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, ohne Emma's Begleitung Ihre Einsamkeit zu unterbrechen, Sie würden mich schon frühe am Tage an Ihrem Gartenpförtchen sehen. Allein Sie äusserten einmal: Nur unter Frauen könne zwangloser, nachbarlicher Verkehr stattfinden. Nun, und die meinige ist am Krankenbette des Onkels gefesselt, dem das Podagra viel zu schaffen macht, sonst hätte ich ihre Fürsprache bei Ihnen nachgesucht, denn gewiss, mich verlangt, mehr über ein Tema zu hören, das viele Streitfragen in sich fasst.

Gnädige Frau! ich kehre gleich die von Ihnen aufgeworfene um: "Was finge ich mit dem inneren Leben an, wenn die Welt der Empfindungen nicht meine Heimat wäre?" Sagen Sie selbst, hört man nicht auf, ein Fremdling zu sein, wenn man es hier ist?

Antwort

Kommen Sie immer, wenn Emma Sie auch leider nicht begleiten kann. Ich habe grosse Lust, mit Ihnen zu streiten.

Emma an den Geistlichen

Sie hatten ganz recht! Die Ruhe nach der Reise machte mich krank. Wie wünsche ich mir Glück, Niemanden als Ihnen, ehrwürdiger Herr, meine Schwachheit anvertraut zu haben! Jetzt sehe ich Alles in ganz anderm Lichte. Ich weiss nicht, ob dieses von o b e n kommt? Allein, es ist überall Tag, es ängstigt mich länger kein trüglicher Schatten, ich atme frisch und lebe heiter.

Es war vielleicht ein Glück, dass der Oheim seine gewöhnlichen Gichtanfälle dieses Jahr früher, als sonst, bekam. Wir naheten uns einander dadurch schneller. Seine Bedürftigkeit und mein Wunsch, ihn diese weniger empfinden zu lassen, setzten uns über unzählige kleine Zwischenräume hinweg, welche der geordnete Lauf der Dinge erst nach und nach beseitigt.

Mit steigender Freude fühlte ich, wie notwendig ihm meine Pflege ward. Hiermit regten sich Kräfte und Wille wie neu beseelt in mir. Gottlob! es ist so geblieben. Ich bin auf meinem Platz. Von da aus sieht es sich klarer, bestimmter auf die Gegenstände hin, welche unsere Welt bilden. Ich glaube, des Oheims Auge hat auch erst einen blick für mich gewonnen. Er betrachtet mich nicht mehr so prüfend. Wenn er mich ansieht, lese ich Vertrauen und wohlwollende Güte in seiner Miene. Es gibt nichts Einfacheres, aber auch nichts Friedlicheres, als unser Leben. Und wissen Sie wohl, wer zumeist den stillen Geist hineingetragen hat? Jene schöne, liebe Frau, deren erster Anblick auf mich bei weitem nicht den beschwichtigenden Eindruck machte, den sie jetzt nach jeder Zusammenkunft in mir zurücklässt. Von dieser Leichtigkeit des Umganges, dieser Seele und Wärme in jedem Worte, können Sie sich keinen Begriff machen. Oft überrascht mich ihre Art und Weise so, dass ich sie staunend ansehe, ohne zu wissen, wie ich das Unwillkührliche dieses fessellosen inneren mit der steten Berücksichtigung alles dessen, was andere betrifft, vereinen soll. Sie sieht mich dann wieder an, und die Miene, mit der sie fragt: "Was ist Ihnen, Liebe?" hat solchen Zauber kindlicher Neugier, dass jeder Gedanke an Absicht oder Künstelei davor verschwindet. Seit mich des Oheims Kränklichkeit im schloss fesselt, ist sie täglich, wenigstens auf ein paar Stunden hier. Sie kommt und geht wie ein anmutiges Feenkind, das durch allerlei Zaubereien die alltägliche Gegenwart umher verwandelt. Immer hat sie etwas zu erzählen. Wie unbedeutend das auch sein mag, sie weiss es so eigentümlich vorzutragen, dass es nie ohne Interesse bleibt. Der Kranke vergisst Schmerz und Unbequemlichkeit, wenn er sie nur sieht. Vorzüglich unterhält es ihn, wenn er Hugo mit ihr in Streit verwickeln kann. Das geschieht, so oft von der Gesellschaft in Ulmenstein die Rede ist, zu deren Gunsten Elise mancherlei anführt, was jener mit Witz und Laune widerspricht. Sie endet häufig damit, ihn über sein nichtiges, abweisendes Benehmen gegen Fremde, die er weder kennt noch kennen lernen will, auszuschelten, und ihm Stolz oder Trägheit vorzuwerfen. Der Comtur stimmt hierin mit ein. Er reizt und neckt den Neffen. Dieser gibt sich willig her, lacht, widerspricht ohne sich zu rechtfertigen, erzählt dann schnell ein paar Jagdabenteuer, schiebt irgend ein fremdes, anziehendes Bild hinein, wodurch er die Teilnahme seiner Gegner anders lenkt und ihnen entschlüpft. Elise bemerkt seine List zu spät. Es ärgert sie, doch weiss sie auch dieser Empfindung Grazie zu leihen. Sie ist allerliebst, wenn sie zankt. Ihr Eifer, mit dem es ihr in solchen Augenblicken ganzer Ernst ist, trägt ein eigenes Gepräge von natur und Wahrheit. Ich glaube, sie erscheint vorzüglich deshalb so unendlich liebenswürdig. Der Oheim nannte gestern ihren Unwillen g e f ä h r l i c h . Er warnte Hugo, ihn zu reizen. Ich weiss nicht, wie es kam, dass gerade in diesem Moment Hugo's blick dem meinigen begegnete. Es lag etwas Gezwungenes in seinem Lächeln. Ich ward unwillkührlich wie mit Blut übergossen. Es war wohl die Erinnerung meiner frühern Schwäche, die mich beschämte, allein Hugo? Hat er mich schon damals erraten? Die unbefangene Elise blieb sich gleich. Sie ist zu grossartig, um dergleichen heimliche Regungen vorauszusetzen.

Bald darauf nahm sie, ohne alle weitere Rücksicht, Hugo's Arm, und hiess ihn, sie zur Strafe, dass er sie so lange durch unnütze Worte aufgehalten habe, den Berg hinab zu ihren Wagen führen. "Mein armer, kleiner Georg," setzte sie, fast erschrocken über die Erinnerung an diesen, hinzu,