. Man dürfe nicht so allein an sich denken. Oben auf der Burg erwarteten uns die Damen und der würdige Comtur, wir seien ihnen Rücksichten schuldig, er wolle nicht das Ansehen haben, solche gering zu achten. Elise, ich biss mir in die Lippen, so lächerlich war mir der fürstliche Sittenprediger, den man bis unter Gottes freien Himmel an mich abgeschickt hatte.
Es mochte indess hingehen. Wir fuhren nach haus. Unterwegs lobte er den Wald, die Gegend, fragte nach dem neuen Bau drüben auf Wehrheim, drang deshalb in mich, wollte Alles wissen, und schloss dann unter lautem lachen mit der Bemerkung, dass ich schlecht bei mir selbst zu haus sei. Ich fühlte den Stich, verschmerzte ihn aber, da er nichts Wesentliches in mir verletzte. So lachte ich mit ihm, vielleicht mehr von Herzen, als er. Nach und nach rückte er denn heran, sprach von umfassender Tätigkeit, öffentlichem Leben, dem Interesse an Staatsverhältnissen, nannte das grosse Lügennetz: die Politik, das eigentliche Gewebe des Scharfsinns, und meinte, der schlaue Jäger finde hier erst ein geräumiges Feld, sein wild aufs Korn zu nehmen.
Jetzt wusste ich, wo man hinaus wollte. Zum Glück hielten wir bereits an der Schlosstreppe. Meine Antwort blieb ich ihm schuldig. Er wird sie mir schon noch abfordern. Doch sei es w a n n und w o es wolle, die Wahrheit soll er gewiss hören.
Gott behüte mich vor neuen Ketten! Als wenn ich nicht schon an den jetzigen schwer genug zu tragen hätte. Meine Schwiegermutter ist seitdem von der besten Laune. Sie geht in Jedes ein, was ich sage, gibt mir Recht, teilt ganz meine Ansichten. Was hat das anders zu bedeuten, als dass mein Urteil gesprochen ist, und sie dem harten Ausspruch einen milden, bestechlichen Klang einhauchen möchte. Elise! geben Sie Acht, das ist der Stein, an dem Vieles zerschellen wird!
Ich breche kurz ab. Es hat sich ein Bote gezeigt, der das Schreiben noch vor Ihrem Erwachen zur Stadt trägt. Ich lag im Fenster. Es dämmerte kaum. Da hörte ich schon von ferne die weit ausgreifenden, taktmässigen Tritte eines geübten Fussgängers. Nicht lange, so ging Jemand dicht an dem haus entlang. Ich beugte mich vor. "Walter!" rief ich halblaut. Die grosse, gebückte Gestalt für diesen haltend. "Ja!" antwortete der Wandrer, "was giebts?" "Seid Ihr's, Walter?" fragte ich noch einmal. Dieser nickte mit dem kopf, ohne etwas zu erwiedern.
"Was habt Ihr denn Eiliges hier zu tun?" lachte ich, ohne mir etwas dabei zu denken. "Hier schläft noch Alles, Handel und Wandel wird um diese Stunde nicht getrieben." "Ist auch nicht meine Absicht," entgegnete der Hausirer. "Ich gebe nur gelegentlich einen Brief an die Frau Gräfin ab. Ich komme drüben von der Tannenhäuserin, und gehe hinunter nach Wehrheim, um von dort mit dem Marktschiffe nach der Stadt zu gelangen. Das Schreiben ist von dem Herrn Caplan, er hat es, ich weiss nicht wie, unsrer Wirtin zur weitern Beförderung zustellen lassen."
Walter hatte sich während dem auf einen Stein gesetzt. Ich hiess ihn da warten, bis ich hinunter kommen würde. Ich habe nun diese Zeilen niedergeschrieben, ich füge nichts hinzu; aber – wie ein Zug dunkler Nachtvögel, schwirren widerwärtige, verworrene Vermutungen an mir vorüber. Emma! – der Caplan! – Der geheimnissvolle Weg ihrer Mitteilung! – O die Geistlichen sind so verschlagen, und die Tauben so zahm! so zum Abrichten gemacht!
Ich verlasse Sie in einer sonderbaren Stimmung. Nein, Elise! nein, ich verlasse Sie nicht, niemals, ich bin Ihr Freund, mehr als jemals! Ich begleite Sie wie Ihr Schatten. Sein Sie ruhig, ich bitte Sie! Es ist nichts! Ich bin bei Ihnen, verlassen Sie sich darauf.
Ich eile zu Walter hinunter. Ich werde ihm den Brief vom Caplan abnehmen, ich will ihn Emma s e l b s t geben! Sie ist wahr, sie kann – doch leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Elise!
Die Oberhofmeisterin an Sophie!
Wundern Sie sich nicht, dass ich mir so viel Zeit liess, ehe ich an Sie schrieb? Nur wenn Sie hier wären, würden Sie es verstehen, wie ich zu dieser Entaltsamkeit kommen konnte.
Es ist nicht leicht, Worte zu finden, wenn man nicht weiss, was man denkt oder fühlt? Sehen Sie, jede andere wie ich, würde hier ruhig, und leidlich zufrieden sein. I c h bin es nicht, i c h kann es nicht sein, ob ich gleich gestehen muss, dass ich Niemand einen Vorwurf zu machen habe, noch etwas Bestimmtes tadeln kann. In den ersten Augenblicken nach meiner Ankunft war ich völlig geblendet. Hätte ich Ihnen da geschrieben, Sie würden triumphiren. Es war Nacht, als ich den Fels hinan, zu dem erleuchteten Burghofe einfuhr. Die grosse Ampel über dem Steinbrunnen, die hohen Tannen, zwischen denen sie schwebt, das Licht selbst so magisch über die besondere Architektur ausgegossen, und Emma endlich, schöner als je, unter den gotischen Bogen, auf der gewundenen Treppe stehend, hinter ihr der Comtur, imposant wie immer, durch Gestalt und Haltung, ich sage Ihnen, ich war