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die Furcht vor ihrer Annäherung, jagten die Sorglosen von ihren Plätzen auf. Es stürzten alle durch einander hin. Man ergriff, fasste, was zu retten stand, mindestens sich selbst, da bald jeder Einzelne hier bedroht war. Den Advokaten hatte man im ersten Wirrwarr gleich vermisst. Sein Freund glaubte jedoch ihn an seiner Seite zum haus hinausgehend, gesehen zu haben. Er rief ihn deshalb mit lauter stimme; da jener aber keine Antwort gab, wandte sich der Erschrockene wiederum nach der Brandstätte. Hier prallte er vor der Glut des zusammenstürzenden Gebäudes zurück. Das ganze Haus lag in schwarze Rauchwirbel verhüllt, zwischen denen Funken und Flammen in wilder Wut prasselten. Ein kürzlich vollendeter Anbau von massivem Mauerwerk, in welchem sich das Esszimmer befand, war freilich durch davorstehende Bäume geschützt, und bis jetzt ziemlich ausser Gefahr geblieben. Allein, den Weg von Innen dahin zu betreten, lag ausser dem Bereich denkbarer Möglichkeit; denn ward auch allenfalls durch den Garten der schmale Hof erreicht, in welchen die Fenster des neuen Flügels hinausgingen, so durchdrang die innere, wachsende Hitze doch den engen Raum schon in solchem Maasse, dass der Vorrat aufgestapelten Brennholzes, welcher sich hier befand, durch ein inneres Knistern und Dampfen, das nahe Losbrechen der Flamme nur allzu furchtbar verkündete, weshalb sich denn auch Niemand mehr mit Löschgerät hierher wagte, aus Furcht, in dem Dunste zu ersticken. Alles dieses hielt indess den treuen Freund nicht zurück. Mit einer niedern Gartenleiter versehen, drang er glücklich bis zu der Fensterbrüstung des Gemaches, in welchem er den Vermissten zu finden hoffte. Die Mauer glühete wie eine Feueresse, alle Scheiben waren bereits gesprungen. Der heldenmütige Mann glaubte mitten in Flammen zu stehen. Dem ungeachtet gelang es ihm, jedem Hindernisse zu trotzen. Er war jetzt mitten im saal. Seiner kaum noch bewusst, fiel gleichwohl sein erster blick auf den ruhig dasitzenden Advokaten, der ihn verwundert anstarrte.

'Um Gottes Willen,' rief der Eintretende, 'was machst Du hier? Geschwind, besinne Dich nicht lange! Folge mir, sonst sind wir beide verloren!'

Der Andere winkte abwehrend mit der Hand. 'Geh!' bat er, ohne sich von der Stelle zu rühren, 'geh! ehe es zu spät wird! Mich lass hier,' setzte er hinzu. 'Ich entfliehe dem Verderben nicht, glaube mir, am wenigsten, wenn ich dabei tätig sein wollte.'

'Torheiten!" versetzte jener, 'ist es jetzt Zeit, albernen Grillen Raum zu geben?'

Mit diesen Worten umschlang er den willenlosen Träumer, riss ihn vom stuhl auf, schleppte ihn zum Fenster, und ohne die kreisenden Funkenwirbel zu achten, die jetzt den Hof erfüllten, ohne die prasselnden Holzhaufen zu fürchten, bestieg er die Leiter, den Advokaten auf dem rücken tragend. Doch, kaum hatte er die ersten Sprossen betreten, so fühlte er sich unter seiner Last erliegen, er schwankte, die Glut um ihn her raubte ihm die Besinnung, er widerstand einem jähen Schwindel nicht, der ihn und den unglücklichen Freund mit einem fürchterlichen Fall zu Boden stürzte. Der Advokat fiel auf seinen Retter. Einen Augenblick harrte jener, was nun geschehen würde? Da aber der Andere kein Zeichen des Lebens gab, so durchzuckte die entsetzliche Ahndung der Wahrheit den Kranken. Er sprang empor, umfasste und trug seinen Wohltäter durch den Garten, über die Strasse, zu seinem haus hinein, rief ärzte herbei, ordnete mit kluger Besonnenheit jedes erdenkliche Rettungsmittel an; nichts lähmte seinen Eifer, selbst der niederschlagende Ausspruch des Arztes nicht, der alle angewandte Mühe für vergeblich erklärte. Noch einmal schlug der treueste der Freunde die Augen auf, ein kurzer Kampf vollendete das Opfer seines Lebens.

Jedweder zitterte nun für das Geschick des Zurückbleibenden. laut weinend stand dieser am grab des Einzigen, der ihn so geliebt. Als die herabrollende Erde jetzt die Gruft füllte, ein kleiner Hügel die Stelle bezeichnete, seufzte der Advokat tief, sein dunkles Auge lag fest am Boden. Träumerisch sagte er nach einer Weile: "S o oder s o ! Es ist alles Eins! Man m u ss , was man s o l l ! O!" rief er plötzlich mit dem Ausdruck des bittersten Schmerzes: "Sei ruhig, lieber Freund, da unten in Deinem Bette, ich w i l l , ja ich will arbeiten hier auf Erden, vielleicht erliege ich wie Du, Unvergesslicher!"

Er hielt in so weit, was er versprochen, dass man ihn von jetzt seinen früheren Beruf mit Eifer erfüllen sah. Noch in den ersten Tagen heftiger Erschütterung teilte er mehreren neugewonnenen Bekannten den Grund seiner frühern Seltsamkeit mit. Schon als Kind hörte er seine Wärterin sagen: "Was der anrührt, zerbricht." Sie hatte recht, deshalb schmerzte es ihn. Er ward ängstlich. Spielte er mit den Geschwistern, so traf er wohl Diesen unglücklich mit dem Balle ins Auge, oder stiess im Laufen einen Andern, dass er fiel, und sich verletzte. Bald verlor er die Lust am Spiel. Zurückgezogen und einsam, lernte er aus Langweile mehr, als die gefährten. Weniger zerstreut als sie, vergass er selten das Erlernte.

Das blieb nicht unbemerkt, allein es diente nur, seine Mitschüler zu beschämen. Eifrige und lebhafte Lehrer taten das oft schonungslos. Der Träumer, den Niemand leiden mochte, ward vollends verhasst. So fühlte er nur Qualen in dem,