weit mehr einer gewissen vorschriftsmässigen Höflichkeit, als dem Wunsche, uns figuriren zu sehen, zuschrieb. Wir waren aus dem Charakter gefallen, die Stimmung war eine andere geworden, es lag eine Lächerlichkeit darin, sich bei völliger Nüchternheit berauscht zu stellen. Doch die Meinung Einiger, dass man nicht so umsonst und um nichts solche Anstrengungen gemacht, sich in Unkosten gesteckt, die Gesundheit daran gewagt habe, trieb uns am Ende Alle auf die Bretter. Jetzt erst, da es zu einer w a h r h a f t e n Ausführung meines Entwurfs kam, fühlte ich die ganze Schwierigkeit davon. – Denke Dir den Sommernachtstraum – die Rüpel- und Elfenscenen – und unser heutiges Publikum aus den feinen Zirkeln! – Unglücklicherweise hatte die lebhafte schöne Elise, unsre liebenswürdige Nachbarin, nur zu schnell meine Gedanken verwirklicht; s i e war es, die ein Paar schnell aufgeschossenen Knaben die Frauenrollen, zierlichen Mädchen die der Elfen zuteilte, junge Leute aus der Nachbarschaft für Zettels Schaar warb, ihm selbst, dem Heros aller witzigen Eselsköpfe, sein Pensum einstudirte, kurz, die Puppen an ihren Drähtchen lenkte, und feenartig ein Feenspiel schuf. Aber was wollen die luftigen Wesen auf der ausgebildeten, fertig gestalteten Erde? – Sie sind so sehr aus der Mode, dass selbst ihre Allegorie abschreckend geworden ist. Lieber Heinrich, es gibt ein Feld, wo der beste Witz, wie taube Nüsse zu Boden fällt, und Niemand ihn aufhebt. Nun, wir standen mit unsern Bemühungen auf einem solchen feld. Um uns herum lauter müde und matte Blicke, lange Gesichter, gezwungene Aufmerksamkeit, ängstliche Wiederholung aller Regeln der guten Erziehung, um nur nicht die tödtliche Langweile blicken zu lassen, und nachher die Ausrufungen: "Und w i e gespielt! Aber w i e vollendet!" Und Zettel! der ist nun meine ganze Passion! Siehst Du, Heinrich, mein innerer Mensch zuckt vor abgedroschenen Redensarten zusammen. Die Lüge des Hergebrachten presst mir Angstschweiss auf die Stirn! sie nimmt sich so lumpicht aus, und macht sich so breit mit dem abgetragenen Plunder. Kennst Du die Empfindung, wenn fremde Dürftigkeit uns zu Boden drückt? Ich will nicht den reichen Mann auf Kosten Anderer spielen. Ich will glauben, dass der Aufwand, mit dem ich aufzutreten meinte, wie veralteter Prunk, zu schwer wog; auch, dass ich unrecht hatte, mich darauf zu stützen, allein denken sollte man doch, G o l d halte immer die P r o b e , wie lange es auch im Winkel verborgen stand. Das ist aber nicht wahr. Kein Mensch glaubt Dir, dass es welches ist; und Niemand stellt die probe an. Genug, wie dem auch sei, ich zog geschlagen aus dem feld. Ich hatte mich verrechnet, das lag am Tage. Es blieb auch so eine gewisse, verlegene Aengstlichkeit nach geendigtem Spiele zurück; dann sprach man gar nicht mehr davon. Es war, wie nicht geschehen, ich hatte Zeit, Betrachtungen anzustellen.
Nach dem ersten kleinen Verdruss über m e i n e eigene Einfalt, machte ich es, wie Du jetzt tun wirst, ich lachte den Narren im Menschen aus! Mein Dünkel, der Eifer, mit dem ich ihn einige Tage gefüttert, alle die Mühe und Not, ehe es zu dem Haupteffekt und der Beschämung kam, das Nachspiel hinter den Coulissen, war, ich versichere Dich, sehr drollig. Zuletzt sagte ich mir dann aber doch Einiges zum Trost. Unter anderm, dass es mit den neuen Anforderungen an die Poesie ein eigenes Ding sei. Sie muss sententiös oder materiell auftreten, wenn sie Eingang finden soll. Man will ein Paar schlagende Phrasen mit nach haus nehmen oder sich durch illusorische Anschauungen so getäuscht finden, dass man wirklich in China oder Mexico, in einem schlechten Gastofe mit gemeinen Gesellen, in der alten, oder unter den Menschenfressern in der neuen Welt zu sein glaubt, und dies alles, bloss um zu wissen, wie es die Kerls da treiben? Die Töne einer göttlichen Sprache zerrinnen in der untern Atmosphäre zu Begriffen. Davon, dass es eine Region gibt, in deren feinen, leichten Luftschwingungen die Seele unwillkührlich gehoben wird, so dass sie die Spiegelbilder der Erde nur im Widerschein, aber dafür in jener magischen Beleuchtung eines wärmern und glänzendern Gestirns, der Sonne des Dichters sieht, davon r e d e t man wohl, aber man kennt es nicht mehr.
Nein, Heinrich, man kennt es nicht mehr! Auch D u , und ich, die wir in einzelnen Augenblicken des tiefsten Schmerzes, der inneren Verzweiflung, des gänzlichen Zerfallens mit der Welt, davon t r ä u m e n , vergessen es wieder, m ü s s e n es in einer so gestalteten Welt vergessen! Das ist der Widerspruch, in dem wir leben. Wir w o l l e n , was wir nicht k ö n n e n ! Begreifst Du, wie zerrissen, wie fragmentarisch dies Geschlecht in der Weltgeschichte dastehen wird?
Doch wieder auf mein Abenteuer zu kommen. Es hat mich der liebenswürdigen Elise auf immer zum Freunde gemacht. Leichter, gutmütiger nimmt keine Frau auf Erden ähnliche Kränkungen der Eitelkeit auf. Ihr klarer, milder Sinn fand sogleich den Gesichtspunkt, aus welchem unser Missgeschick natürlich erschien. Sie tadelte weder sich noch Andere. "Es passte nicht!" sagte sie, und damit behielt jeder sein Recht.
Es passt