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Anspruch nehmen.

Sie sind gewiss weit entfernt, nach fremdem Eigentum Verlangen zu tragen; aus demselben grund würden Sie auch die Erste sein, eine Mitteilung zu wünschen, die ich Ihnen nur auf Kosten Anderer machen könnte.

Lassen Sie sich nicht darnach verlangen, meine Liebe! Es ist eine verjährte, abgestorbene geschichte, in die, wie ich fürchte, niemals sonderlich viel gesundes Leben hineinzubringen sein wird.

Das Schlimmste ist, ich sehe mich genötigt, eine beschwerliche Reise zu machen, zu der ich in keiner Art vorbereitet bin, und die mir jetzt doppelt unwillkommen ist, weil ich Sie, liebste Elise, in trüber Bedrängniss zurück lasse.

Leider hege ich keine Hoffnung zur Wiederherstellung der guten Kranken. Der Arzt hat sich andern Orts weniger zurückhaltend gezeigt. Sein Ausspruch ist eben nicht tröstlich. Es herrschen bösartige Fieber in der Gegend, und er fürchtet, hier ein Opfer daran fallen zu sehen.

Sein Sie um alles in der Welt auf Ihrer Hut, liebe Elise! Solche Krankheiten teilen sich den Umstehenden mit. Sie sind so erregbar, so selbstvergessend, und bereit, fremde Lasten auf sich zu nehmen. Sie werden als Pflegerin weit mehr tun, wie Sie sollten, und die Gefahr wird sich gegen Sie kehren. Bedenken Sie Eduard und den Engel Georg. Tausendmal umarme ich das liebe Kind. O vergessen Sie es nicht, dass Sie seine Mutter sind, und sein kleines Leben genau mit dem Ihrigen zusammenhängt.

Ich bitte Gott, Sie beide in seinen Schutz zu nehmen. Mein Herz ist schwer, Elise! Ich reise recht ungern von hier fort. Sein Sie vorsichtig, liebe, liebe, schöne Seele! Weiss der Himmel, ich fürchte immer so viel für Sie.

Ist es, weil ich Ihnen zu sehr ergeben bin? oder stehen Sie wirklich zu sorglos, zu unbewaffnet in der Welt.

Aber Sie können nicht anders! Das ist eben meine Angst.

Nun, Ihr guter Engel verlasse Sie nicht.

Elise an Sophie

Warum Sie nicht dennoch auf einen Augenblick herüber kommen, um Abschied von mir zu nehmen, das liegt am Tage. Sie fürchteten, trotz aller schönen Worte, mich unbescheiden zu finden, und wollten Ihr geheimnis keiner Gefahr aussetzen. Ach! Sie hätten immer kommen können. Ich bin nicht begierig, das Verborgene zu entüllen. Wie vieles ist doch über den Menschen verhängt, wovon er keine Ahndung hat. Diese Familie! – vor acht Tagen noch so glücklich, und nunJa, es ist vorbei! Sie ist tot! Ich habe sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen. Seit Eduard wieder hier ist, durfte ich nicht das Haus verlassen. Er mag recht haben, nach s e i n e r Art. Ich hatte es nach der meinigen auch. Es ist wahr, die Krankheit teilt sich mit. Die Magd und der älteste Knabe klagen sich seitdem auch.

Wir sollten erst alle nach der Stadt zurück. Allein, dort ist es noch viel schlimmer, die grosse Hitze hat da mehr als eine Gattung von Uebeln erzeugt. Kinder und Erwachsene sind dort gleich bedroht.

Zu meinem Trost hat der Arzt entschieden, dass nur das Leben in freier Luft ein Gegenmittel gegen Ansteckung sei.

Seitdem treibt mich Eduard schon früh am Morgen zu Fuss oder zu Wagen mit Georg hinaus. Ich lasse mich auch nicht lange dazu nötigen. Mir ist wohler im Freien. Sonst fühle ich mich matt, und so betrübt, dass ich noch zur Zeit an nichts in der Welt teil nehmen kann.

Die schönen Buchen am See zogen mich zuerst in ihre Schatten. Hier suchte ich die letzten Spuren der Verstorbenen. Wie ich die dunklen Reihen der Bäume entlang ging, glaubte ich die leise, etwas schüchterne Frau, mit ihren kurzen, eiligen Schritten neben mir gehen zu hören. Ich stand still und sah betrübt umher. "Weisst du wohl?" sagte Georg, indem er wichtig mit dem Köpfchen nickte. Er machte eine so gerührte Miene dazu, dass ich mich der Tränen nicht entalten konnte. Nun fing er auch an zu weinen. Ich suchte gar nicht ihn zu beruhigen. Warum soll er nicht frühe das Traurige traurig nehmen. Man findet sich nur zu leicht darin.

Nach einer Weile tröstete er sich ganz von selbst. Er sprang umher, machte die erste beste Gerte zum Reitpferd, und sagte nur noch einmal, während er sein hölzernes Pferdchen anhielt, und flüchtige Erinnerungen in sich zusammen suchte: "Hier haben wir so hübsch gespielt!"

Diese Betrachtung hinderte ihn aber nicht, gleich wieder recht hübsch zu spielen; das Vergangene war nun vergangen!

Wir machen es Alle nicht anders, liebe Sophie. Kinder sind k l e i n e Menschen. Der ganze Unterschied zwischen ihnen und den grösseren liegt im Bewusstsein der Wandelbarkeit des inneren und der Schaam darüber.

Warum schämen wir uns aber? Da das Festalten der Gefühle uns doch nur elend macht. Denken Sie selbst, was käme dabei heraus, wollte man bei dem verweilen, was Einem völlig mit der Gegenwart entzweien müsste? In den meisten Fällen ist es besser, m i t dem Leben zu g e h e n , als s t e h e n zu bleiben, und seinen Lauf anzuhalten.

Und denn, wie jeder kann!

Es ist wahr, wir ärgern uns, wenn gewisse, mit der Seele eins geglaubte Stimmungen uns plötzlich verklungen scheinen, und oft kein Ton mehr davon zu finden