1829_Fouqu_022_54.txt

einem gegenstand verweilt!

Heinrich, ich liess so Unsägliches an mir vorübergehen. Die duftigen Umrisse schrieben eine ganze geschichte auf das blaue Feld über mir nieder.

Wer verlor sich nicht einmal in das Treiben der Wolken! Ich hätte stundenlang so stehen und die Riesenköpfe mit unförmlichem Bart und Nase, die fliegenden Engel mit weit ausgebreiteten, mächtigen Fittigen, die monstruösen Tierlarven betrachten, belachen, bewundern können! Gott weiss, weshalb mir ein Ding, das wie ein vierrädriger Wagen aussah, so besonders auffiel! Er rollte, wie aus tiefem Abgrunde, hinter den schwarzen Streifen hervor, und fuhr, von schneidendem Windzuge getrieben, sausend über das leuchtende Firmament an dem mond vorüber, der zerschnitten und zermalmt unter den Rädern verschwand.

Es war ganz deutlich ein Wagen. Ob Pferde oder andere fabelhafte Creaturen ihn zogen, kann ich Dir nicht sagen, allein, eine Gestalt mit gehobenem arme, drohend, oder auch nur das Fahrzeug lenkend, stand mehr ü b e r als in demselben. Es war ein Weib mit lang flatterndem Schleier. Je höher das Wolkenbild heraufzog, je mehr dehnten sich die massen ins Ungeheuere. Wagen, Schleier und menschliche Gestalt türmten sich bald zu einem Gebirge zusammen, durch dessen duftige Kuppe der Mond plötzlich wie ein grosses, gewaltiges Auge hindurch sah.

Mein blick heftete sich immer fester auf die majestätische Erscheinung. Trieben nun Zufall oder Phantasie ihr Spiel mit mir? genug, ich glaubte mitten in dem Dunstknäuel die alten Umrisse des Wagens wieder zu erkennen. Aber dieser war jetzt dunkel und scharf, und sah eher wie ein Kasten, ja fast wie ein Sarg aus. Ich schauderte unwillkührlich bei dem Gedanken; da sagte eine stimme unter mir: "Um Gottes Willen, mache er, dass wir anlegen." Zugleich hörte ich den verdoppelten Schlag nahender Ruderer. Nicht lange, so rauschte es im Rohr. Ein Kahn ward am Ufer befestigt Ich trat weiter vor. Ein Mann mit schwerer Bürde auf dem rücken stieg zuerst ans Land. Ein keifendes, zorniges Weib folgte ihm mit einiger Schüchternheit. "Komme Sie nur getrost, alte Marte!" sagte der Mann. "Sie sieht, wir sind auf dem Trocknen. Was will Sie mehr? Hier herum ist auch ein gutes Wirtshaus, worin es immer Narren genug gibt, denen Sie Ihre Hexenkünste vormachen kann." "St! St!" flüsterte das Weib, den Kopf in die Schultern gezogen, den Finger drohend gehoben. "Bei leib nichts von Hexen," sagte sie heimlich. "Den Leuten würde sonst bange vor mir." "Der Name tut es Ihr nicht, Marte," lachte ihr Begleiter, indem er den schweren Kasten, den er trug, gegen einen Baum stemmte, und einen Augenblick ausruhte. "Laufen doch so schon die Kinder, wo Sie sich nur sehen lässt, drum fliegt Sie auch mit den Eulen erst Nachts aus." Er kicherte bei den Worten selbstzufrieden. "So treffen wir doch e i n m a l zusammen," entgegnete sie spitz. "Es war gut, dass Er noch spät bei den Comtessen in Ulmenstein zu tun hatte. Nun machen wir den Weg mit einander."

"Hat Sie denn der Mutter und den Töchtern aus dem Kaffeegrunde prophezeiht?" fragte der Mann, in welchem ich jetzt einen, in der Gegend umherstreifenden Hausirer, mit Namen Walter, erkannte. "Oder," fuhr dieser fort, musste Sie ihnen die Karten legen und die Freier anrücken lassen?" "Nichts von allem dem," brummte jene kopfschüttelnd. "Und wär's auch, was geht es Ihn an! Die Paar alten Kleider, die ich von den hübschen Kindern in den Kauf kriege und spottwohlfeil wieder verkaufe, die tun seinem Verkehr keinen Abbruch."

"Spottwohlfeil," höhnte sie Walter. "Geh' Sie doch, Alte! wir kennen uns! Ihre Schliche sind weltbekannt. Aber erzähle Sie einmal, hat Sie es nicht auspunktirt, wird aus der Heirat mit dem jungen Baron etwas?"

"Hm!" entgegnete Marte, in einem Tone, als wolle sie sagen, dass ich eine Närrin wäre, und es ihm wissen liesse. Sie wandte sich zugleich ab, und ging ein Paar Schritte tiefer in den Wald hinein.

"bleibe Sie doch!" rief Walter. "Sie weiss ja hier herum keinen Bescheid, und die schmucke, feine Tannenhäuserin lässt Sie in dem Aufzuge schwerlich ein, wenn ich Sie nicht begleite."

Dieser letzte Zusatz machte, dass ich die Frau genauer ins Auge fasste. Ein grosser Hut und die zunehmende Dunkelheit versteckten ihr Gesicht. Doch war dem hut selbst, mit seinem verbrauchten Putz von bunten Blumen und schlaffen, eingeknickten Federn, das widrig Fratzenhafte ihrer ganzen Erscheinung auf den ersten blick anzusehen. Wahrscheinlich mochte sie die, in Ulmenstein erhandelten Herrlichkeiten nicht bequemer haben fortbringen können, als auf dem eigenen Körper. So hatte sie dann den fremden Staat übergeworfen, und streckte nun die nackten, gemeinen hände, die auf einem knotigen Bettelstabe ruhten, aus Flor, Stoff und anderm farbigen Modetand hervor. Eben so ragten ihre schlecht und grob beschuheten Beine weit unter den kurzen, auf zierliche Figürchen angepassten Röcken heraus. Es war ein rasender Anblick! Sie blieb auf Walters Ruf stehen. Er schickte sich an, ihr zu folgen. Ich schlich hinten drein.

Im Stalle drüben, wo ich mein Pferd abholen wollte, fand