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sie dabei nicht die unausgesprochene Absicht gehabt, gerade hierdurch ihrer Vorliebe, wie den gesetzlichen Verpflichtungen, ein Genüge zu leisten, indem sie den jungen Mann in die Lage versetzte, einer meiner Töchter seine Hand anzubieten. Eine alte Vertraute der Tante, die Castellanin des Schlosses, welches Leontin bald als Eigentum beziehen wird, eröffnete mir den stillen Wunsch der Verstorbenen im Geheim. Es wäre auch lächerlich, wollte ich den tiefen Eindruck nicht bemerken, welchen insbesondere Agate auf das Herz des Neulings gemacht hat. Allein er ist von einer so lächerlichen Zurückhaltung, und ein solcher Misantrop, dass er öfters unsern heitern Zirkel flieht, und sich drüben zu dem podagraischen, missgelaunten Comtur und seiner stummen, trübseligen Nichte flüchtet, um nur nicht zu verraten, was ihm doch sichtlich das Herz abdrückt. Mag er sich stellen, wie er will, ewig wird er nicht schweigen! Doch wünsche ich ihm, dass er nicht zu spät das Wort finde, wonach er sucht. Es gibt andere Leute, die beweglichere Zungen haben, und meine Töchter besitzen ein Teilchen von dem Stolz und dem Eigensinne ihrer Mutter. Die eintönigen Abendunterhaltungen im Cabinet der Burgfrau könnten dem bedächtigen Freier doch sehr bittere Reue bereiten. Uebrigens missgönne ich der armen, kleinen Frau die einzige Unterbrechung ihrer langweiligen Existenz keineswegs. Denken Sie sich, ihr Mann hat neben hundert andern lächerlichen Einfällen, auch den, den ganzen Winter auf dem land zubringen zu wollen, das heisst, er lässt sein Haus mit Frau und Dienerschaft dort, nimmt selbst das Ansehn, als sei er einheimisch, während er unaufhörlich hin- und hergeht, niemals auf der Burg anzutreffen ist, halbe Tage in der Residenz bei s e i n e r F r e u n d i n zubringt, diese nur verlässt, wenn sie, durch ihre Verhältnisse gezwungen, Gesellschaften beiwohnt, die nicht von seiner Höhe sind, und die er verschmäht.

Sie sehen, das Spiel ist gut berechnet. Es geht einen raschen gang! Mir ist solche Freimütigkeit, bei so unerlaubter Intimität in meinem Leben nicht vorgekommen. Die Leute treiben das Alles mit einer Miene, als verstehe sich ihr auffallendes Benehmen von selbst. Nach gerade wurde indess die unbegreifliche Dreistigkeit doch sehr peinlich. Man hatte ungefähr das Gefühl dabei, als wenn Jemand durch eine unbewusste Unordnung in der Toilette, das Auge Anderer verletzt, und im vollen Gefühl schicklicher Haltung, die ungeahndete Indecenz noch mehr heraushebt. Ich bin deshalb froh, dass der Präsident zu rechter Zeit kam, seine Frau nach der Stadt zu führen. Die geselligen Beziehungen der Nachbarschaft brachten mich, ich versichere Sie, in fatale Collisionen. Ganz offenbar nahm der Graf von dem leichtern, bequemern Ton, der in meinem haus herrscht, Veranlassung, seinen Absichten hier ein freies Feld zu bahnen. In diesem Sinne mischte er sich in die Anordnung unserer Bühne, und brachte ein plumpes, licencieuses Ding zum Vorschein, das allenfalls in einer Dorfschenke, von Puppenspielern dargestellt, das dortige Publikum ergötzt haben würde, für uns aber ganz unschmackhaft blieb. Es soll von dem jetzt oft genannten, von Vielen so gefeierten alten englischen Poeten sein, dessen Name ich immer vergesse, weil er mir die Kinnbacken zerbricht, wenn ich ihn aussprechen will. Mag indess teil daran haben, wer nur will, dieser Mischmasch von platter Trivialität und bilderreichem Unsinn, von langweiligen Tiraden und pöbelhafter Gemeinheit, gehört vor ein anderes Publikum, als vor das unserige. Auch bin ich überzeugt, der Graf war nicht einen Augenblick im Irrtum über den Wert des Stückes. Seine Wahl fiel nur vorzugsweise deshalb darauf, weil es für den übrigen Plan passte, und geschickt war, der zwanglosen Gemeinschaft einer zusammengerafften Bande umherziehender Schauspieler zum Vorwande zu dienen. Die List war ziemlich grob eingefädelt. Ich war gleich auf der rechten Spur. In Wahrheit, die Leutchen machten ihre Sachen ungeschickt. Mit einem bischen Vertrauen liesse sich viel übersehen. Doch sie sind so stolz und anmassend, beteure ich Ihnen, auf den Schwung ihrer Gefühle, dass sie alle Zungen mit Pfeilen bewaffnen. Aus diesem grund danke ich es ordentlich der guten Tante, dass sie gerade diesen Zeitpunkt wählte, um zu sterben. Ihr Tod fesselt mich hier, und setzt mich ausser Verbindung mit zwei Familien, denen ich gleiche Rücksichten schuldig bin, und die mich demungeachtet beide gezwungen haben würden, öffentlich zu brechen, um auch den Schatten von Teilnahme an einem unerlaubten Handel von mir zu entfernen. Eine Mutter kann gar nicht delikat genug in der Wahl ihrer Gesellschaft sein.

Mich dauert die stille, schüchterne Emma ganz ausserordentlich. Man sagt, sie erwarte ihre Mutter in Kurzem von einer Rückreise aus Italien. Nun, das wird hübschen Lärm geben, wenn die Oberhofmeisterin hinter des Schwiegersohns geheime Verbindungen kommt!

Leben Sie wohl bis dahin! Wenn etwas, des Berichtens wert, unter uns vorfällt, rechnen Sie auf die Feder Ihrer bereitwilligen Freundin.

Emma an den Geistlichen

Ihr letzter Brief, ehrwürdiger Freund, fordert mich mit fast beschämender Güte auf, Ihnen zu jeder Zeit mein Herz offen zu erhalten, Alles, was darin vorgeht, Ihrer Teilnahme zu vertrauen, jeden Zweifel in der freien Mitteilung aufzuhellen und überall rücksichtslos wahr zu sein.

Ach! mein gütiger Lehrer, was bliebe Ihnen auch von dem verschwiegen, was ich mir selbst eingestehe! Ich glaube, ich könnte der Worte entbehren, Sie errieten mich dennoch.

Dem Himmel sei Dank, noch scheue ich den blick nicht, der die