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Vieles nicht wechseln möchte, dass ich vor jeder Veränderung zittre. Manchmal habe ich ihr ganz rücksichtslos schreiben, sie bitten wollen, ja an nichts zu rühren, was sich allzuleicht durch fremdes Eingreifen verschiebt. Allein, wozu würde es nützen? Sie misst mein Glück nach ihrem Empfinden. So freilich muss sie hier unzufrieden sein! Und wenn ich mir nun denke, wie mit heisser sehnsucht sie sich her zu mir wünscht, wie ihre unbegränzte Liebe mich nie verliess, ich ihr Alles auf Erden bin, sie keinen, auch nicht den kleinsten Wunsch hegt, der nicht ihrer Emma Wohl beträfe, dann sinkt mir der Mut, dann weiss ich nicht, wie ich ihr das Unabänderliche anders darstellen, das Mangelnde, was allein der Fortgang des Lebens ergänzt, im Augenblicke verhüllen soll.

Auch der Oheim ist nicht ohne sorge. Er sagte mir noch diesen Morgen: "liebes Kind, Ihre Mutter wird nicht mit uns zufrieden sein, sie wird sich hier missfallen. Wäre es nicht besser, Sie folgten Hugo nach der Residenz, und empfingen sie dort?"

Ich war verlegen, was ich ihm erwiedern sollte. Hugo hat mich nie aufgefordert, ihn nach der Stadt zu begleiten; er vermeidet es wohl, weil es nicht das Ansehen haben soll, dort einen längern Aufentalt zu wählen. Seine Stellung bleibt auf solche Weise freier. Er sichert sich das Gehen wie das Kommen, wenn er über Beides nur mit dem Augenblicke zu beraten hat. Es wäre mir nicht möglich, ihn gerade hierin hemmen zu wollen. Auch bin ich nicht des Oheims Meinung. Aus vielen Gründen ist es mir lieb, die Mutter hier auf dem prächtigen Familiensitze bei mir zu sehen. Das Schloss, seine Umgebungen, der Zuschnitt der Verhältnisse, die ganze Lebensweise, werden ihr in gewisser Hinsicht genügen. Der Glanz, wenn er nicht blendet, ergötzt immer das Auge, und macht es williger, Unebenheiten zu übersehen. Und danngleichförmige Ruhe hält Störungen entfernt.

Dies alles bei mir überdenkend, schwieg ich einige Augenblicke, ohne meinen wohlwollenden Beschützer zu beruhigen.

Er ergriff meine Hand, drückte sie fest in der seinen, indem er zärtlich sagte: "Machen Sie es, wie S i e wollen. Ihr klarer Geist gibt Ihnen von selbst den Faden durch dies Labyrint in die Hand."

Er ging. O! hätte er gewusst, in welcher Unsicherheit er mich zurückliess, wie orakelhaft seine Worte klangen, was er in mir verworren, was er geweckt hat!

Ich sehe es nun wohl, die Welt tadelt Hugo, beklagt mich, erfindet und spinnt das Erfundene emsig zusammen. Wie ich diese müssige Geschäftigkeit hasse! wie mich eine Teilnahme drückt, die ohne Herz und Gemüt, nur das Fremde an sich reissen, es durchschauen möchte.

Die Menschen wissen nicht, wie wehe sie mir tun! Ist es denn nicht möglich, anders zu sein, als Andere, und doch für sich recht zu behalten? Ich bin so ängstlich, seitdem der Oheim ging. Ich weiss nicht, was ich tun oder lassen soll? Der Brief meiner Mutter ist in grosser leidenschaft geschrieben. Er klingt fast drohend. Die wenigen Zeilen, welche das Stiftsfräulein ins Couvert hineinschrieb, sollen mich wohl beruhigen, allein sie entalten die niederschlagende Nachricht, dass beide Freundinnen sich auf einem gewissen Punkt der Reise trennen, und während die Eine dieser Gegend zueilt, die Andere sich zurück, zu der Fürstin wendet, um dieser erwartete Briefe und Berichte zu überbringen. So fehlt mir denn auch die vermittelnde Sophie. Von ihr hätte ich erfahren, wer all die leidenschaft, die ängstliche Hast erregt? Sie würde mir geholfen haben, mich gegen schmerzliche Angriffe zu waffnen, und zugleich die Zärtlichkeit der liebevollsten Mutter zu schonen. Jetzt bin ich ganz allein, Hugo ahndet nicht, was mich quält, auch ist er nicht anwesend. Und wäre er es, was dürfte ich ihm sagen?

Ich lese in Ihrem klaren, frommen Auge, was ich vergessen zu haben scheine. Sie sehen fast strafend auf die Unruhe meines Herzens. Ja, ich verstehe, ich verstehe, wozu Sie mich anmahnen. Ich werde ja auch den Weg nicht verloren haben, auf dem Mut und Besonnenheit zu finden ist. Ich bin nur so erschrocken! ich weiss selbst nicht, wovor? Ich sehe nicht, w a s ich fürchte, und doch fühle ich es. Lesen Sie mit Nachsicht diese verworrenen Zeilen, denken Sie, ich finde mich so am ersten zurecht, wenn ich nach des Lehrers, des Freundes Hand greife, wenn ich schwach, doch willig, mich aufzurichten, Ihren Beistand suche. – – –

Abends spät.

O es ist Alles anders, Alles gut! Hugo ist hier! Er kam in Nacht und Dunkelheit. Er fand mich in seinem Zimmer. Es überraschte ihn. Er war bewegt, als ich ihm gestand, dass mir h i e r allein wohl sei. Sein Auge hatte den schönen, tiefen blick, vor dem meine Seele immer so innerlich bebt. Er sah mich mit d e m Blicke an. Eine Welt lag darin! und ich war mitten in dieser, in s e i n e r Welt! Jetzt, – was habe ich zu fürchten. Meine Mutter wird uns so finden. Hugo zen, sie hier zu sehen. Wir wollen ihr beide eine Tagreise entgegen fahren. Wie anders nun dies Wiedersehen! – Wie der Mensch