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so scharf auszubilden, so gerade zu richten, und so fest zu halten verstehen. Bei grösserer Lebensfrische bleibt ihnen auch länger die gesunde Art des Gebrauches. Der Kreis, in dem sie sich bewegen, ist eng, das ist wahr, aber sie sind Herr darin, und was hinein fällt, verfällt ihrem Urteil, das dann auf energische Weise die Dinge auf beide Füsse stellt, und sie zeigt, wie sie sind. So flach hin sehen sie nichts an, bis auf den rohen Frevler, fasst jeder seinen Gegenstand ganz und tüchtig. Man kommt auf besondere Resultate im Umgange mit ihnen. Sie sind doch wenigstens e t w a s . Was sind wir? Wir werfen ihnen die Rohheit ihrer Laster vor, und nennen deren Quell: tierische Selbstliebe. Die Sünde, ohne Deckmantel erregt ungefähr das nämliche Entsetzen, als wenn man sich in einem entstellenden Spiegel sieht. Es ist die Phisiognomie, es sind die Grundzüge, nur durch zufällige Bedingungen verschoben. Verfeinerter Egoismus geht u n t e r h a l b der Formen weg, ohne diese sichtbar zu erschüttern, er gräbt nach Innen, und verwüstet da unmerklich so viel, als sein frecher Zwillingsbruder äusserlich zu stand bringen kann. Menschen aus den untern Klassen stehen, wie das wild der Forsten, in einer Art Krieg mit der Welt. Darum ist so viel List und Spürkraft in ihnen. Ihre Taktik macht meine Bewunderung aus. Nenne diese immerhin beschränkt. Wer sieht denn viel rechts und links, wenn er auf etwas Bestimmtes los geht? Der Instinkt findet seine Schranken vorgezeichnet. Die Erfahrung muss sie erst ziehen l e r n e n .

Und lieber will ich blind geboren s e i n , als blind werden!

Mein loses Gesindel im wald hat, ich versichere Dich, eher die Gabe, das Unsichtbare zu fühlen, als wir andern, an den Block vornehmer Einseitigkeit Geschmiedete. Die Begriffe der letzteren, die nicht mehr Anschauungen sind, machen sie ganz aberwitzig. Ich bin nun einmal auf die natur jeder Gestalt angewiesen. Es ist so viel Wehmut in ihrer Entstellung. Mir erscheint sie oft, wie ein schönes Kind, das die Blattern verzerrte. Die Augen sind doch wenigstens geblieben. Zuweilen blinkt eine Träne darin, und dann spiegelt sich der Himmel zurück.

Meine gegenwärtige Lage passt auch wohl noch am meisten für mich. Ich bin freier, als irgendwo. Emma ist das beste Herz. Sie lässt mich tun, was ich will. Ich danke es ihr, und freue mich, dass sie eine Unterhaltung in der Gesellschaft einer artigen Frau der Nachbarschaft gefunden hat, ja einer s e l t e n e n Frau, Heinrich, wie ich glaube. Sie ist sehr geistreich, und s c h e i n t es nicht zu ahnden. Ihr Wesen hat die Farbe der arglosesten Heiterkeit. Mir gefällt sie ungemein. Ich kenne nichts Einfacheres als sie. Ihr Mann ist eine ziemlich gewöhnliche Figur, nicht ohne Verstand, doch auf den ersten blick hat man das Zunftmässige an ihm weg. Er gehört zu den Leuten, deren Meinungen sich den Verhältnissen so anpassen, dass sie bald nicht einen Funken Eigentümlichkeit mehr haben. Zuletzt schrumpfen sie ganz eng zusammen. Je trockner sie dann werden, je r e i f e r glaubt man sie. Du kennst wohl diese Art Menschen, die bis auf das stumme Lächeln immer ein Urteil aussprechen. Ich lasse sie gern bei Seite. Dieser liess mich aber nicht. Wahrscheinlich wollte er sehen, ob ich wisse, wie sehr ich ihm verpflichtet. Er hat an der Entscheidung meiner Angelegenheit grossen teil. Wir sprachen darüber. Ich weiss selten viel zu sagen, insbesondere wenn ein Anderer mich hören will. Hier lag mir noch dazu etwas ganz Fremdes im Sinne. Ich suchte mir es deutlich zu machen, wie d e r Mann zu einer s o l c h e n Frau kommen konnte? In einem Haare hätte ich laut aufgelacht! Man zeichnet keine ärgeren Karikaturen, als die, welche Zusammenstellungen aus dem Leben bilden!

Darin liegt der Witz der grossen Welt, durch den sie sich über sich selbst lustig macht. Wer diese Seite an ihr weg hat, der kennt keine Langeweile. Ich fürchte dies Gespenst sonst mehr als die geträumten, und sah mit einer Art heimlichem Grauen auf eine sogenannte allerliebste Partie im Grünen, zu der uns die Gräfin Ulmenstein bei sich einlud. Da nun das Grün jetzt schon ziemlich gelb ist, die modernen Gärten mit ihren vielen abgestreiften Pappeln kahl und dürr aussehen, die Gesellschaft mir fremd war, unsere Wirtin ohne Jugendreiz, den Mangel an Geist durch viele unruhige Eitelkeit ersetzt, welche ihr das Prädikat: die S e e l e d e r G e s e l l s c h a f t erwarb, so hegte ich grosses Misstrauen gegen den versprochenen Zauber der Abendversammlung.

Aber siehst Du, alles das waren falsche Schlüsse. Denn erstlich nahmen sich die geputzten, städtischen Figuren unter dem herbstlichen Blätterdache, von manchem scharfen Windstoss getroffen, in ihrer Toilette derangirt, und auf diese achtend, so gezwungen, so unsicher, so sichtlich unbequem aus, dass ihre Mühe, sich und Andern hierin zu entgehen, allein schon eine komische Unterhaltung bot. Dann belustigte mich auch die Art und Weise der Gräfin ungemein. Die Sicherheit, mit der sie das Gewöhnliche für etwas Besonderes ausgiebt, und wirklich ihren Zweck erreicht, niemals um eine Antwort verlegen