auch viel steifes Wesen behalten hat. Ob er sprechen kann? weiss ich nicht, ich glaube aber, damit ist es noch so, wie sonst. Im Ganzen nimmt er sich aber, ich versichere Dich, ganz leidlich aus, und wenn er nur einen ordentlichen Contretanz in Paris einstudirte, so werde ich es auf dem nächsten Balle nicht ausschlagen, mit ihm zu tanzen, denn, wirst Du es glauben? die Lady beteuerte, sie habe den Herrn für einen Engländer gehalten. Ich musste beinahe laut auflachen, dachte ich an unsere frühere Bekanntschaft zurück.
Weisst Du, Agate, ich wäre rasend gern eine Lady. Es klingt so erstaunt appart. Diese hier ist zwar gar nicht auffallend. Ich hätte es ihr nicht angemerkt, dass sie übers Meer kam. Ja, um aufrichtig zu sein, ich würde sie eher für eine Dame aus der Provinz gehalten haben. Sie zieht sich geschmacklos und doch übertrieben kostbar an, sitzt ganz grade, und bewegt sich nur selten, wenn sie spricht. Es klingt immer, als wenn sie blöde und unsicher wäre; das schadet ihr aber alles nicht, sie wird doch ausgezeichnet, da sie eine Fremde ist. Das tut gar zu viel in der Welt. Mein Gott, warum kann ich nicht für e i n e n Winter nur, eine Fremde sein!
Der Baron hat Mama gebeten, Leontin in der Gesellschaft Zutritt zu verschaffen. Mama warf einen ihrer prüfenden Blicke auf den jungen Menschen, als wenn sie sehen wollte, ob es sich der Mühe verlohne? Er stand vor ihr, liess den Vater für sich sprechen, setzte nicht eine Sylbe hinzu, und wandte sich, mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt, wieder ab, als beide aufhörten, von der Sache zu reden. Mich betrachtete er ein paarmal, ohne indess eine Miene zu verziehen. Curd lachte mich darüber aus, ich musste wohl oder übel, mit lachen, unser stumme Gast ging eben vorüber. Ich hörte, wie ihn Curd ziemlich spöttisch fragte, weshalb er nicht die alte Bekanntschaft mit der Tochter des Hauses erneuere? Leontin sah ihn verwundert an, indem er kurz und trocken erwiderte: "ich fand noch keine Veranlassung dazu!" Findest Du das nicht höchst sonderbar? Mir scheint es unhöflich.
Stelle Dir vor, alle Leute sind hier voll von der Schönheit unserer neuen Nachbarin. Man übertreibt wieder einmal auf das Lächerlichste. Mama sagt, es tue ihr leid um die kleine Frau. Wenn sie erscheinen werde, dann sei es Jeder schon müde, von ihr zu sprechen, und sie werde damit enden, gar nicht zu gefallen. Hugo hat ganz den Ruf eines interessanten Sonderlings. Ich werde von aller Welt über ihn befragt. Es ist wahr, er ist der schönste Mann, den ich kenne.
Morgen sind wir auf ein Dejeuner beim russischen Gesandten. Der Hof wird auch da sein. Die himmlische Meierei an der Burgwiese ist neu dazu eingerichtet. Ich freue mich unmenschlich darauf. arme Agate, wenn Du doch auch hier wärest!
Ich schicke Dir diesen Boten, um Dich zu bitten, dass Du mir Deinen allerliebsten Bastut mit den Veilchen leihen möchtest. Tue mir den einzigen Gefallen, liebe Schwester. Siehst Du, meiner hat auf dem Transport einen Kniff in der Krempe gekriegt, und seit ihn die Nettencourt in die hände genommen hat, um ihn wieder zurecht zu machen, ist er total verdorben. Mama schwört, dass sie es absichtlich getan hat, aus Aerger über die französische Waare. Nicht wahr, Du leihst mir Deinen? Ich rechne bestimmt darauf. Es wäre auch unglaublich unfreundlich, wenn Du mir es abschlügst. Jetzt kannst Du ihn ja doch nicht gebrauchen. Mit dem enormen Fleck auf der Backe, würdest Du doch nicht erscheinen können, und Mama gäbe es auch gar nicht zu, k ö n n t e es um Deinetwillen nicht zugeben. Siehst Du, und im Winter ist er aus der Mode, dann schenke ich Dir einen neuen. Ich spare schon Geld dazu. Vielleicht brauche ich das nicht einmal zu tun. Es kann sich wohl bis dahin Vieles ändern! – Weisst Du, die Tante ist sehr krank, Baron Wildenau sagte es gestern. Wenn sie stirbt, sind wir die reichsten Partien im land. Dann kriegen wir auch Zobelpelze zu Weihnachten! Das Dümmste wäre nur, wenn sich die Krankheit noch lange hinzöge, und der Tod uns die Trauer mitten im Carnaval auflegte. Wer will aber so weit vorausdenken? Und nicht wahr, Agate! Du schickst mir den Hut?
Adieu, liebe Schwester! Ich umarme Dich tausendmal.
Antwort
Du bist unausstehlich mit Deinen ewigen Prätentionen. Niemals hast Du was, und doch willst Du immer und ewig mehr als andere Leute vorstellen. Den Hut hast Du Dir ja mutwillig, durch das unaufhörliche Aufprobiren verdorben. Standest Du denn nicht den ganzen Morgen vor dem Spiegel, und schobst und rücktest daran, und drehtest den Kopf hin und her, unter lauter Trillern und Singen, dass mir noch die Ohren davon wehe tun. Die Nettencourt sollte ihn heimlich wieder zurechtmachen. Du hast Dich wohl gehütet, Mama zu bekennen, was eigentlich damit vorgegangen war; und nun muss die arme person die Schuld auf sich nehmen. So machst Du es immer.
Wenn Du ein gutes Herz hättest, so würdest Du wohl daran denken, was es mich kosten muss, hier so allein zu sitzen, während Du