denn eigentlich? in der sichtbaren oder unsichtbaren? Wenn es gerade umgekehrt wäre, und wir hier träumten und dort wachten!
Die meisten Menschen, und wir selbst vielleicht, würden es übel nehmen, wenn man zu behaupten wagte, wir gingen wie Nachtwandler umher. Der Ernst, den wir an unsre kluge Geschäftigkeit setzen, bedeute am Ende nicht mehr, als der im Traume, worüber wir beim Erwachen so vielen Spass haben.
Doch, was sollen die bizarren Reflexionen hier, wo die einfache Wahrnehmung so traurig ist! Wir blieben in grosser Spannung über die Kranke. Es konnte nichts für sie geschehen, bis der Arzt kam. Endlich ward er herbeigeschafft. Er trat in das Haus, ohne dass der Amtmann das Herz hatte, ihm entgegen zu gehen. Ich tat es an seiner Stelle. Sie wissen, ich glaube nicht leicht das Schlimmste. Ich zitterte daher nicht vor dem Ausspruche des Einzigen, der hier, mit der richtigen Einsicht, auch hülfe bringen konnte. Ich beeilte mich nur, dem mann, der mir übrigens fremd, und hier in der Familie nur wenig bekannt war, eine allgemeine Uebersicht von dem vorliegenden Falle zu verschaffen. Er hörte mehr höflich als beachtend zu, zeigte sich eilig, nahm von allem Aeusserlichen obenhin Notiz, und flösste mir eher Misstrauen als Glauben an seine Fähigkeit ein. Ich wandte mich daher ab, als er sich dem Bette der Kranken nahte. Des Amtmanns ganze Seele hing indess an seinen Blicken. Auch die armen Kinder standen lauschend in der tür. Es war indess auf dem, plötzlich ganz Auge und Ohr gewordenen gesicht des Arztes, nichts als fortgesetztes Forschen, aber keine Spur eines Urteils zu lesen.
Mit demselben Ausdrucke in der Miene stand er jetzt von seinem platz, an dem Krankenbette, auf, indem er sehr bestimmt sagte: "Nun, ich werde etwas verordnen;" worauf er Feder, Dinte und Papier forderte, rasch zwei Worte aufschrieb, und einen reitenden Boten nach der Stadt sandte, dem er Eile empfahl.
Niemand befragte ihn. Er verstand das. "Ich kann nichts entscheiden," äusserte er nach einer stummen Pause. Für die kurze Zeit der Krankheit hat sich das Uebel so sehr ausgebildet, dass man nicht wissen kann, ob es schon ganz da, oder nur der Vorläufer von etwas ist, das noch dahinter steckt. Er ging von nun an sogleich zu fragen und Erkundigungen über, und sah es jetzt recht gern, dass ich im stand war, ihm gehörige Auskunft zu geben.
Seine Art fing an, mir zu gefallen. Erst wollte er sehen und dann h ö r e n , was ihm nötig dünkte, um weiter vorzudringen. Mein rasches Entgegenfahren war ihm unbequem. Er hatte recht. Es half ihm zu nichts.
Ich gewinne leicht achtung für Leute, die ihre eigene Art haben und behaupten. Deshalb ward ich auch hier ruhiger, und tröstete die Familie, die des Doctors Zurückhaltung peinigend drückte.
Die Nacht ging auf diese Art hin. Die Kinder schliefen endlich ein. Am Morgen fanden sich unwillkührlich alle Gemüter mehr im Gleichgewicht. Man hoffte nichts Bestimmtes, aber das Gefürchtete stand doch ferner.
Es ist ungefähr noch so. Indess fühle ich dem Arzt an, er greift behutsam, aber unbefriedigt nach dem unsichtbaren Faden durch dies Labyrint. Wenn die Frau stürbe! Mein Gott! die Kinder, der Mann! – Sophie, es ist doch etwas sehr Tiefsinniges um Familienbande. Welch geheimnissvoller Verein! Und was heilt den Riss, den hier der Tod machen kann! Das Leben? – Ja, es gleicht äusserlich alles aus, aber die Kinder ohne die Mutter! Die Welt ist nicht reich genug, die Lücke zu füllen.
Ein ganzer Tag und eine Nacht ist wieder vorüber. Wir stehen auf dem alten Fleck.
Mir ist so beklommen, als läge ein Fels auf meiner Brust.
Was daraus werden wird!
Der Arzt ist jetzt in der Stadt. Er kommt erst spät Abends.
Ich bin unaufhörlich auf den Beinen, entweder hinunter nach dem Amtofe oder hierher zurückzugehen. Deshalb flüchte ich mich auch nur auf Momente mit der Feder zu Ihnen. Ich täte es gern mit Leib und Seele. Allein, fort kann ich nicht von hier, so sehr mich auch alles presst und klemmt. Ich hielte es nicht in der Ungewissheit anderwärts aus. Die Familie ist zu unglücklich.
Walter war eben hier. Er kam von Ihnen. Ist es wahr, was er behauptet? Sie verreisen? Ihre Leute haben es ihm anvertraut, und Sie selbst es angedeutet, indem Sie grauen Taffet zu einem Staubmantel, und einen grünen Schleier von ihm kauften.
Was gehen Sie denn für Umwege mit mir, Sophie? Ein Fremder war bei Ihnen. Ein junger, feiner Herr, wie Walter versichert. Im haus wusste man seinen Namen nicht. Wenn es d e r wäre, den ich meine.
Es ist mehr als wahrscheinlich. Ihr plötzliches Verstummen und Abwehren führt auf seltsame Schlüsse.
Leben Sie wohl! Ich bin betrübt und verdrüsslich, seit Sie die Geheimnissvolle gegen mich spielen.
Antwort
Ziehen Sie keine voreilige Schlüsse, liebste Elise. Denken Sie auch nicht, ich wähle verborgene Wege, um Ihnen zu entgehen.
Bei Ihrer Billigkeit, Ihrer freien, natürlichen Weise, braucht es nichts, als das offene geständnis, dass ich etwas zu verschweigen habe, was mir von Freunden anvertraut ward, die meine Teilnahme wie meinen Beistand in