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ist, jede Einwendung berichtigt. Ich sage Dir, es ist zum Todtlachen! Und Viele lassen sich belehren, obgleich eigentlich kein Sinn und Verstand in allen den angeführten Gründen ist. Wie geht das zu? Solche Probleme machen mir sehr viel Spass! Ich bin diesem indess ziemlich auf der Spur. Die Frau rückt gleich mit ganz ausserordentlicher Höflichkeit ins Feld. Dadurch stumpft sie, von haus aus, die Waffen ihrer Gegner ab, dann wickelt sie die Aufmerksamkeit eines Jeden, den sie überzeugen will, mit unglaublicher Behendigkeit auf einen Knäuel, in welchem die gemischten Fäden zusammen laufen. Niemand ist im stand, einen einzigen festzuhalten. Mit dem Letzten schürzt sie dann geschwind das Ganze zusammen und wirft den Ball auf gut Glück in die Luft. Man sieht ihn fliegen, und lässt es gut sein! S i e ist fertig. Die Wenigsten denken daran, dass sie es nicht sein können. Dadurch behauptet sie ihren Ruf. Selbst der Comtur glaubt einigermassen an sie. Sein Benehmen drückt eine Berücksichtigung aus, die eigentlich nichts rechtfertigen kann, als eben dieser Ruf. Ueberhaupt finde ich die heutigen alten Leute immer viel leichter bestochen und über die Gegenstände der Anerkennung getäuscht, als unsers Gleichen. Dem galanten mann aus jener Zeit fällt es nicht ein, dass eine Frau v o n T o n anders als bedeutend sein könne. Der Onkel beweist mir übrigens täglich mehr, dass die Abgeschlossenheit, in der er so streng verharrt, nichts als ein enger Rock ist, der ihn tausendmal kneift, und ihn gleichwohl nicht ablegt, weil er einmal der Welt darin bekannt ist. Zuweilen knöpft er ihn auf. Dann schlägt sein Herz frei, die Worte gehen von selbst über die Lippen, er wird ein anderer Mensch. Unsere Nachbarin, die schöne Elise, gilt viel bei ihm, und er huldigt ganz unverholen dem jugendlichen Reiz ihrer lebendigen, geistvollen Unterhaltung. Ich sehe aus allem dem, dass wir mit dem haus des Präsidenten in ein freundschaftliches verhältnis treten werden. Die wenigen Monate, die wir auf dem land noch zuzubringen gedenken, mag, wie gesagt, ganz angenehm für Emma sein. Ich bin wenig dabei interessirt. Die hübsche Frau müsste es sonderbar anfangen, wenn sie mich meiner Waldeinsamkeit entrisse! Dort geben mir meine Landstreicher etwas auf zu raten. Wenn sie nicht selbst eine besondere Art von Rätsel ist, so würde sie Mühe haben, mich zu fesseln. Zur Zeit ist mir nichts an ihr unbegreiflich, als ihre Heirat. Doch über dies Kapitel kann man bis zum Wahnsinn grübeln, und man kommt damit nicht aufs Reine.

Lebe wohl? Solche Gedanken verweht ein rascher, scharfer Nachtwind am besten! Ich gehe auf die Jagd. Noch einmal, Lebe wohl!

Rosalie an Agate

Warum Du auch gerade in den Paar Tagen, die wir in der Stadt zubringen wollen, den fatalen roten Fleck auf die Backe kriegen musstest! Er entstellt Dich eigentlich gar nicht, und wer es nicht wüsste, hätte es kaum bemerkt. Aber Mama sagte noch unterweges: Eine junge person könne nicht ängstlich genug sein, sich jeden Augenblick auf das Vorteilhafteste zu zeigen. Oft reiche ein einziger, ungünstiger Eindruck hin, ihre ganze Zukunft zu untergraben. Und darum sei es recht gut, dass Du zurückbleiben, und Dich auf dem land verstecken könntest. Mama hat in so etwas sehr viel Erfahrung! Ueberhaupt ist sie unglaublich klug. Denke Dir, sie hat es richtig dahin gebracht, dass ihr gestern der neue englische Gesandte und seine Frau die erste Visite machen mussten. Es war übrigens einmal wieder so voll in unserem Salon, wie mitten im Carnaval. Ich hatte das neue Pariser Linonkleid an, und die Haare von Charles arrangirt, Du kennst seine einzige Art. Curd sagte, ich sähe gerade aus, als hätte man mich aus dem hübschen Wiener Modejournal herausgeschnitten. Ich fand, dass er Recht hatte. Meine Toilette war äusserst modern, und sehr gelungen, denn der Lord und die Lady fixirten mich mehrmals, und sagten dann zur Mama: ob ich in Paris erzogen sei? Mama lächelte geschmeichelt, musste aber die Wahrheit bekennen, was ihr, denke ich, sehr zur Ehre gereicht, da wir doch allein durch sie sind, was wir sind.

Stelle Dir vor, der Nachbar der Tante, Baron Wildenau, liess sich mit seinem Sohne melden, gerade als die ganze elegante Welt bei uns versammelt war. Ich hatte bald den Tod vor Schreck. Erinnerst Du Dich wohl noch den langen, dünnen, ungelenken, verdriesslichen Leontin, der so oft, während unsers langweiligen Aufentalts bei der guten Tante, auf einem abscheulich hässlichen Schimmel geritten kam, einen schiefen Diener machte, an der tür stehen blieb, und kein Wort sagte? Mir war die Figur unvergesslich geblieben. Es sind vier Jahre her, wir waren beide ziemlich klein, aber ich sah uns noch verstohlen hinter der Gardine, so oft die Visite im Anzuge war. Nun mache Dir einen Begriff von Mama's Verlegenheit, wie der Name Wildenau genannt ward! Sie behielt keine Zeit, etwas zu erwiedern, die Türen gingen auf, Vater und Sohn standen vor uns. Es ging aber Gottlob besser, als ich dachte. Der Baron sieht am Ende aus, wie viele Leute seines Alters, und Leontin hat sich ziemlich ausgebildet, seit er von seinen Reisen zurück ist. Mama sagt auch, er sei allenfalls zu produciren, ob er gleich ausserordentlich zurückhaltend ist,