. Der Geistliche schloss das Fenster, und sagte, indem er mit freundlicher Verbeugung an uns vorüber ging: "Verzeihen Sie, es erwartet mich hier Jemand."
Marte hatte im Nu ihre Habseligkeiten zusammengepackt, meinen Taler genommen, und sich aus dem Staube gemacht.
So blieben Leontin und ich allein. Wir waren beide unbequem mit einander. Er ist niemals von vielen Worten, und jetzt, sichtlich durch meine Gegenwart gedrückt, fehlte es ihm auch an dem Unbedeutendsten. Mich hatte sein Anteil an dem ganzen Vorgange frappirt. Ich war begierig, den Grund davon herauszubringen, und deshalb auf dem Punkt, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als ich den Präsidenten, Elisens Gatten, dicht nebenan sagen hörte: "Hier also? Nun, lassen Sie mich ihm meinen Dank abstatten." Somit öffnete er die tür, und stand, in Begleitung des Geistlichen, vor mir. Meine Anwesenheit mochte ihn überraschen, er grüsste flüchtig, fast obenhin, wandte sich dann zum Baron, gegen den er mit Wärme eines Dienstes erwähnte, welchen ihm dieser so eben geleistet haben musste. Aus dem Verfolg des Gesprächs erfuhr ich sodann, dass der Geistliche ein längst erwarteter Aufseher und Führer von Elisens schönem Knaben, Georg, war; dass Leontin diesen empfohlen, hierher begleitet, und dem Präsidenten zugeführt hatte.
Des baron Mitwirken in einer Angelegenheit, die Elisen Kummer machte, fiel mir gerade in diesem Augenblick um so mehr auf, als bis jetzt hiervon nichts verlautete, folglich geheim getrieben ward, und ziemlich nach einer Vertraulichkeit mit dem mann, auf Kosten der Frau schmeckte. Mich kümmert dergleichen sonst sehr wenig. Häusliche Angelegenheiten, so oder so gestellt, gehören immer zu den Plackereien, die getragen sein wollen, es verschlägt daher eben nichts, ob die Last um ein Gran schwerer oder leichter wiegt. Es war auch nicht das, es waren, ich wette, die letzten Worte des Weibes, die etwas Fremdes in meine Seele geworfen hatte. Ich fühlte dies wie einen Stachel darin stecken. Es brannte mir heiss im Herzen, als ich den Vater, mit aller Umständlichkeit eines weitschweifigen Pedanten, von dem Knaben sprechen, und sein Dasein von dem der Mutter ablösen hörte.
Ich sage Dir, Heinrich, es wurden hier Grundsätze der Erziehung entwickelt, die einen Menschen rasend machen können. Meine arme Freundin wird darüber untergehen! Ihr zartes Innere, durch die materiellen Handhaben abstrakter Pädagogik verletzt, kann dem Gedanken nicht Raum lassen, dass, je ärger das Joch presst, je schneller rüstige Schultern es abwerfen. Sie selbst bewegt sich so leicht und frei in der hellen Sphäre schuldloser Gefühle, ihre Gedanken schwingen sich zu seltener Höhe, nirgends beengt eine der tausend künstlichen grenzen den Flug ihres schönen, reichen Gemütes; und wie sie unbewusst die angewiesene Bahn verfolgt, so lässt sie auch, auf die natürlichste Weise von der Welt, das kleine Seelchen ihres Lieblings die heitern Räume mit durchfliegen. Der Knabe ist ein Seraph, und so zu ihr gehörig, wie das Morgenlüftchen, das die goldene Aurora umspielt. Denke Dir nun diese beiden Menschen von den eisernen Klammern harter Regeln umspannt. Denke Dir das abgeschlossene M u ss und S o l l , gegen den freien Flügelschlag harmloser Willkühr. Atme nur einen Augenblick in der Region der Güte und Liebe, und siehe dann das Chaos auf einander getürmter Gebote unter Dir, betrachte den finstern Führer, der am harten Strick das müde Lämmchen durch all die Windungen sich nachzieht, höre die tonlosen, leiernden Worte von brechen des Eigenwillens, von Demut, blindem Gehorsam; lass den Geistlichen noch über das Tema zerknirschter Herzen und Abtödtungen des Fleisches sein Pensum hersagen, und dann begreife, wie mich das Alles zur tür hinaus, unter Gottes freien Himmel jagen, die Brust mit Wehmut, den Kopf mit unruhigen Bildern füllen musste. In dieser Stimmung stosse ich auf die Tannenhäuserin, die mir vor dem haus begegnete. Sie grüsste, fragte nach dem Befinden des Comturs, und setzte hinzu, wie ihr der Baron über dasselbe gute Nachricht gegeben.
"Der Baron war also heute drüben auf der Burg?" unterbrach ich sie. "Allerdings!" war die Antwort. "Und, wie ich höre, sind der geistliche Herr von dort in des gnädigen Herrn Begleitung hierher gekommen. Die Frau Gräfin haben denselben empfohlen, verschrieben, wie ich nicht anders weiss."
Heinrich, mir stieg das Blut nach dem kopf. Emma, dachte ich. Hat sie ihre reinen hände in dem heimlichen Spiele? Wie kommt sie dazu, mit Leontin gemeinschaftlich g e g e n den Wunsch der armen Elise zu wirken. Es sah alles so abgekartet, so versteckt aus. Dazu kam das verabredete Zusammentreffen gerade in dem entlegenen Winkel hier, man wollte das Ansehen der Teilnahme vermeiden. Der Präsident musste bei Nacht und Nebel den Aufseher über Frau und Kind auf geheimnissvolle Weise in Empfang nehmen. Ich war dabei ein sehr unberufener, ja unbequemer Zeuge. Ging Leontins überraschter blick etwa hierauf, als Marte ihm vorwarf, die Hand in dem verderblichen Spiele zu haben? "Hexe!" rief ich in mir, indem ich mich verdrüsslich aufs Pferd schwang, und nach der Burg ritt.
Ich weiss nicht, was mir Alles während meines Rittes durch den Wald im Kopf spukte? Genug, ich sah zum erstenmale um mich, als ich etwa tausend Schritte vom schloss, am fuss des berges, anhielt. Der breite Weg, welcher