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er verletzt. "Ich bin nicht starr und dünkelhaft, glauben Sie mir. Wie i c h mich zu den Menschen stelle, so stehen gemeinhin alle, ohne es zu wissen. Ihr eigentliches Selbst bleibt ein unentüllbares geheimnis. Der Schleier zerreisst nur durch den zündenden Blitz z u s a m m e n f a l l e n d e r Gefühle. D e r Blitz" – – – er hielt inne. Ich mochte nicht weiter in ihn dringen. Sein Herz lag ihm schon auf der Zunge. Solch ein Vertrauen, das geahndete Missverhältnisse zwischen zwei gleich lieben Menschen ausspricht, ist um so peinlicher, wenn, wie hier, der Druck gerade von der Seite am stärksten empfunden wird, wo mit der grössten Kraft auch die Fähigkeit liegt, ihn abzuschütteln. In solchen Fällen ist das Wort schon halbe Tat, und wenn diese auch nicht ausbleiben wird, so mag ich auf keine Weise teil daran haben.

Ich war aufgestanden, ich wollte fort, mir war es entgangen, dass Sturm und Regenwetter die Nacht undurchdringlich machten. Ich musste endlich darein willigen, den morgenden Tag auf der Burg abzuwarten. Leontin liess sich indess nicht zurückhalten. Er bestieg, trotz des wilden Aufruhrs der Elemente, sein Pferd. Wir Alle traten ans Fenster, und baten ihn, umzukehren. Er entgegnete wenig, grüsste, und ritt seines Weges. Wie er sich so unter dem heftigen Regen, der zwischen den Bäumen herabfiel, allmählich in den schwarzen Hintergrund der Bergwände verlor, liess er mir ein undeutliches, unbequemes Gefühl zurück. Mir ward beklommen, wie bei einem angekündigten geheimnis, dessen Bedeutung man noch nicht kennt. Ich weiss nicht, wie dieser eintönige Mensch so schwere und tiefe Klänge in der Seele anschlagen kann! Alles dies irrt und quält mich in seiner Nähe, und doch möchte ich ihn in unserm Kreise nicht missen.

Den andern Morgen schien die Sonne hell in mein Zimmer. Alle träumerischen Grillen waren wie verflogen. Ich lachte mich aus, eilte in das Frühstückzimmer, und wollte nun alles Ernstes machen, dass ich nach haus käme. Es war indess hier leer. Ich suchte Emma. Man wies mich nach dem Tiergarten. Ich sah sie schon von ferne, zwischen den entlaubten Bäumen, in einen grauen Mantel gehüllt, einsam stehen. Gemächlich kamen jetzt zahme Hirsche und Rehe aus dem Dickicht auf sie zu. Sie naheten ihr, und standen nun scheu und erwartend da, bis sie die Hand nach einem Gefäss ausstreckte, was eben ein Jägerknabe brachte. Jetzt drängte das wild sich in dichten Rudeln um sie her. Sie streute ihnen Futter in kleine, zu dem Ende angebrachte Krippen. Der Knabe ging, da sein Geschäft abgetan war. Emma blieb, an den dunklen Stamm einer Eiche gelehnt, allein zurück. Sie hatte noch ihre Lust an den Tieren. Doch lag etwas in ihrer Stellung, in dem winterlich verödeten Hain, ja, in dem Gedanken, dass sie hierher ihre Liebe tragen müsse, was mich unbeschreiblich rührte. Mir fiel allerlei Trauriges, alte Mährchen, das Gedicht der Genovefa ein, ich flog auf sie zu, ich schloss sie in die arme, mir traten Tränen in die Augen, sie verstand meine Rührung nicht, ihr Wesen ist ruhig, doch gefühlvoll, so drückte sie mir die Hand, und ohne mich um das zu befragen, was ihr auffallen musste, begleitete sie mich nach dem schloss. Mit uns zugleich nahete sich Hugo diesem. Er kam von der Jagd. Mehrere Jäger folgten ihm. Sie gingen den jenseitigen Rand des Burggrabens entlang. Als uns der Graf gewahr ward, gab er Flinte und Jagdtasche weg, und sprang mit grosser Leichtigkeit über den Graben. Emma erschrack, die Jäger murmelten beifällig, Hugo lachte, als ich ihm vorwarf, uns um eine coquette Bizarrerie willen beunruhigt zu haben. Er mochte sich getroffen fühlen, denn er liess es hierbei bewenden, ihm lag etwas Anderes im Sinn. Durch Jagdlust und Morgenfrische angenehm erregt, hatten sich ihm allerlei belustigende Bilder erzeugt. "Wir sollten," sagte er, "das Leben in Ulmenstein einmal durch phantastische Zwischenspiele auffrischen. Mir ist eingefallen, die Neigung der Gräfin fürs Teater auf andere Weise zu benutzen. Wie wäre es, wenn sich eine muntere Gesellschaft vereinte, unerkannt, unter der Firma einer reisenden Schauspielertruppe auf dem schloss Zutritt zu suchen, und irgend eine wirkliche Posse auf das dortige Teater brächte?" Mich ergötzte der Einfall, ich stimmte ihm fröhlich bei. "Was sagen Sie zu einzelnen Scenen aus dem Sommernachtstraum von Shakespeare?" fragte er, ganz mit seinem Plane beschäftigt. "Es ist gerade so viel Spass dabei, um zu belustigen, und mehr Tiefsinn, als die Seele tragen kann, wenn sie nicht Spott damit treibt."

Wir waren bald einig. Der Morgen verfloss unter Entwürfen, Vorkehrungen und all dem Unterhaltenden, was der Verwirklichung eines Projectes vorangeht. Wir hatten beschlossen, zuerst die plumpen Gesellen in der probe des Pyranus und Tisbe auftreten zu lassen, und dann die Elfenscenen zwischen Oberon und Titania, sammt der Bezauberung Zettels folgen zu lassen. Die Aufgabe war nicht klein. Doch, einmal mit dem Gedanken vertraut, übernahm ich es, die zierlichen Geister zu suchen, und für unsern Zweck zu gewinnen. Emma lächelte über meinen Eifer. Darauf fragte sie, ob mir nicht etwas unheimlich bei einem Spiele sei, das fast zu schauerlich die Täuschbarkeit des Herzens verhöhne