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überrascht, durch das Neue und Sonderbare des Anblicks. Mich selbst, und was mich hierher trieb vergessend, rief ich schon, ehe man mich hören konnte: "Willkommen, willkommen, liebe Kinder!" Bei dem ersten laut meiner stimme füllt sich der Hof mit Menschen und Lichtern; Emma stürzte an den Schlag des Wagens, sprang auf den Tritt desselben, und lag in meinen Armen, in einer Bewegung, die ihr Sprache und Besinnung raubte. Ich fühlte, ich hörte die Schläge ihres lieben Herzens, das meinige brach fast vor Entzücken. Indess war Hugo auch herabgekommen, er hob mich aus dem Wagen, und führte mich und Emma zum schloss hinein.

Mit stummer Rührung drückte er unsere hände in den seinen. Es erschütterte ihn sichtbar, uns so einander wiedergegeben zu sehen. Er hat an Behutsamkeit, an Feinheit des Betragens gewonnen, man fühlt, er kennt seine Stellung, und dabei hat er nichts von jenem besonderen verloren, das unsre Fürstin, die Schwingung eines tiefen, melancholischen Accordes nennt. Sie wissen! ich bin nicht für Schwärmereien der Art, indess musste ich mir, wenn auch widerstrebend, eingestehen, dass man Hugo nicht nahet, ohne in eine ungewöhnliche, denkende und nachempfindende Stimmung zu versinken. So flohen die ersten Stunden hin, indess mich, was ich sah und hörte, immer mehr erregte, immer williger machte, die neuen Eindrücke mit Feuer und Bewunderung aufzunehmen. Ich fordere auch Besonnenere als ich bin, auf, ungeblendet von dem Reiz des rührendsten, lieblichsten Wesens, der einzigen, über alles geliebten, nach langer Trennung wiedergefundenen Tochter zu bleiben. Sie selbst, von Freude strahlend, mitten im Glanz der sonderbarsten, erhabensten Umgebung glücklich, die Fürstin ihres Kreises, darin gebietend und herrschend mit dem Zauber einer Fee; sie so zu sehen, und auf die Plackereien, das Gezänk und Gewäsch miserabler Flachheit zurück zu blicken, den Massstab der Beurteilung von da herzuholen, kurz, zu wissen, was man früher wollte! Ach ich atme nun, wie in andrer Luft! Ich hätte schwören können, mir wäre nie ein Zweifel über die vollkommene Zufriedenheit Emma's in den Sinn gekommen.

Der feierliche Ernst des Comtur, zu welchem er schon in der Jugend eine leichte Anlage hatte, und der ihm nun zur andern natur geworden sein mag, stemmte sich zuerst gegen die raschen Ausbrüche meiner sorgenfreien Laune. Ich stiess mich so zu sagen an ihm, und in der unangenehmen Empfindung, die auf so etwas folgt, sah ich mir den Mann, den Ort, die Menschen bestimmter an. Ich spürte leicht die Spannung heraus, die sich an gewissen Tagen über häusliche Verhältnisse, über Personen und deren Art und Weise verbreitet. Emma kam mir ängstlich, Hugo nicht natürlich, der Oheim unsicher zwischen beiden vor. Es ist unglaublich, wie das leiseste Verrücken des Gesichtspunktes, sogleich blick, Gedanken, Gefühl, Stimmung in uns anders macht! Ich wurde nachdenkend wie der Comtur. Es half diesem wenig, dass er gleichgültige gespräche mit Feinheit und Anmut zu beleben suchte, als sei zwanglose Heiterkeit hier einheimisch, ich hatte es bald weg, man war bemüht, mich zu unterhalten, und jedweder hatte dazu seinen Festtagsrock angezogen.

Das ist im Ganzen auch so geblieben, nur werden wir nach gerade der Spielereien überdrüssig. Hugo sieht manchmal aus wie die stumme Verzweiflung. Emma überbietet sich dann in Gesprächigkeit und launigen Anekdoten, sie lacht und erzählt, aber ihr lachen jagt mir das Blut ins Gesicht, ich schäme mich in ihre Seele, dass sie gezwungen ist, eine Rolle vor mir zu spielen, die ihres Mannes hölzerne Leblosigkeit sehr schlecht unterstützt. Und ich, Sophie, soll unschuldig genug sein, dahinter nichts anders zu suchen, als Eigensinn und Laune? Nein, ich spiele mit! und gehe, wie alle Andere, frei hinter den Coulissen hin und her. Es steht da noch Mancher, der frühe oder spät in die Scene treten wird. Bis zur entwicklung sind wir noch nicht gelangt, denn die Fäden der Intrigue laufen kraus durch einander.

Der Intrigue? Ja, ja! ich bin gewiss, dass sie existirt, dass sie sich unter Emma's Augen angesponnen und gebildet hat, dass sie es sieht, es weiss und duldet, um nur den Undankbaren nicht zu stören, der unser Aller Elend machen wird. Darin liegt der Schlüssel ihres Betragens, deshalb die Anstrengungen unheimlicher Fröhlichkeit, denen weder ihre innere noch äussere Kraft gewachsen ist.

Das ist es, Sophie, was ich herausfühlte. Zu bemerken, zu entdecken ist hier nichts. Dazu sind Alle in stillschweigender Uebereinkunft zu einig, denn sie wissen, dass man demjenigen, den man ans Licht ziehen will, unter der künstlichsten Verkappung nachspürt. Doch finden sich auch willige hände, die unversehens den Finger ausstrecken, und hinzeigen, wo man sehen soll.

Unsere Gräfin in Ulmenstein ist in solchen Fällen von unzuberechnender Dienstfertigkeit. Ich war kaum auf der Burg angekommen, so kam sie auch. Meine Laune stimmte schlecht zu solchem Besuch. Musste ich hier gleich auf eines der lästigen Geschöpfe stossen, die in ihrer faden Wichtigkeit schon so breite Plätze am hof und in der Stadt einnehmen! Mit der stummen Höflichkeit, die Sie mir unzählige Male vorwarfen, parirte ich den Andrang unbequemer Geschwätzigkeit, mit der die bewegliche Frau auf mich zurannte. Sie ward nicht einen Augenblick irre. Ohne im Mindesten von ihrem Eifer abzulassen, hatte