kleinen person, als mit dem Charakter derjenigen beschäftigt, die sie vorstellen sollte, kurz sie war, was die meisten Püppchen, die man so figuriren lässt, zu sein pflegen. Dies stach auffallend, und nicht zum Nachteile Leontins, gegen dessen düsteres Spiel ab. Es lag erschütternde Wahrheit darin, und wenn er auch, wie nicht zu läugnen, den Ort, den Zweck, ja vielleicht den Gedanken des kleinen Drama ein wenig aus der Acht liess, so weckte er auch dafür Empfindungen, die weit über den flüchtigen Zeitvertreib hinausgingen. Ich sah mir den Mann zum erstenmale genauer an. Er hatte sich uns früher mit nachlässiger Hingebung angeschlossen, doch meist nur den stummen Zuhörer bei unserer Unterhaltung abgegeben. Sein Wesen deutet auf Leerheit oder Zurückgezogenheit. Ich schwankte in meinem Urteile, doch war ich geneigt, von Beiden etwas anzunehmen. Jetzt, auf den Brettern, schien er plötzlich den Ausdruck seines verhüllten Selbsts gefunden zu haben. Ich ward aufmerksam auf ihn. Den folgenden Abend trafen wir auf der Burg zusammen. Er hatte seinen schwarzen Rock nicht mehr an. Der hellfarbige Frack, nach englischer Sitte, mit weit über die Handknöchel hervorgezogenem Hemde, die künstlich gelegte, steife Cravatte, das bauschige Jabot, erinnerten an viele unserer maniirten Anglomen, und rief mir es zurück, dass man ihn allgemein in diese Categorie setze. Ich hasse ein für allemal jede Copie. Er musste indess die fremde Manier gut aufgefasst haben, wenn in seinem Spiel nicht eigentümlicher Charakter lag. Ich brachte das Gespräch darauf. Hugo persiflirte das Stück. Wir sind selten einer Meinung. Ich wollte doch tiefere Anklänge darin finden. Leontin sagte wie gewöhnlich nichts. Als nun aber mein ewiger Widersacher mit vieler Laune einwarf, dieser Engländer sei, wie die meisten Figuren der Art auf unserer Bühne, eine Puppe, nach toten Formen gebildet, mit abgerissenen Lappen, schlecht abstrahirten Raisonnements ausgestopft, ein Ding, das sein Pensum hersage, und zuletzt durch eine unmodivirte Catastrophe zu einem stillen, guten mann aus der bürgerlichen Welt gemacht werde: da wandte ich mich ärgerlich gegen Leontin, und rief ihn auf, ein geschöpf der Phantasie zu verteidigen, in das er sich so vollkommen hinein gedacht, das er verwirklicht habe.
Er blickte ein wenig finster auf, indem er ruhig erwiderte: "Nun, mein Gott, der schwarze Mann ist ein Sceptiker, der eine Seele hat, ohne sie zu fühlen, und plötzlich eine andere findet, durch die er zu sich selber kommt."
Es war augenscheinlich, Hugo überraschte die Antwort. Er sah mich lächelnd an. War es nun, um Recht zu behalten, oder wollte er Leontin leise verspotten, er fragte, ob er dem Schreckschuss zu guterletzt die Gewalt zutraue, eine, auf grundsätzen basirte Sinnesart so mit einemmale, wie Spreu, zu zerstäuben? Er, seiner Seits, wittre hinter dem Knall und Dampf ein Leichenfeld a l l e r Gefühle, und den wahren Tod, den man zum Scheintod habe machen wollen.
Leontin entgegnete mit mehr jugendlicher Wärme, als ich ihm zugetraut hätte: "Das Leben eines Menschen ist am Ende kein Pappenstiel! um es bei einem geliebten Wesen aufs Spiel gesetzt zu sehen, kann wohl erschüttern, und auf Gedanken bringen, die man früher nicht hatte."
Er erzählte hierauf, nach einer kleinen Pause, wie er im nördlichen England einem mann begegnet sei, welcher durch völlige Entäusserung alles selbstbestimmten Handelns, den Anstrich des Wahnsinnes bekommen habe, ob er gleich, in jeder andern Beziehung, einen klaren, folgerechten Geist bewährte. "Dieser Sonderling," fuhr der Baron fort, "kam und ging wie Jemand, der ohne Zweck des Daseins lebt. Er verlangte weder Speise, Trank noch Ruhestätte, genoss indess, was man ihm bot, ohne Widerstand, wie ohne Verlangen. Im Mittelstande geboren, hatte er sich früher als Rechtsgelehrter sehr ausgezeichnet, doch irrte er schon lange geschäftslos umher. Die welke Hingebung seines Wesens, der nachlässige Anzug, das Willenlose bis in die geringste Lebensanforderungen, bildete einen rätselhaften Contrast mit dem grossen, feurigen Auge, einer blühenden Gesichtsfarbe, und raschen, oft launigen Ergüssen des Witzes. Man war verlegen, ob man den Mann für krank, oder absichtlich maniirt halten sollte? Allein, weder von dem Einen noch dem Andern liess sich eine Spur entdecken.
Ich ward," setzte der Baron seine Erzählung fort, "durch diese originelle Erscheinung an der Wirtstafel eines kleinen Städtchens lebhaft angezogen. Täglich sah man hier den Gegenstand so mancher unstattaften Vermutungen, in Gesellschaft eines, ihm auf Leib und Leben ergebenen Freundes, wiederkehren. Denn Letzterm schien daran gelegen, seinen Schützling allmählich in mannigfachen Beziehungen einzuspinnen, woraus er ein Gewebe unbestimmter Anregungen, in Gedanken entstehen und den trüben Wahn des Gemütskranken schwinden sah. Er liess dies mehr durch sein Benehmen, als durch unmittelbare Aeusserungen abnehmen. Er vermied im Gegenteil alles fremde Zudringen. Man hörte ihn immer nur ausweichend über den Freund reden. Was er indess auch hoffte, und wie er die Erfüllung vorbereitete, es sollte anders kommen.
Eines Tages, als die Tischgenossen länger wie gewöhnlich beisammen blieben, viel erzählt und viel getrunken ward, ohne gerade sonderlich auf ein starkes Gewitter zu achten, das über den Ort hinzog, fuhr plötzlich der Blitz nieder, und zündete in seinem unzuberechnenden Laufe an zwei Stellen des leicht, aus Fachwerk erbauten Hauses. Dampf und Geschrei, das Brausen der Flamme, so wie