und Andern gefordert. Hierin setzt er den ganzen Wert des Mannes. In Opfern aller Art zeichnete er sich aus. Ja, man erzählt, er warf alle Lebensansprüche hin, zerriss eine Verbindung, die, im Begriff vollzogen zu werden, seinem Herzen das schönste Glück verhiess, weihete sich stillem Entsagen, suchte und fand Trost in der Tätigkeit für Andre. Dem Fehlgriffe seines Bruders hatte er die ganze Strenge gesetzlicher Vollkraft entgegen gestellt, sich selbst d a f ü r zu strafen, das Missverhältniss auszugleichen, ward er Geistlicher. In diesem Bewusstsein betrachtet er das Leben, wie ein Feld s t r e i t e n d e r Kräfte, auf dem Niemand müde werden darf. Am wenigsten kann er das Vonsichdrängen des Kampfes, das Flüchten in die Labyrinte müssiger Betrachtungen, dulden. Er will immer Gewappnete um sich sehen, überzeugt, dass jeder Augenblick eine Tat mit sich heraufträgt. G e n u ss kennt er nicht, in sofern dieser Rast und Ruhe bedingt. Sehen Sie, ehrwürdiger Herr, so gesinnt, dünken ihm Hugo's Aeusserungen lauter Misstöne. Ich finde gleichwohl Harmonie darin. Geht doch alles in einen Grundton seiner Seele über! diese füllt heisser, ungestillter Durst nach dem, was die Welt nicht hat. Oft denke ich mir, Gott habe den geliebten Mann durch seine ganze natur zum Priesterstande bestimmt. Er würde sich in den heiligen Abgrund des Geheimnisses versenkt, aus dem verborgenen Quell geschöpft haben. Und doch, finden wir nicht auch unter den Gläubigen d u n k l e Seher? Ist der t i e f e blick nicht oft der t r ü b e ? Bleibt die Sonne darum weniger sie selbst, weil sie hinter dunkeln Wolken weilt? Und eben so, ist Finsterniss darum wirklich Finsterniss, weil wir das Licht nicht sehen? Ich kann mir in einem Menschen alles a n d e r s denken, als er nach Aussen erscheint. Hugo ist mir in manchen Augenblicken so verständlich, ich traure nur mit ihm. Ein Glück, dass die heitre Elise so viel duftige Farben über das Leben zu verbreiten weiss! ihre Nähe ist uns Allen gewiss recht wohltätig.
Irre ich in meiner Ansicht, geehrter Freund, so lassen Sie mich recht bald in Ihrer gütigen Antwort den Irrtum einsehen.
Elise an Sophie
Mit Befremden werden Sie an dem Ortszeichen dieses Briefes meinen verlängerten Aufentalt auf dem land sehen. Die vorgerückte Jahrszeit fand mich niemals hier. Es wäre auch jetzt nicht der Fall, hielt eine unvorhergesehene Geschäftsreise Eduard nicht von uns entfernt, wodurch ich Freiheit gewinne, über mein Gehen und Bleiben zu bestimmen. Sie wissen, liebste Sophie, ich reisse mich immer schwer von dem Orte los, wo ich eben bin. Im Frühling möchte ich die Stadt, im Herbst den lieben, wohnlichen Gartensaal mit seinem Kamine, die Blumen und Fruchtkörbe nicht verlassen. Ich kann Ihnen sagen, mir ist recht innerlich wohl, so hier zu sitzen, als brauche ich gar nicht aufzustehen, weder von Einpacken, noch Fortschicken der Wagen, noch von Reisen sprechen zu hören, und Stunden und Tage gehen zu lassen, ohne der Zukunft zu gedenken! Dazu nehmen Sie noch, dass ich im mindesten nichts an fröhlicher Gesellschaft einbüsse. Meine Nachbarn folgen meinem Beispiel. Die Eine aus notwendigkeit, die Andere aus Grille. Auf der Burg hält das Podagra den Comtur, die Pflicht ihn zu pflegen, die jungen Leute, zurück; in Ulmenstein erinnerte sich die Gräfin, dass man in England immer erst spät nach der Stadt zurückkehrt; zudem ist es pikant, sich erwarten zu lassen. Diesen Triumph vorzubereiten, bietet sie jedes Mittel auf, dem Rufe ihres Hauses noch an Glanz und erhöheter Fröhlichkeit das Wünschenswerteste hinzuzusetzen. Man jagt in ihrem Park, spielt Comödie, stellt lebende Bilder dar, sitzt in grossen Kreisen und am gastlichen Kamin, und erzählt schauerliche Geistergeschichten bis in die Nacht hinein. Von fern und nahe strömen müssige, neugierige, oft lebensfrohe Genossen herzu. Es ist, ich versichere Sie, ein sonderbares, konfuses Treiben dort, das eben, in seiner Anarchie, etwas Berauschendes hat, und dem ich mich zu zeiten gern überlasse. Einen seltsamern Contrast gibt es nicht, als wenn nun Einzelne, des ewigen Wirrwarrs müde, nach der ernsten Burg, oder mit dessen Bewohnern, hierher zu mir flüchten, wir zu zweien oder vieren in einem kleinen, geschlossenen Kabinet sitzen, die Welt drüben ganz vergessen, nichts wollen, als stilles Genügen im Beisammensein, ruhigen Gesprächs, warme, beseelende Mitteilung. Und wie sich die Brust dann plötzlich erweitert, ein rascher Blitz das Gemüt trifft, und schnell ein Funke den andern fasst, bis alles hell und durchsichtig um uns ist! – O Liebe! – Oft noch spät, nach einem durchschwärmten Tage kommen wir Abends so zusammen. Dann ist es, als haben die wechselnden Berührungen von Aussen die saiten in uns nur angeschlagen, damit ein lang verhaltenes, geheimnissvolles Echo die Töne schwer, aber tief zurückgebe, und so das Missgestimmte in Akkorden zusammenfliesse.
Vor Kurzem wohnten wir zu Ulmenstein einer Vorstellung des schwarzen Mannes von *** bei. Eines von jenen Teaterstücken, die am häufigsten auf Privat-Bühnen gegeben werden, und viel zu schwer für die augenblickliche Belustigung sind. Der junge Leontin, Sohn des Baron Wildenau, machte die Rolle des spleenkranken Engländers. Agate hatte man zu seiner Gattin erwählt. Sie spielte maniirt, war mehr mit ihrer