Tiefen meiner Seele durchdringt. Ich weiss, Sie sehen bis auf den Grund, und nichts verwirrt Sie, was die Bewegung des Augenblickes undeutlich auf der Oberfläche erscheinen lässt.
Anders ist das mit meiner Mutter. Die ruhige Begleitung eines Freundes, der nichts will, als dem gefährten zur Seite bleiben, lässt dessen gang frei, doch ängstliche sorge hemmt den Schritt. Ich habe es stets so gewissenhaft vermieden, irgend einen leisen Schatten in die Seele meiner Mutter zu werfen. Nur in den stillsten, ruhigsten Stimmungen, bei allem Frieden der inneren und äussern Welt um mich her, schrieb ich meine Briefe an Sie. Nie ist mir ein Wort entschlüpft, das sie doppelsinnig deuten könnte; warm und zärtlich sprach ich die Empfindungen meines befriedigten Herzens aus, wie kommt es dennoch, dass sie dem allen keinen Glauben schenkt? unwillig bestreitet sie mir meine Ruhe, mit leidenschaftlicher Besorgniss dringt sie auf mich ein, und strebt, mir ein geheimnis zu entreissen, das mir fremd ist, dessen undeutliche Erwähnung mich unaussprechlich ängstigt. Sie wirft mir Zurückhaltung, ja Heuchelei vor, und schwört, Licht in der Sache haben zu wollen, um einer Verblendung ein Ziel zu setzen, die sie für die Würde ihres Kindes beeinträchtigend hält. Von diesem brennenden Wunsche getrieben, nimmt sie ihren Rückweg aus Italien gerade hierher. Sie kommt! sie kommt in den nächsten Wochen! und wenn mein Herz vor Freude zittert, sie wieder zu sehen, so stockt es auch vor Bangigkeit und Furcht, als sei das Ende aller Glückseligkeit, ja das Ende meines Lebens nahe!
Die Unnatur solcher Widersprüche macht mich völlig irre an mir selbst, an meinen Verhältnissen, ach! an den liebsten Menschen. Ich frage mich unzähligemal: was ich fürchte? für w e n ich fürchte? Und wenn mir dann eine ängstigende Antwort nahe tritt, und ich sie nicht hören will, dann ist es, als sähe ich in ein unabsehbares Gewirre von Missverständnissen hinein, von denen ich den blick erschrocken abwende.
Mein Gott! ich war so ruhig, ich genoss die unaussprechliche Freude, Hugo völlig zufrieden und heiter zu sehen. Ich empfand, dass er den einzigen Wunsch meines Herzens, ihm in keiner Art hemmend in den Weg zu treten, erkannte, er genoss seine Freiheit, und kehrte lebensfrischer, klarer, oft wärmer, als er ging, zurück. Wie hätte ich fürchten sollen, dass gerade dasjenige, was mir das Gleichgewicht entgegengesetzter Naturrichtungen zu erhalten schien, Hingebung und Liebe, den Samen unseliger Missverhältnisse ausstreuen würde!
Wie ist man nur so eilig, Gegenstände zu beurteilen, die man nicht kennt. Niemand weiss ja, was in der Brust des Andern vorgeht. Ich war glücklich, ich versichere Sie, seit es stiller um uns ward, die Nachbarn die Gegend verliessen, oder die misslichen Gebirgsschlüfte mieden. Die Einsamkeit auf der Burg ist mir erwünscht, ich liebe das ernste, grossartige Gebäude überaus. Das Gewöhnlichste im Leben gestaltet sich hier anders. Es geht ein Geist durch Häuser und Gemächer, den oft die wechselnden Bewohner nicht bannen. Im Gegenteil, sieht man diese wohl unwillkührlich dem verborgenen Einflusse nachgeben, Geschmack und Neigung dem gebietenden zug unterwerfen; ja, sich selbst, wie die gewohnte Weise, in eine andere Form fügen.
Hier, unter den festgewölbten Bogengängen, den kräftigen Sinnbildern gegenüber, findet weder Langweile Raum, noch kleinliches Gelüst Eingang. Hier ist alles bleibend, ruhig, das Gemüt erhebend; und wenn ich in Hugo's Abwesenheit in seinem lieben Zimmer sitze, mir es so unaussprechlich wohl in den schönen, hohen Räumen ist, ich mich in die Kissen seines Sopha's schmiege, seine Nähe täuschend empfinde, mein blick dann, durch die Glastüren, über den Altan weg, in die reizende Landschaft sieht, der breite Strom so still und majestätisch vorüberfliesst, die dunklen Talwände hinter ihm riesenhaft aufsteigen, Dörfer und Städte aus ihrem bläulichen Dunst hervortreten, dann fühle ich, wie die Seele des kräftigen, kühnen Mannes sich da hinaussehnt, und teile seinen Unmut wie sein Streben. Ich selbst möchte ihm das Tor öffnen, den Weg bahnen! Gedanken, die i h n beschäftigen, umringen mich! ich werde ganz er selbst, fühle, wünsche wie er, und atme frei, wenn ich mich besinne, dass er fern von hier, wenigstens auf Stunden und Tage, jetzt sich selbst angehört, seinem ungestillten Drange nach Freiheit augenblicklich Genüge tut. Lange, lange sitze ich dann so, begleite ihn auf Wegen und Stegen, bilde mir ein, seinen Schritten zu folgen, und während ein zärtlicher Wahn die Zwischenräume durchmisst, bin ich weder allein, noch entbehre ich das Glück der Gegenwart.
Nein, lassen Sie michs bekennen, ich kann, mir selbst überlassen, weit ungestörter Hugo's Bild betrachten, als ihm gegenüber. Ja, m i r steht er fest, rein, unberührt von dem, was zuweilen die Wirklichkeit umdunkelt. Es ist der w a h r e Hugo, den ich ungeteilt m e i n nenne, den ich liebe, den ich liebkose, zu dem ich frei aus dem tiefsten Herzen rede.
O! wer mag zweifeln, dass ich eben in den Stunden, die mir falsches Mitleid rauben will, glücklich bin!
Lieber Freund, wenn nur meine Mutter das so wüsste, wenn es sie beruhigen könnte, dass mir diese unscheinbare Stellung im Leben lieb ist, dass ich sie um