Sehen Sie, und nun ist mir das unbehaglichste Gefühl, eine Art Verlegenheit gegen Elise, gegen Hugo, ja gegen die ganze Gesellschaft geblieben, die mich zugleich demütigt und erkältet.
Was ist das? Ist es Demut? Eifersucht? Nicht wahr, ich, ich bin anders geworden. Musste so bald der ruhige Einklang bescheidner Ansprüche an dem Wechselverkehr des Lebens scheitern? Ist es auch denkbar, am hof erzogen, bringt eine Abendversammlung auf dem land mein Gemüt in Verwirrung. Ich bin entschlossen, mich selbst für so viele Torheit zu strafen. Noch heute will ich die gefährliche Elise aufsuchen! Es ist doch sonderbar, dass mich das so viel kostet.
Wie beneide ich jetzt die Menschen, die durch Orden und Gelübde in einer bezeichneten Gränze gehalten, sich selbst treu bleiben! Niemals war es mir begreiflicher, dass man der Welt gern entsagt, um das Gewissen zu retten. Ach! eher ein Glück aufgeben, als es unter Vorwurf und Zweifel h a l b sein nennen.
Sie, Sie, mein einziger Vertrauter, sollen mir helfen, mich wieder zu finden. Werden Sie anstehen, mir die Wahrheit zu sagen? Kann auch die zärtlichste Schonung zögern, Wunden zu schlagen, um das Gift aus der Seele zu ziehen?
Hugo an Heinrich
Ich habe recht sehr über Deinen Brief gelacht. Du hast immer noch die alte Gewohnheit, bei einem freundschaftlichen Besuche den Gallarock über das Hauskleid anzuziehen. Wozu der Prunk mit mir? Ich kenne die gelegenheit, und weiss, was diese täglichen Redensarten bedeuten. Gerade herausgesprochen, Du bist irre an mir geworden, und willst wissen, woran Du bist.
Ich kann Dir es nicht verdenken, wenn Du Dir überhaupt etwas Besonderes bei mir gedacht hast. Lieber Heinrich! es geht Freunden, wie Eltern und Verwandten, die immer das Ausserordentliche von denen erwarten, die ihrem Gefühle am nächsten stehen. Selten ist dies aber etwas mehr als schwankende, in das Blaue hineintaumelnde Vorstellung von allgemeiner Berühmteit. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie uns da die Eitelkeit ein X für ein U vormacht.
Deine Frage, auf die es Dir hauptsächlich ankommt, und die eigentlich nichts anders heisst, als ob ich wirklich jemals gewusst habe, was ich wollte? sagt mir, dass es Dir auch nicht sonderlich klar geworden ist, was ich s o l l ?
Wir waren beide einmal jung, wie andere Jünglinge. Lass es dabei, Heinrich, und frage nicht weiter. Ich bitte Dich, sieh' um Dich! da lernt man schweigen, und den Narrenspossen den Abschied geben.
Hast Du nicht mehr achtung für die idee, als dass Du sie abhängig glaubst von dieser oder jener Stellung im Leben? – S i e stirbt nicht, da sei Gott vor! Er weiss, wenn die Sonne scheinen oder Dünste sie verhüllen sollen. Man muss warten können, Doch diese Kunst ist nicht leicht. Basta! hierüber! Worte tuns nicht. Eins ist indess eine gar zu schwache Stelle in Deinem Briefe, die muss ich doch rügen. Du tust ja, als habe ich mich von meinem Oheim für bequemen Lebensgenuss erkaufen lassen und ihm meine bessere überzeugung mit in den Handel gegeben. Wärest Du ohne so viel Umstände geradezu in meine stube gekommen, und hättest Dich darin umgesehen, so würdest Du Bescheid wissen.
Das verhältnis zu dem Comtur ist Folgendes:
Mein Vater ging seines Erbes aus Ursachen verlustig, die Du kennst, sein Bruder trat in seine Rechte. Er wird Geistlicher, d e r Zweig ist tot. Nun entsteht die Frage, rankt eine Nachbarpflanze an dem Stamme heran? oder ist der junge Schössling, der aus der Wurzel heraustreibt, durch Saft und Blut mit jenem eins geblieben? und wert erkannt, das Ganze zu beleben? – Diese Frage entstand immer einmal. Ob nach dem tod des Oheims? oder bei dessen Lebzeiten? Der ganze Unterschied ist der, dass sie jetzt schneller entschieden ward.
Kam mir das Erbe zu, sollte ich es wegstossen? Weshalb? wozu? Sage doch, glaubst Du, dass man Flügel bekommt, wenn man dem Glück ein Schnippchen schlägt und sich in seine Armut hüllt. Wem die Flügel gewachsen, den tragen sie wohl, wohin er Lust hat. Die Metapher hat überdem seit der geschichte des Ikarus einen Stoss weg. Brauche sie nicht mehr, es liegt etwas Lächerliches darin.
Und nun zu andern Dingen.
Es mag Dich unterhalten, wie wir hier leben.
Recht erträglich, ich versichere es Dich. Die schönen Waldungen, welche unmittelbar hinterm Schlossbezirk anheben, die Höhen bekränzen, spiegelhelle Seen umschliessen, und sich bis an den Strom ausbreiten, würden hinreichen, eine mannigfaltige Unterhaltung zu geben. Ich haus hier Tage lang. Wege und Stege sind mir überall bekannt. So manches kleine Abenteuer mit Menschen und Tieren stösst mir hier auf. Jäger, Reisende, Arbeiter und Bettler, alle geben mir Stoff zu Beobachtungen, mit allen gerate ich in Berührung, schwatze, verkehre mit ihnen. Ich kenne nach gerade ihre Art. Es wird mir leicht, ihnen in ihrem Ideengange zu folgen. Wir sind sehr eitel, Heinrich, wenn wir uns einbilden, auf solche Leute herabzusehen. Ich weiss, man hat das schon oft gesagt, aber ich denke mir vielleicht etwas anders dabei. Es ist nicht sowohl, dass sie auch öfters Geist, Gemüt, Verstand haben wie Andre, mir fällt besonders auf, dass sie diesen Verstand