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"wird gewiss schon recht ungeduldig über mein Aussenbleiben geworden sein." "Wie," entgegnete ich überrascht, "der Kleine begleitete Sie, und Sie liessen ihn die ganze Zeit draussen in der nasskalten Herbstluft?"

"Ganz so arg," lächelte sie sorglos, "habe ich es nicht gemacht. Das Kind ist mir mit sammt dem Wagen späterhin gefolgt. Ich bin den Fusspfad durch den Wald gegangen, meine Absicht war bloss, nach dem Befinden unsers Kranken zu fragen, und dann den Rückweg mit einer Spatzierfahrt zu verbinden. Ich habe mich einmal wieder hier vergessen," fügte sie achselzuckend hinzu. "Aber nun auch keine Minute länger!"

Sie grüsste flüchtig. Ehe ich ihr Lebewohl sagen konnte, war sie mit Hugo die Treppe hinunter, zum schloss hinaus? Ich trat ans Fenster. Es dunkelte schon. Mir schien es gewagt, sie und das Kind noch so spät der Gefahr des Umwerfens auszusetzen. Ich sprach das gegen den Oheim aus. Er erwiderte nichts. Als ich vom Fenster zurück trat, und wieder neben ihm niedersass, fand ich ihn, den Kopf in die Hand gelehnt, vor sich hinsehend. Sein plötzliches Schweigen fiel mir auf, ja es ängstigte mich. Litt er körperlich, oder war etwas geschehen, das ihm missfiel? Mein fragender blick drückte wohl aus, was ich dachte. Er richtete den Kopf in die Höhe, doch ohne sich weiter zu erklären, sagte er zerstreut und durch Anderes beschäftigt: "Ja, ja, Sie haben ganz recht, es ist zu spät!" – nachher besann er sich, wir redeten über mancherlei, doch unsrer Nachbarin gedachte er weiter nicht, es kam mir sogar vor, als vermeide er alles, was auf sie Bezug hatte. Weshalb das? glaubt er mich unfähig, den Wert der seltenen Frau zu empfinden? und hat ihn die flüchtige Aeusserung über sie, aus meinem mund, verdrossen? – Ich dachte seitdem oft darüber nach. Auch würde ich glauben, hierin nicht zu irren, machte er es gegen Hugo anders. Als dieser nach mehreren Stunden zurück kam, fragte der Oheim weder nach dem, was ihn ausserhalb beschäftigte, noch wie und wo er seine Dame verlassen habe?

S e i n e D a m e ! Es ist doch eigentlich seltsam, wie die kleinen Lebensverhältnisse eine Frau augenblicklich in Beziehung zu einem mann setzen. Dieser kann ihr nicht den Arm bieten, ohne sich für ihren Beschützer zu erklären, was immer gegenseitige Verpflichtung bedingt. Wie mir dies gerade hierbei auffällt? Ich schäme mich, es einzugestehen. Allein ich glaube, es sind noch dumpfe Nachklänge des ersten, unreinen Tones, den Elisens erscheinen in mir weckte. Ich werde darauf nicht wieder hören. Ich verspreche es Ihnen.

über Eins möchte ich doch Ihre Meinung wissen. In einem unserer kleinen Abendzirkel war von einem buch die Rede, das Hugo sehr lebhaft gegen die Angriffe unserer Nachbarin in Schutz nahm. Diese nannte es hinreissend schön, doch a b i r r e n d f ü r d i e P h a n t a s i e , welche das Gebiet melancholischer Schattenbilder vor allem Andern zu meiden habe. "Das unbefriedigte Innere," sagte sie lebhaft, "versinkt ohnehin allzu leicht in jene krankhafte Unbestimmteit, die den Besitz des Daseins erschüttert, alle schöne Gaben desselben bleicht, und das Herz mit nichtzustillender Wehmut füllt."

Hugo lächelte, indem sich die tiefe Falte auf seiner Stirne finster zusammenzog. "Ist, wie Sie es sagen," entgegnete er, "dies die unbezwingliche Neigung der Menschenbrust, lockt uns so Vieles, und am meisten das eigene Gefühl in den dunklen Strom unbegriffener Ahndungen hinüber, was sperren wir uns gegen den Andrang der Wogen, wenn sie uns einmal bis zum Herzen steigen? Was büssen wir Grosses dabei ein, wenn nun auch wirklich Alles u m uns und i n uns in flüchtige Atome zerflösse? Hat das Farbenspiel des Tages die ernsten Schatten der Nacht zu fürchten, dürfen wir es bedauern, wenn das Unbeständige erbleicht? wer beklagt den Verlust e i n g e b i l d e t e r Güter??"

"Wie," unterbrach ihn Elise, "zum trügerischen Gaukelspiel entadeln Sie mir die frische, blühende, kräftige Welt, in der ich atme, und mich w i r k l i c h fühle?" –

"Und dennoch," versetzte Hugo mit neckender Zuversicht, indem er das besprochene Buch vom Tische nehmend, es gewichtig auf der flachen Hand ruhen liess; "Und dennoch geben Sie Ihre Wirklichkeit für s o l c h e Träume hin. Ich weiss gewiss," fuhr er lächelnd fort, "Sie vergassen alles Andere, während Sie lasen."

Elise errötete in sichtlicher Verwirrung.

"Von jeher," nahm Hugo das Wort, "flüchtete der Mensch mit seinen Gefühlen in eine andere Heimat, als die ihm angewiesene. Da war er H e r r und S c h ö p f e r einer unermesslichen Welt. In ihr h a t t e und b e s a ss er, was die vergängliche ihm versagte. Aus höherer Naturmystik nannten die Alten die Nacht, Mutter der Dinge. Erst wenn sie, die Königin, im geheimnissvollen Dunkel heraufzieht, am Saume ihres Mantels duftige Träume spielen, und Schlaf und Tod aus den schwarzen Falten hervor treten, erst dann gestaltet