlte unter den bunten Knäueln, hielt die Farben zusammen, zählte und berechnete Stiche und Fäden, während das Blut schon unruhiger in mir wogte, doch hielt ich es zurück, ich lächelte ebenfalls, und erwiderte in demselben Tone: "Es ist auch sehr schön hier im schloss, ich begreife, dass man sich sehr ungern daraus entfernt."
"Ja, bei Gott! sehr schön," rief sie emphatisch aus. "Wer weiss das nicht? Aber man muss doch auch ein klein Bischen uneigennützig denken, und die übrige Welt nicht ganz über seine Lieblingsgenüsse vergessen. Werden Sie es glauben," lachte sie hier wieder auf eine schneidende Art, "dass die böse kleine Frau über einen monat nicht ein einzigesmal bei mir zu Mittag gegessen hat? Immer war entweder der Graf im Begriff, abzureisen, oder er sollte eben an diesem Tage wieder kommen, und so geizt die zärtliche Gattin mit jeder Minute, die sie der Musse ihres beschäftigten Freundes abstehlen kann, dass sie uns andern armen Leuten auch keine einzige davon aufopfern will."
"Sie sind sehr gütig," erwiderte ich, über meine Arbeit gebeugt, und die Augen auf dieser hin- und hergehen lassend, um nur die Schwätzerin nicht anzusehen. "Sie sind sehr gütig, meine liebe Gräfin, sich soviel um die Undankbare zu bekümmern, die nur einer alten, bösen Gewohnheit der Bequemlichkeit nachgiebt, wenn sie die rücksichtsvolle Ehefrau spielt. Wie oft mag sie dem guten Hugo einen Ritt oder eine Fahrt nach der Stadt andichten, um nur ihre Trägheit zu entschuldigen."
"Das nicht! das nicht!" fiel die Gräfin lebhaft ein. "O! ums himmels Willen, demütigen Sie mich doch nicht so sehr, hier eine blosse Ausflucht zu suchen, wo ich ein besseres Motiv voraussetze, das meiner Eitelkeit weniger empfindlich ist. Nein, ich weiss, die liebenswürdige Emma weicht meinen Einladungen nicht ohne G r u n d aus."
Es blitzte bei diesen Worten so ein gewisses, rasches, gelbes Licht aus ihren kleinen, beweglichen Augen, dass ich, unwillkührlich zu ihr aufsehend, davon auf das Unangenehmste überrascht wurde. Es war keine Frage, sie deutete auf etwas hin, das sie nicht gesonnen war, mir verbergen zu wollen. Mir lag aber daran, es nicht durch sie zu erfahren, deshalb drückte ich meine Hand leise auf ihren Arm, indem ich so wenig trocken als möglich sagte: "Ich sehe wohl, Ihre Freundschaft für Emma macht Sie eifersüchtig! Sie rechten selbst mit Hugo, dem Sie die Minuten nachzählen, welche er in der Gesellschaft seiner Frau verlebt."
Die Gräfin ward hier sehr rot, und half sich mit ihrem gewohnten lachen. Nach einer Weile trat der Comtur ins Zimmer. Die Gräfin war honigsüss mit ihm. Er liess sich das nicht ungern gefallen. Es ist keine Angelrute so abgenutzt, dass nicht die Eitelkeit der gescheutesten Männer zu gewissen zeiten anbisse. Jetzt wurden wir neu bestürmt, in den nächsten Tagen nach Ulmenstein zu kommen. Ich verwahrte mich dagegen wie ich wusste und konnte, doch zuletzt musste ich es geschehen lassen, dass die Einladung auf den folgenden Mittag angenommen ward.
Man hat ein Vorgefühl von dem, was einem treffen wird. Ich hatte es, als ich in den Wagen stieg, um die Fahrt zu machen. Mir war diese an sich höchst fatal. Ein Diner auf dem land gehört zu dem Widersinnigsten, was ich kenne. Da, wo alle Ostentation entfernt sein sollte, erscheint sie doppelt lächerlich. Man ist nicht geneigt, sie sich gefallen zu lassen. Man will und verlangt etwas anders, und wird verdrüsslich, immer das Alte zu finden.
Es liess sich, nach der Persönlichkeit der Gräfin, auf die Prätentionen ihrer häuslichen Einrichtung schliessen. So etwas stösst mich ab. Ich legte in keiner Epoche meines Lebens Wert auf das Vorübergehende, und wenn ich übertriebene Modesucht schon bei der Jugend unnatürlich finde, so dünkt sie mir im Alter die Schminke der Dummheit und Leerheit zu sein.
Ich suchte den Grund meiner Scheu vor dem Besuch in Ulmenstein in dieser natürlichen Abneigung gegen unpassende Künsteleien. Wir sassen auch schon eine Weile bei Tisch, ehe ich mich besinnen konnte, und bewusst ward, was mich eigentlich auf unbegreifliche Weise beklemme. Zufällig begegnete ich Emma's Blicken, welche mit einem sonderbaren Ausdruck von Befremden, bald auf Hugo, bald auf Ihrer Freundin, der soviel besprochenen, schönen Präsidentin ruhten. Schneller wie