doch Veranlassung, von sich sprechen zu machen. Es ward wirklich viel gesprochen. Ich aber konnte kein einziges Wort finden. Es war nichts in mir, was sich an diese Fäden anknüpfen liess. Das Schlimmste dabei ist, dass auch ich über den Menschen selbst Anfangs confus geworden bin. Mein früheres Bild von ihm ist mir verwischt. Unwillkührlich schlüpft so etwas von provinzieller Abenteuerlichkeit in meine Vorstellung hinein. Ich will das weg haben. Ich bin ärgerlich, und komme nicht mit mir zurecht.
Nun, ich werde ja selbst sehen und urteilen! Sie fühlen aber auch aus allem dem, welche Aufgabe Ihre Schützlinge hier zu lösen haben. Ich wünsche, dass es Ihnen damit glücken möge.
Leben Sie wohl, Sophie! und glückliche Reise! Ich bin betrübt und verstimmt, ich verlasse Sie, um nicht noch trüber zu werden.
Heinrich an Hugo
Man glaubt immer, man könne einem Andern etwas Wichtiges, für ihn selbst Bedeutendes, sagen. Es ist eine Täuschung. Entweder weiss er es schon, oder er hört es nicht. Das innere Ohr ist eine Sensitive. Es verschliesst sich, so wie man ihm nahe kommt.
Ich hatte mir in der vergangenen Nacht, die ich schlaflos zubrachte, vielerlei ersonnen, was ich Dir mitteilen zu müssen glaubte. Nun es dazu kommt, lasse ich es lieber. Dir hilft es nichts, und mich verleitet es vielleicht zu einer Uebereilung.
Hugo! wir verstehen uns ohne Worte. Aber ich fürchte, es kommt für Dich, wie für mich, wenig dabei heraus. In der Hauptsache macht es uns beide nicht klüger; denn bis auf einen gewissen Punkt bleibt der Mensch dem Menschen immer ein Rätsel. Die Alten kehrten das Inwendige nach Aussen. Das schöne Ungeheuer, die Sphinx, war selbst das Symbol ihrer unaufgelösten Aufgabe. Der Kopf wickelt sich wohl heraus aus der Hölle der Nacht, aber bis der Leib aufsteht, und sich nach eignen Gesetzen bewegt, bis der Gedanke ein Dasein hat, da müssen die zeiten ihren Kreislauf vollenden, und die gebundenen Gebeine des Oedipus erst frei werden!
Du bist gefesselt, Hugo, was klagst Du mehr, als ein Anderer?
Im grund warst Du doch auch nicht mit Deiner frühern Stellung zufrieden. Hättest Du Dir genügen lassen an dem Besitz der I d e e , wäre Dir das Eigentum höherer Freiheit über alles lieb gewesen, und könntest Du Deinen ganzen Stolz darin finden, über die Köpfe eines leeren und flachen Geschlechts hinweg, mit den Flügeln des Geistes, die Nebel um Dich her zu zerteilen, Du lebtest freier. Doch, Dir spukt das vornehme Wesen und die Gespenster aus der Nacht alter Vorurteile auch noch im Blute, Du bist auch erst mit halbem leib heraus. Trage, was Du nicht los werden kannst. Du wirst es lernen! Am Ende versöhnst Du Dich doch wohl noch mit der neuen Weise.
Die Ungleichheiten des Lebens verebnen sich eher, wenn es etwas gibt, die Zwischenräume auszufüllen, und Glanz, Reichtum, Ansehen und Bequemlichkeit ändern Vieles.
Wenn Du ein gewöhnlicher, nichtiger, schlaffer Alltagsmensch würdest! Unmöglich! So beschwichtigt sich der heisse Durst der Seele nicht. Die Welt giesst wohl wasser in die Flamme, aber, wo das Oel aus dem Mark und Saft des inneren quillt, da belebt sich die Glut durch sich selbst.
Ich erinnere mich jetzt oft einer Aeusserung von Dir. Du warst noch sehr jung. Wir standen im Begriff, die Akademie zu verlassen. Die Pläne Deines Vaters, im Betreff Deiner militärischen Laufbahn, wollten Dir nicht einleuchten. Du hattest den Gedanken, in einem andern Weltteile zu suchen, was Du hier nicht zu finden glaubtest. Wir lasen gerade Le Vaillant's Reisen in Afrika. Dich stachelte der Trieb, das geheimnissvolle Herz dieses fremdgebliebenen Stückes Erde zu durchdringen. Es entstanden Dir, wie jedem Jünglinge, über alles, was er nicht kennt, phantastische Bilder. Tritt dergleichen erst in die Anschauung, so hat es auch Leben und Wirklichkeit. Man ist davon überzeugt, und will es auch Andern beweisen. Deinen Reiseprojecten fehlte nichts als die Ausführung. Ich setzte Dir alles das entgegen, was auf Verhältnisse einer abhängigen Lage Bezug hat. Du gingst schweigend im Zimmer auf und ab. Nach einer langen Pause bliebst Du vor mir stehen, in einer Hand das Buch haltend, worin wir gelesen, legtest Du die andere auf meinen Arm, indem Du noch in Nachsinnen vertieft, ausriefst: "Ich will Dir etwas sagen, entweder man hat einen Zweck oder man hat keinen.
Im letzten Falle lässt man sich beherrschen, im ersten bedeuten die angelegten Ketten wenig.
Conventionelle Verträge sind eben auch nur conventionell. Sie sind e t w a s , insofern sie einer idee entsprechen; geht diese über sie hinaus, so zerfallen sie in sich selbst. Deshalb, wie unbeweglich der behende Wettläufer auch dasteht, bis das erwartete Zeichen gegeben wird, der Fuss ist schon gehoben, das Auge fasst sein Ziel, und er misst in schneller Berechnung Raum und Kraft gegen einander ab. Jetzt erschallt der Ruf. Im Fluge ist die Ferne durchmessen, die einen Augenblick zuvor unabsehbar schien. Glaube mir, der Mensch wurzelt nur d a fest, wo ihn Trägheit bindet, oder Mangel eigner Kraft zum Nachgeben an eine fremde, überwiegende zwingt. Der E r d e n f l e c k , wo er steht, verschlägt hierzu nichts."
Diese Worte, Hugo