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Ausgelassenheit nach. Das nahm denn aber für mich ein beschämendes Ende. Während dem Hin- und Herlaufen hatte sich mir, unten am Kleide, der Saum abgetrennt. Ich bemerkte es nicht. Jetzt verwickelte ich mich bei einer Wendung darin. Ich wäre gefallen, hätte ich nicht kurzen Prozess gemacht, das Stück abgerissen und dieses, mit sammt dem Schuhe, um welchen der Streifen geschlungen war, von mir geworfen; ein Ausweg, der mich auf der Stelle wieder auf die Beine, jedoch um meinen Schuh brachte. Dieser war tief in das Gebüsch hineingeflogen. Ich teile dasselbe unter lautem lachen, da steht ein fremder Mann, halb von den Zweigen verdeckt, vor mir. Er mochte hier schon eine Weile gestanden, und unser ausgelassenes Treiben mit angesehen haben. Das verdross mich, ich tat, als sehe ich ihn nicht; auch trat er sogleich zurück. Ehe ich noch zu den Uebrigen gelangte, war er verschwunden. Ich weiss von dem ganzen Menschen nichts, als dass er blau oder grün angezogen war und eine Flinte auf dem rücken trug. Erst nachher fiel mir ein, was Ihnen, Sophie, eben auch einfällt. Sehen Sie, ich kann von hier aus in Ihren Zügen lesen, dass Sie mich ohne Worte verstehen. Sie denken wie ich, an den Schlossgast, und der war es auch ohne alle Frage, obgleich die Wirtin diesen nicht kennen will, die Sache bei Seite wirft, den vermeinten, vornehmen Fremden für einen neuen Sekretär des Comtur ausgiebt, so weiss sie doch mehr von allen dem, und glaublich ist es, dass jener bei ihr im haus war, indess wir uns mit ihr unterhielten. Dies mag nun sein wie es will. Solche Dazwischenkunft eines Dritten unterbricht immer, und gibt andere Gedanken. Zudem waren wir müde. Die Sonne ging unter. Gerade über dem See stand die glühende Scheibe. Wir setzten uns am Ufer nieder. Es war der köstlichste Abend. Die Kinder pflückten Vergissmeinnicht und gelbe Wasserlilien. Zu unsern Füssen perlte der weisse Wellenschaum. Die kleinen Bläschen zerrannen geräuschlos zwischen Rohr und Calmus. Ich folgte mit den Augen ihrem raschen Verschwinden. Die Amtmännin war still, ja andächtig geworden. Sie sass mit gefaltenen Händen neben mir, sah in die steigende Dämmerung, und gedachte ihrer verstorbenen Eltern. Sie mochten ihr in der Dunkelheit mehr gegenwärtig sein. Sie sprach viel von ihnen. Ich hörte ihr mit Innigkeit zu. Der Vater besonders schien ihr teuer gewesen. In der Jugend begleitete er als Feldprediger sein Regiment auf manchen Zügen, und wohnte mehr als einer Schlacht bei, verlor aber sein Amt wegen einer unvorsichtigen Trauung, zu welcher er sich aus Liebe für einen jungen leidenschaftlichen Offizier verleiten liess. Nach dem tod des Fürsten bekam er zwar den Posten seines Schwiegervaters, an der Hofkirche, allein die übereilte Handlung, die zum Unglück des Ehepaars ausschlug, blieb ihm ein störender Vorwurf für sein Leben. Die Tochter rühmte überall die grosse Zarteit seines Gewissens, und wusste noch mehrere rührende Züge davon anzuführen.

Anfänglich flossen ihr die Worte nicht ganz natürlich, wie das wohl bei Leuten der Fall ist, die von dem gewohnten äussern Treiben in die innere Welt zurücktreten. Ihre Sprache klang wie aus einer Putzstube heraus. Aber das währte nicht lange, Gefühle, die ihr stets vertraut blieben, rissen sie, wie alte Bekannte, mit sich fort. Ich empfand aufs neue, was nur einzig wahre Bildung gibt. Rührt der Genius die Flügel der Seele, so hebt er alle Fähigkeit des inneren mit aufwärts.

Sehen Sie, liebe Sophie, die Frau, die ich mir doch immer nur als Notbehelf mit auf die Fahrt nahm, musste mir so zur Erbauung dienen! Ich glaube, wir sässen noch da beisammen und plauderten, wären die Kinder nicht müde, der Abend dunkel, und die Amtmännin wegen ihres Mannes unruhig geworden.

Ich war bei meiner Nachhausekunft sehr froh, keine eheherrliche Kritik fürchten zu dürfen. Georg ass seine Suppe so vergnügt um neun als um sieben, und ich schrieb dies Alles ungestört an Sie.

Hierauf werden Sie nun wohl denken, dass ich es nicht bereue, von der Fahrt nach der Stadt zurückgeblieben zu sein.

Aufrichtig gesagt, gute Sophie, verstehe' ich nicht, was Sie mit dem Vorschlage wollen? Entweder Sie beabsichtigen etwas Verborgenes damit, oder Sie beweisen mir, was ich immer schon dachte, dass jedes Urteil über Verhältnisse, zu denen man a u s s e r h a l b steht, eben so schwankend ist, wie es unmöglich wird, aus der Ferne einen Maassstab für dasjenige zu finden, was in solchen Verhältnissen getan oder unterlassen werden muss. Teorien abstrahiren sich wohl im Allgemeinen, aber das Leben steht nicht einen Augenblick still. Den Widerstand oder die Nachhülfe, die es auf einer Stelle fordert, verwirft es auf der andern.

Mein Gott! was hätte es dem guten Eduard in seiner momentanen Verdrossenheit geholfen, wenn ich an seiner Seite vor Staub und Hitze erstickt wäre, und ihn dadurch gezwungen hätte, auf mich zu merken? Meinen Sie, dass es ihn würde erheitert haben, mich um nichts und wieder nichts gequält zu sehen? Ganz im Gegenteil, er wäre ausser sich geraten, hätte sich tausend Vorwürfe gemacht, sich den unglücklichsten Menschen der Erde geglaubt, und sinnreich in eigener Qual herausgefunden, dass er es anfangen möge, wie er wolle, er beglücke niemand. Leute seiner Art, die an völlige