sich ein Dasein, das uns g e h ö r t , dessen Herrscher der träumende Gedanke ist." Er sagte das Letzte mit seltsam erschütternder Melancholie in Ton und Miene. Im Sessel zurückgelehnt, die arme über einander geschlagen, wandte er nur das Auge zu seiner Nachbarin, die ihn überrascht, wie es schien, ungewiss betrachtete.
"Man wirft so oft den Christen vor," unterbrach ich die augenblickliche Stille, "dass sie sich den Genuss des Lebens verkümmern, die Schöpfung, durch trübe Betrachtungen über den Wechsel der Dinge, ihres Reizes entkleiden, ja das Gemüt durch Abtödtung in unerfreuliches Entsagen zwingen; doch so unbarmherzig in das schwankende Grau der Nacht verweisen sie die geängstete Seele nicht, wie jene Heiden, deren Du erwähnst, Hugo. Sage doch, welche andere, als traurige, unbestimmte Bilder können der Phantasie in solchen Nebeldünsten entsteigen?"
"Mein liebes Kind," entgegnete er etwas trocken, "es ist hier nicht von Glaubenssätzen verschiedener Religionsansichten die Rede, sondern von allgemein menschlichen Naturzuständen, die sich in ihren Bedingungen, wie in ihren Anforderungen, von jeher auf ein Haar glichen. Immer wollte das Herz, was es nicht hat, immer suchte es sich im Unermesslichen zu genügen. Die Formen, in welche das mannichfach abgeschattete Streben sich wechselnd kleidete, tun zur Sache wenig."
"Ich meine doch," entgegnete ich, "der Christ denkt nicht allein, er fühlt auch anders, wie der Heide." Hugo schwieg. Des Oheims Blicke ruhten auf Elisen. Sie schien in sich das Gehörte zu erwägen.
"Wir sollten," hub jener nach einer Pause an, "den wüsten Sturm einer Gigantenbrust nicht zum Maassstabe u n s r e r Empfindungen machen wollen. Dort ist der Drang des Schrankenlosen in die ringende Verwirrung des Lebens gegeben. Der Fluss sucht erst sein Bett. Das Gefühl hat keine Worte. Grosse Natursymbole werden ihr unwillkührlicher Ausdruck. Für uns sind das verbrauchte Spielereien. Wir gefallen uns darin, weil es so tönend klingt, und über die Ungenügsamkeit verwöhnter Herzen täuscht. Wir schwärmen aus Schwäche, und träumen aus Trägheit. Schwermut ist der trübe Schatten entflohener Lebenskraft."
An Hugo's Lippen zuckte ein zweideutiges Lächeln. Er öffnete sie, als wolle er etwas sagen, doch unterliess er es.
"Deshalb," fuhr der Oheim fort, "stimme ich dem Urteil unserer Freundin bei, welches Schriften, die dem kranken zug der Seele Vorschub leihen, abirrend nennt."
"Und somit," entgegnete Hugo, bedacht und leise, "somit wären alle Fäden zerschnitten, durch die unser Sein mit höherer Ahndung zusammen hängt, und diese selbst zum schwerfälligen Phantom dickblütiger Fieberphantasie herabgesunken! Lieber Onkel," fuhr er, näher sich zu ihm wendend, die Hand freundlich auf seinen Arm gelegt, fort, "Sie fühlen es anders. Sie haben die Einsamkeit lieb. Sie kennen die Stunden wohl, wo der blick nichts sieht, nichts sucht, wie in einem Abgrund versinkt, die Brust immer voller wird, der Wunsch stockt, die sehnsucht das All umfasst, unbezwingliche Traurigkeit uns fest umklammert, wir uns f ü h l e n und nicht fühlen! dann plötzlich reisst der Geist sich aus den Banden los, wir glühen, e i n e , nur e i n e Tat zu tun, die das heisse Streben stille. Nein! O nein! Melancholie ist nicht die Ausgeburt schlaffer Trägheit, sie ist die trauernde Gefährtin des Menschen, der, ein stets erneuerter Prometeus, sich und seine Schöpferkraft in Ketten geschlagen fühlt."
Des Comturs Schmerzen kehrten hier heftiger wieder. Er hielt zuckend die Hand gegen den leidenden Fuss, indem er mit Anstrengung sagte: "Ich verstehe wohl, wie Du es meinst, allein auch Prometeus war aus seiner Bahn gewichen, und wenn auch göttlicher Wahnsinn, so ist Wahnsinn immer Krankheit. Uebrigens täuschen wir uns gern mit prometeischer Schöpferkraft, wenn uns das N ä c h s t e zu schlecht dünkt, oder zu mühsam, es anzufassen."
"Ja wohl," rief Elise, indem sie mit komischem Eifer von ihrem stuhl aufsprang und an des Comturs Lager eilte. "Während wir hier um des Kaisers Bart streiten, versäumen wir, Ihnen die Kissen zurecht zu legen. Es ist da etwas, das Sie drückt. Wir hätten es gewiss längst bemerkt, wären wir nicht so unverzeihlich mit uns selbst beschäftigt gewesen."
"Da haben Sie die Moral von der Fabel," sagte sie, gegen Hugo gewendet. "Das gesunde Auge wird blind, wenn man durch Künstliche sieht."
Der Oheim küsste ihr die Hand, die sich auf leichte und gefällige Weise um ihn zu tun machte. Schaffte sie ihm wirklich Erleichterung, oder war der unbequeme Anfall rasch vorüber gegangen? Genug, er fand seine frohe Stimmung sogleich wieder, er scherzte, lachte Hugo aus, während er dessen Gegnerin, in der klugen Nutzanwendung des Streites, lobte. Diesen hatte man fallen lassen. Es blieb, soviel mir klar ward, Alles unentschieden. Auch bei mir. Deshalb wünschte ich Ihre Ansicht darüber zu hören. Elise war, sie mochte sich dagegen immer sträuben, nicht sowohl durch die Süssigkeit ahndungsvoller Wehmut in sich zurückgezogen, als sie vielmehr Hugo's düstere Begeisterung überraschte! Sie fand sich in einer unheimlichen und doch fesselnden Region. Der Oheim hat immer viel Kraft und Selbstüberwindung von sich