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ich jetzt noch die beiden Vorerwähnten. "Wer ist von Fremden drinnen im haus?" fragte ich den Burschen. "Der junge Baron von Wildenau," war die Antwort. "Der Baron?" rief ich, "was will der hier?" "O er besucht uns öfter," entgegnete jener. "Er macht es, wie der Herr Graf, er lässt sein Pferd hier, und streift in der Gegend umher." sonderbar! dachte ich, dass wir uns nie begegneten. Ich ging mechanisch nach dem haus. Die Wirtin kam mir entgegen. Sie hat immer ein eigenes Zimmerchen für mich frei. Heute waren zwei Gäste darin, jener Leontin von Wildenau und ein Geistlicher. Ich begrüsste beide, und sagte, um etwas zu sagen: "Hier neben im Zimmer befindet sich eine Carricatur, wie sie nicht toller ersonnen wird!"

Das Ungewöhnliche reizt in Jedem die Neugier. Der Baron öffnete in demselben Augenblick die tür nach der anstossenden Gaststube. Hier sass nun die alte Marte so buntscheckig ausstaffirt, dass ich sie mit lautem Gelächter begrüsste. Auf das Geräusch wandte sie den Kopf nach mir hin. Sie sah nur aus einem Auge, mit halb wahnwitzigem, halb pfiffigem blick, der Mund war nach einer Seite verzogen, so, als lächelte sie schalkhaft, während das graue, verschrumpfte Gesicht etwas Weinerliches hatte. Ich stand mit unterschlagenen Armen dem widrigen Geschöpfe gegenüber. Sie kam mir wie ein Spuk vor, der dem Sarge entschlüpft, mit den Lappen der Narrheit geschmückt, von der Welt nicht loskommen kann.

Leontin hatte sich sogleich mit den trocknen Worten: "Ich kenne das!" zu dem Geistlichen zurück gewandt.

Der Hausirer näherte sich mir. Mein festgewurzelter blick auf die fremde Erscheinung mochte ihn zu einer Erklärung über diese auffordern. "Es ist zu zeiten nicht richtig mit ihr," flüsterte er mir ins Ohr. "Eine Liebschaft, aus der nichts ward, späterhin Einsperrung und Krankheit haben sie gestört."

"Wer ist sie?" fragte ich, eben so leise, ohne gleichwohl die Augen von ihr abzuwenden. "Was treibt sie sich Nachts so unstät umher? hat sie kein bleibendes Obdach?"

Walter belehrte mich: sie sei eines Gärtners Tochter aus der Residenz, habe Blumen ausgetragen, und durch diese und ein hübsches Gesicht, Zutritt in vornehmen Häusern gefunden. Was sie dort sah und hörte, reizte sie über die Maassen. Reichtum und Glanz dünkten ihr beneidenswerte Güter. Sie fing an, sich herauszuputzen. Ein teil ihres Verdienstes ging damit hin. Die Eltern verdross das; sie zankten mit ihr. Aus Aerger, und da sie längst auf ein besseres Glück hoffte, hing sie sich vollends an einen Mann, der ihr Kleider, Ringe, Bänder und andere Narrenspossen, aber nie seine Hand gab. Plötzlich war er fort. Sie hörte nichts weiter von ihm. Die Eltern hatten aus Schaam über die Tochter Stadt und Gegend verlassen. Marte blieb, wie ausgesetzt in die Welt, allein zurück. Anfangs suchte sie einen Dienst in guten Familien zu bekommen. Ihr verräterischer Putz, von dem sie nicht lassen konnte, erweckte Misstrauen, die Türen blieben ihr verschlossen. Gram und Not hatten sie angegriffen. Sie wollte sich zu den Eltern hinbetteln. Aber sie vermochte es nicht, die Kräfte versagten ihr, auch hielten sie die Stadt mit ihrem immer noch lockenden Geräusch, den Kutschen und Pferden, prächtigen Häusern und geputzten Leuten, fest. Sie wankte wie ein Schatten zwischen dem Allen hin, und nährte sich von Almosen. An einem heissen Sommermorgen sank sie erschöpft auf die Stufen eines kleinen Ladens nieder. Eine Jüdin, welche Trödelkram führte, von Versatz und Borg lebte, verschmitzt war, Jegliches zu benutzen wusste, und eben eine Magd brauchte, die mit geringem Lohn und kargem Unterhalt zufrieden sein musste, hatte nicht sobald den Fuss auf die Treppe gesetzt, und die ohnmächtige person erblickt, als sie diese aufrüttelte, sie angebrannte Federn und Knoblauch riechen liess, und mit hülfe eines Handlangers von der Strasse in ihre wohnung trug.

"Hier," so schloss Walter, "ist Marte so lange geblieben, bis sie, nach dem tod der Israelitin, deren Gewerbe allein fortführte, und, obgleich nach jener Ohnmacht mit verzerrten Gesichtszügen und wirren Gedanken einhergehend, hat sie doch den Ruf einer klugen Frau, oder gar Prophetin in solchem Maasse behauptet, dass sie von Vornehmen besucht, in angesehene Häuser beschieden, und oft ihre List zu geheimen Zwecken benutzt wird."

"Was macht sie denn so berühmt?" fragte ich, mit dem Scheine der Unwissenheit über die verbotenen Künste des Weibes. Der Hausirer zuckte die Achseln. Er wiederholte, was er dieser schon im wald vorgeworfen hatte. In einem Anfall guter Laune sagte ich: "Nun, so kann sie ja gleich ihr Talent zeigen." Walter sah mich überrascht an. "Um Ihren Spass damit zu haben," lächelte er. "natürlich!" entgegnete ich, ob mir gleich der Gedanke an etwas Spasshaftes ganz unverträglich mit dem Anblick des gespenstigen Wesens dort drüben am Tische schien.

"Hier geht es aber nicht," raunte mir mein Nachbar zu. "So öffentlich darf sie es nicht treiben. Befehlen Sie, so will ich sie nach einer Weile in das kleine Zimmerchen hier neben führen, Sie schliessen dann die tür ab, und" – –

Es ist ein Kobold in uns