finden, und dem brennenden Verlangen, die Urheber ihrer gescheiterten Hoffnungen zu strafen, treibt sie zur Abreise, und zögert mit dieser. Indess beschwichtigen Emma's Briefe, die den vollen Frieden ruhiger Uebereinstimmung mit sich und der Welt atmen, von Zeit zu Zeit die leidenschaftliche Mutter. Allein das sind Augenblicke, die nicht vollwichtig genug sind, peinliche Zwischenräume zu füllen, in denen eine stets zu eigener Qual arbeitende Phantasie unbeschäftigt bleiben könnte.
So bewährt es sich denn aufs Neue, dass ein leeres Gefäss, welches die gelegenheit mit ihren zufälligen Gaben füllte, gewöhnlich mehr Gift entält, als das boshafte Genie aus sich selbst zu erzeugen vermag; gewiss, Klätscherei ist eine ärgere Feindin des Familienfriedens, als Verläumdung!
Ich gestehe es, ich bin bekümmert, auch um das, was nicht ist, und gleichwohl s c h e i n t . Der Ruf ist darum so heilig, weil er den Weg zu menschlichem Vertrauen bahnt oder verschliesst.
Dass eine Gesinnung, wie die des Grafen, in Widerspruch mit den Anforderungen der Gesellschaft geraten musste, war von Anfang nicht zu verkennen. Vieles davon musste, früh oder spät, störend ins Leben treten. Ich war darauf gefasst, ich erwartete für Emma nur in sofern Zufriedenheit, als ich fest auf die grossartige Selbstentäusserung ihrer frommen, frühgereiften Sinnesart baute. Allein, es ist etwas, ausser der allgemeinen Freigeisterei, in Hugo's Benehmen, das über jene ein zweideutiges Licht wirft, und es dahin gestellt sein lässt, ob ein kranker, unstäter Sinn, ob herzloser Egoismus, Unfähigkeit, irgend einen Gegenstand ganz zu umfassen, oder kühner, jugendlicher Trieb, das A l l sein zu nennen, den grösseren Anteil an seinem kalten Entschlüpfen innigerer Bande hat?
Sie sehen, liebste Elise, das Gift hat mich auch nicht unangefochten gelassen! Ich schäme mich fast, keine kräftigere Gegenmittel angewendet zu haben; allein, man tue, was man wolle, es bleibt immer etwas von dem Gehörten zurück. Dann weiss ich auch sehr wohl, wie viel ich von dem zu halten habe, was mir Curd, im Vertrauen auf ein williges Ohr, heimlich zuflüsterte, auch kann ich leicht abnehmen, wie Gerüchte entstanden, die den geistvollen, feingebildeten Grafen edlere Gesellschaft verschmähen, Tage und Nächte bei umhertreibendem Gesindel in Wäldern und Feldern weilen, mit ihnen auf müssige Abenteuer ausziehen lassen, so liegt doch dem Allen d i e Wahrheit zum grund, dass Hugo unbeschäftigt, lässig und zwecklos umherstreift, die wilden Forsten, seiner Häuslichkeit vorzieht, Emma unbeachtet lässt, in nichts verrät, dass er ernsten Anteil an der Welt wie an seinem Berufe nimmt. Nicht der Bau des neuen Schlosses auf den angränzenden Gütern, noch diese selbst, wie unbeschränkt sie ihm auch schon jetzt als Eigentum überlassen wurden, nehmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Es scheint, er habe sich in das ihm unbekannte verhältnis, ohne Wunsch und Wille, hineinziehen lassen, und verharre nun auch so in ihm. Was aber füllt sein Inneres? womit täuscht er den strebenden Geist, dessen Fittige noch jüngst so unruhig rauschten und höhern Flug verhiessen?
Ich frage S i e , liebe Elise, da S i e ihn fast täglich, wie ich glaube, sehen und sprechen. Sie sind unbefangen und offen. Ihrem Urteile vertraue ich gern, Sie werden mir sagen, wie er Ihnen erscheint. Ich bedarf in der Tat einige Sicherheit, um den wechselnden Stimmungen meiner armen Freundin zu begegnen. Sie ist durchaus unfähig, ein Bild aus der Ferne festzuhalten. Ihre Empfindungen sind viel zu beweglich, um die Phantasie irgend etwas vollenden zu lassen. Sie erträgt die Anschauung des Unglücks nicht, und misstrauet dem Geschick zu sehr, um tröstlichen Verheissungen geduldigen Glauben zu schenken. Deshalb treibe ich unablässig zur Rückkehr in die Heimat. Es hält uns auch in der Tat nur die vorgerückte Jahrszeit, welche der Gesundheit meiner Gefährtin nachteilig werden könnte, vor der Hand hier fest. Wir leben gleichwohl mit unsern Gedanken und Gefühlen mehr im vaterland, als an den blühenden Ufern des Arno. Denn wo die Seele ihren Frieden nicht findet, wird der Anblick des Schönen nur eine trübe Mahnung an den Druck, der uns so beugt, dass wir unempfindlich gegen die vielen Gaben der natur und Kunst bleiben. Sie begreifen mich vielleicht nicht in dieser Verstimmung, die Ihnen fremd an mir sein muss. Ich selbst, liebe Elise, würde mir unverständlich werden, schöbe ich nicht etwas von so viel Mutlosigkeit auf Rechnung der stets leidenschaftlich wogenden Unterhaltung mit einer Frau, die mir Mitleid wie peinliche Besorgniss einflösst. Und dann – es liegt etwas Tragisches in dem Gedanken, dass kein Opfer, das einmal zertrümmerte Glück eines Hauses wieder herstellen kann. Meine schöne, junge Freundin, wenn Sie mich von dieser immer wachsenden überzeugung mehr ergriffen sehen, als es sich mit meinen isolirten Verhältnissen im Leben verträgt, so suchen Sie den Grund davon in der Teilnahme für Andere. Diese warme Teilnahme, die auch Ihr Geschick liebend umfasst, lässt es nicht zu, dass ich ruhig bleibe, wenn ich für die Ruhe allzu sicherer Freunde zittere.
Uebersehen Sie das nicht, Beste, und verzeihen Sie mir, wenn ich zu weit gehe!
Hugo an Heinrich
Wenn Du Dir, wie ich nicht zweifle, die alte Gewohnheit bewahrt hast, lieber Heinrich, mich auf gute Manier auszulachen, so biete ich Dir heute die willkommenste Veranlassung dazu. Nichts Lächerlicheres als ein abgeblitzter Spass, und