so Vieles nicht, Heinrich. Wird darum das, was in Uebereinstimmung zu einander tritt, nicht unauflöslich Eins werden?
Ich habe einen eigenen Glauben von der Sympatie der Freundschaft. Sie scheint mir gegründeter, als die der Liebe. Von dem was man so nennt, halte ich überall wenig. Das sind Selbsttäuschungen, mit denen der Mensch gross von sich selber tut, wenn er am kleinsten ist. In der Regel bleibt n a c h dem poetischen Wahnsinn eine Armut des inneren zurück, die den Rest des Lebens dürftiger, als billig gestaltet, während die Freundschaft wie ein mächtiger Strom unzählige arme ausbreitend, die Steppen und Wüsten des Daseins umfasst, den Hauch der Belebung ausatmet, und eine veränderte, frische, fortbildende Welt schafft.
Ich empfinde das in Elisens Nähe. Diese Frau hat einen freien, ja männlichen Geist, der mit seltner Kühnheit Verhältnisse durchschaut und lenkt. Und dabei so viel Regsamkeit des Verstehens, solche Fülle und Wärme in allen Lebensbeziehungen! Eines Engels Güte, eines Helden Mut! Niemals lässt sie das zärtere Geschlecht in sich vergessen, und doch fühlst Du ihr gegenüber nur den Einfluss einer höheren Seele, die keinem Geschlechte, keinen Bedingungen der Erde angehört. Ich bringe meine liebsten Stunden bei ihr zu. Wir reden, wir lesen mit einander. Meine Lieblingsschriften sind auch die ihrigen. Es peinigt sie wie mich, alles Enge, Abgeschlossene. Ein freier Flug der Ideen trägt uns oft, wie die reinere Bergesluft ihre nachbarlichen Adlers Gespielen, in unermessliche Fernen, aus denen wir, inniger verschwistert, in die beschränkende Gegenwart zurückkehren.
Niemand versteht mich, wie sie! Wenn es wahr ist, dass die menschliche Gesellschaft nur da sei, damit Einer den Andern ergänze; so ward Elise geboren, alle Lücken und Mängel meiner unvollkommenen natur durch den Reichtum ihres schönen Selbsts auszugleichen.
Schade, dass sie auf den Einfall kam, sich zu verheiraten! Sie musste für sich allein ihre Bahn durchlaufen. – Der Begleitung konnte sie entraten. Mich stört der Mann entsetzlich! Er kommt jetzt von einer langen Geschäftsreise zurück. Er wird das bisherige zwanglose Sein und Treiben notwendig einengen. Vor der trockenen Gemessenheit mancher Leute kommt kein gesunder Gedanke auf. Elise ist gefällig, fügsam, ihr verschlägt es nichts, sich in die Art und Weise derer zu schicken, denen sie ein Recht über ihren Willen zuschreibt, sie ist immer sie selbst. Ich kann nicht so denken, nicht so empfinden, ich ertrage das Hofmeistern pedantischer Rechtaberei nicht leicht, und wenn ich auch Jedem gern seine Art lasse, so bleibe ich doch da weg, wo Vorurteil und Dünkel die Luft verdicken. Zudem ist der Dritte immer zu viel, in einem Verhältnisse, wo sich zwei genügen.
Ich sehe daher ruhig zu, wie drüben im haus gepackt, geräumt wird, man sich anschickt, das Land zu verlassen, und nach der Stadt aufzubrechen. Ich werde ihnen nicht folgen! Um unsere stillen Abende ist es doch getan! Ich werde ein Paar Wintermonate in den Mauern der Burg verschlafen, und aufwachen, wenn die Frühlingssonne hell über den Strom in meine Fenster sieht! Lebe bis dahin wohl, lieber Heinrich!
Die Gräfin Ulmenstein an Curd
Es ist äusserst liebenswürdig von Ihnen, dass Sie sich meiner in den interessanten Umgebungen, die Sie so richtig zu schätzen wissen, erinnern wollten!
Ihr Briefchen mit den italienischen Carricaturen, den Zeichnungen, den Nationaltrachten, des Mailändischen Doms, der Peterskirche und andere Herrlichkeiten, nach deren Anblick meine Seele seit Jahren dürstet, haben nicht allein meine Töchter und mich entzückt, sie wurden auch die Quelle unserer Abendunterhaltung am Teetisch. Der junge Leontin, Sie sahen ihn vielleicht noch vor Ihrer Abreise bei mir, der sehr unterrichtet und überall gewesen ist, erklärte die flüchtigen Skizzen meines gütigen Correspondenten. Agate hatte sich ein geschmackvolles Costüm für das nächste Maskenfest in der Residenz ausgesucht. Sie bat Leontin, es ihr genau in den kleinsten Details zu bezeichnen. Alles dies belebte die Unterhaltung. Sie glauben nicht, welchen allerliebsten Abend Sie uns gemacht haben, fast so bunt und lustig, als wären Sie mitten unter uns. Ich sage Ihnen nicht, wie Sie zurückgewünscht werden. Ohne Uebertreibung, Sie fehlen uns vorzüglich bei demjenigen, was wir hier auf dem land vornehmen, um die schlechte Jahreszeit, so wie die Stadt zu vergessen. Die letztere hat in diesem Augenblick gar keinen Reiz für uns, da eine ziemlich ernste Familientrauer, der Tod einer Tante, meine Töchter wie mich, vom geselligen Vergnügen ausschliesst. Man überdauert solche Prüfungszeit am bequemsten da, wo das Leben unbeachtet, ungefähr eben so hingeht, wie die Convenienz es verbietet, ö f f e n t l i c h zu geniessen.
Unter dem Anschein völliger Zurückgezogenheit, bleibt mein Saal allen Freunden und Bekannten geöffnet. Es geht, ich versichere Sie, so fröhlich darin zu, als würfe kein schwarzes Kleid einen trüben Schatten auf die lachenden Gesichter. Aufrichtig gestanden, die gute, alte person hat mir auch gar nicht Ursache gegeben, ihr Andenken zu ehren. Sie war meine nächste Anverwandte, die Schwester meines Vaters, kinderlose witwe, ausserordentlich reich, und starb, ohne ihren rechtmässigen Erben einen Pfennig zu hinterlassen. Ihr Vermögen zersplittert sich in Stiftungen und Legate. Das Bedeutendste von den letzteren ist aber dem jungen Baron Wildenau zugefallen, der sehr in ihrer Gunst stand. Es wäre unbegreiflich, weshalb sie den fremden Menschen auf Kosten ihrer Angehörigen begünstigte, hätte