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, wie ich es anfinge, ihm gegenüber gewisse saiten zu berühren, die nur den Misston zwischen Oheim und Neffe noch schärfer herausheben würden. Ich fühle ja ohnehin deutlich genug, dass Hugo niemals darin gewilligt haben würde, sich mit dem Urheber so grosser Familienstörungen auf eine Weise zu vergleichen, die ihm drückende Verpflichtungen auflegt, wäre es nicht in Bezug auf die Verbindung mit mir geschehen. Auch hierin glaube ich ein Werkzeug höhern Willens zu sein. Mit heimlichem Stolze betrachtete ich mich, als unverkennbare Vermittlerin verjährter, gehässiger Missverständnisse. Allein auch hier diente ich nur, den stumpf gewordenen Stachel tiefer in die alte Wunde zurückzudrücken. Was vergessen, oder unbeachtet, mit der Zeit seine Schärfe verliert, das wetzt sich an den täglichen, unmerklichen Reibungen so schneidend heraus, dass jede Berührung verwundet. Ich fühle Hugo etwas Aehnliches an. Er wird immer einsilbiger. Auf seinem Gesicht liegen die Schatten unauslöschlicher Schwermut, selbst wenn er lacht, verdunkelt sich sein Auge, als schelte es die Lippen, dass sie sich so leichtsinnig öffneten.

So gehen wir in sehr verschiedener Seelenstimmung neben einander hin. Der Comtur mag wohl denken, die Einsamkeit drücke auf uns. Er sinnt daher auf Veränderung. Wir durchstreifen die Gegend um das Schloss nach allen Richtungen, ohne gleichwohl Bekanntschaft zu machen. Gestern endlich führte er uns bei einer Dame der Nachbarschaft ein. Ich hatte seit meiner Verheiratung wenig von der geselligen Welt gesehen. Mir fiel jetzt Manches auf, woran ich sonst gewöhnt war. Ich kam mir hier sehr einsam vor. Der Abend war auf diese Art ziemlich langweilig hingegangen. Wir sassen noch spät im Freien. Der Mond stand hell am Himmel, sein liebes, ruhiges Licht flimmerte silbern durch die Zweige Ich sass ganz im Schatten, vor mir dehnte sich ein runder Platz, über den die breiten Lichtstreifen ausgegossen lagen. Da sehe ich einen Herrn und eine Dame auf uns zukommen. Die Frau des Hauses wird ihrer nicht sobald gewahr, als sie mit den Worten aufsprang: "Ach! da ist sie ja dennoch! Willkommen, willkommen, liebe Elise." Meine Aufmerksamkeit wurde sehr natürlich auf diese gerichtet; sie ging mit leichtem, freiem Schritt über den erhellten Rasensitz, ihre Gestalt schwamm im Schein des Mondes, es war, als umfliesse sie ein durchsichtiger Glanz. Sie kam mir ausserordentlich schön vor, ich betrachtete sie mit grosser Ueberraschung, und als sie anfing zu sprechen, klopfte mir das Herz, wie beim Tone unsichtbarer Musik. Wir waren einander jetzt ganz nahe. Unsere Wirtin stellte uns gegenseitig vor. Ich konnte nichts sagen, meine Zunge stockte wie gebunden. Die Fremde blieb unbefangener. In ihrem Benehmen lag die reizendste Sorglosigkeit. Sie sah umher, und schien jemand zu suchen. Hugo stand ihr in demselben Augenblicke zur Seite. Er war durch ihren Anblick eben so sehr überrascht. "Aha!" rief sie aus, als er ihr genannt ward. Beide betrachteten sich aufmerksam. Mich überfiel eine unbegreifliche Angst. Es war, als müsse ich zwischen sie und Hugo treten. Ich konnte mich auch lange nicht wieder finden. Seitdem bekämpfe ich vergebens ein banges Vorgefühl, dass an jener Minute die Wendung meines Erdengeschicks hänge. Ich schelte mich darüber, ich verbanne es als sträflichen Aberglauben, aber ich kann es nicht los werden.

Später, da wir in die erleuchteten Zimmer des Hauses zurückgingen, der Einfluss geheimnissvoller Dämmerung vor einer bestimmten klarheit verschwand, die Formen des Herkömmlichen ohnehin den Phantasiespielen ein Ende machten, geriet ich dem allem ohnerachtet in einen hässlichen Widerspruch mit mir selbst, als jene anziehende Erscheinung mich aufsuchte, fast vertraut mit mir redete, ihre Freundschaft für das Stiftsfräulein erwähnte, sich dadurch in Beziehung zu uns allen setzte, Bekannte und meine Willfährigkeit in Anspruch nahm, solches Entgegenkommen wenigstens in etwas zu beantworten. Werden Sie es glauben? ich fühlte mich zugleich hingerissen und erstaunt. Mein Auge, meine Gedanken, mein Gefühl lag fest, wie gebannt durch einen Zauber, auf dem Ausdruck des schönsten, ja rührendsten Gesichtes, das ich jemals sah. Alles spricht darin, der blick, das Lächeln, der weiche Ton einer fast durchsichtigen Haut, die wechselnden Mienen, die Harmonie vollkommen gebildeter Züge. Ich sah mehr, als ich hörte. Sie errötete oftmals wie beschämt über mein stummes Anstarren. Ich besann mich. Wir sprachen seitdem wie Menschen, deren Bekanntschaft durch Anderer Vermittelung vorbereitet ist. Es kam zu Einladungen und Versprechungen baldiger Besuche. Der Comtur zeigte sich galant und liebenswürdig. Hugo trat aus seiner Verschlossenheit hervor. Nie sah ich ihn bereitwilliger die Fäden des Gesprächs aufnehmen, zusammenwerfen, um Gefühle und Anschauungen daraus hervorgehen zu lassen. Elise war bei der Abendtafel seine Nachbarin. Sie weiss mit Anmut einen leichten Streit geistreich zu führen. Sichtlich wollten beide vor einander glänzen. Sie steigerten sich im Laufe der Unterhaltung bis zu einem Punkt, der wirklich blendende Funken über den ganzen Kreis ausstreute. Der Wettkampf hatte sie, wie durch eine Reihe electrischer Schläge, mit einander in Berührung gebracht. Es lag in ihrem Ton vertraulicher Scherz und Wohlwollen. Sie kannten sich schon von früher. Niemand war Sieger geblieben, aber keinem von beiden war es entgangen, wie viel ein jedes in die Waagschaale zu legen vermochte. Ich hatte mit gelacht, geredet, sie durch Widerspruch gestachelt; doch es war nicht unbewusster Trieb, es war Stolz, Unruhe, Furcht, hier unbedeutend zu erscheinen, die mir Worte gab, mich zur Teilnahme fortriss.