was Andere erfreut hätte.
Als er die Universität von Cambridge bezog, war er mit den glänzendsten Zeugnissen ausgerüstet. Er wagte nur schüchtern davon Gebrauch zu machen. Die Art seines Benehmens dabei teilte sogleich die Meinung über ihn. Er s t e l l t e sich, und s t a n d unbestimmt. Spott über den linkischen Neuling konnte nicht ausbleiben. Er ertrug das, so lange es zu ertragen war. Dann folgten ernste Händel. Er focht sie glänzend aus, allein auf Kosten eines bildschönen Jünglings, den er durch einen Hieb übers Gesicht für die Zeit seines Lebens entstellte. Jetzt war es vollends um seinen Ruf getan. Man beschuldigte ihn, den Streich absichtlich so geführt zu haben. Dies verwundete seine Seele mehr, als Alles Vorhergehende. Er verliess Cambridge.
Gleichwohl konnte es bei seinen Kenntnissen nicht fehlen, dass er schnell in seiner Bahn vorrückte, und in Amt und Wirksamkeit trat. Von der übrigen Welt zurückgezogen, weihete er sich nun ganz seinem Berufe. In Kurzem hörte man seinen Namen bei Lösung verwickelter Rechtshändel mit achtung nennen. Vorzüglich gewann ihm die Entscheidung eines vieljährigen Prozesses allgemeine Aufmerksamkeit. Allein, eben der Ausgang desselben füllte seine Brust mit Kummer, denn indem er dem lang bestrittenen Rechte alle Gültigkeit verschaffte, und es siegreich aus dem Labyrint unzähliger Irrungen hervor hob, führte er nur den Sturz einer angesehenen Familie, ja den Selbstmord ihres gesunkenen Oberhauptes herbei. Der Advokat schauderte vor dem Anteil, den sein unseliges Mitwirken in der Sache hatte, und als ein Jahr später eine jugendliche Verbrecherin, durch ihn zum Bekenntniss ihrer Schuld gebracht, der gerichtlichen Strafe überliefert ward, traten die prophetischen Worte der alten Wärterin: "W a s d e r a n f a ss t , z e r b r i c h t !" wieder in seine Erinnerung.
Er beschloss, dem feindlichen Geschick ein Ziel zu setzen. So ward er ein müssiger Grübler, zuletzt ein Automat aus Grundsatz. Er glaubte abwenden zu können, was überwunden sein will."
Leontin schwieg. Hugo war indess leise mit gesenktem haupt im Zimmer auf und abgegangen, ohne uns in seinen Mienen den Anteil lesen zu lassen, den ihm diese sonderbare Erzählung einflösste. Jetzt stand er still, sah auf, indem er Leontin fragte: "Und hat er es überwunden?"
"Ich denke ja!" war die Antwort. Hugo schüttelte den Kopf. "Ich fürchte N e i n ," entgegnete er. "Rufen Sie sich nur zurück, was ihm unbewusst am grab des Freundes über die Lippen flog, das war die innere Anschauung seiner Bestimmung. Wem d i e einmal klar ward, der ist nicht mehr zu täuschen. Der Mann wusste auf ein Haar, was er zu erwarten hatte, verlassen Sie sich darauf. S o oder s o ! Es ist a l l e s Eins! –"
Emma heftete einen sonderbar fragenden blick auf ihn.
Liebste Sophie, vergeben Sie mir meine Offenheit; allein diese Frau sieht zuweilen so verwundert und fremd in Dinge hinein, als wäre gar kein Schlüssel in ihr, zu den Rätseln eines grossartigen Charakters. Ich weiss nicht, ob Hugo dieselbe Empfindung hatte, allein er mied jetzt ihr Auge, das ihn nicht verliess. Anders war es mit Leontin. Dieser sass mit untergeschlagenen Armen der schönen Frau gegenüber, ohne Teilnahme für das, was fernerhin gesprochen wurde, ganz versunken in Gedanken, welche eine innere Verwandtschaft mit dem haben musste, was Emma's Seele beschäftigte, denn, ob er gleich nur flüchtig, und wie unter melancholischen Wolken, aufsah, so verriet doch sein Gesicht, was in ihm vorging. Es ist nicht zum erstenmale, dass ich diese fliegende Schatten von i h m zu i h r hinübergleiten sehe. Ich weiss nicht, weshalb mich das so erschüttert? Auch jetzt. Allerlei Gedanken schwirrten mir zugleich durch den Sinn. In einer Art Verlegenheit, in die ich wohl gerate, wenn das Gespräch plötzlich stockt, trat ich zum Clavier. Erst schlug ich auf gut Glück einzelne Töne an, dann spielte ich die Melodie von Göte's Fischerliede. Hugo setzte sich zu mir. Er hat eine volle, schöne stimme, ich höre ihn gern, und liess mir seine Begleitung gefallen. In den Worten:
"Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm,
Da war's um ihn gescheh'n;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr geseh'n"
lag seine ganze Seele. Ich sah eben bei der letzten Strophe zu ihm auf. Er war ungewöhnlich bewegt. Mir ward auf einmal klar, wie er dürste, sich mit einer unbekannten Gewalt zu messen, wie geisterhaft ihn diese locken, und was er tun und leiden könne, um sich nur selbst in dem erhöheten Gefühl zu entgehen.
Sophie! mich dauert jeder, dem man Fesseln anlegt. Dieser, vor vielen Andern, war es wert, frei zu bleiben.
Ich schüttelte unwillkührlich den Kopf, als das Lied geendet war. Er bog sich näher zu mir, indem er leise fragte: Ob ich ihn auch missverstehe, wie die Meisten, auf deren Gesichter er nichts als tadelnde Verwunderung lese?
"Was kümmert Sie die Meinung Anderer?" entgegnete ich rasch. "Sie achten Niemand genug, um viel auf ein Urteil zu hören."
"Sie tun mir wehe," entgegnete