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ihn kennen. "Die Leute," fuhr Walter lächelnd fort, "wollen wohl sagen, es sei der junge Herr von der Burg gewesen. Mehrere versichern, ihn erkannt zu haben. Aber Niemand weiss es gewiss. Denn schnell wie der Blitz, hatte er die lästigen Kleider abgeworfen, und hinein sprang er, ins wasser bis an's Kinn, ehe sich diejenigen, welche herzuliefen und eine Strecke davon, mit den andern Verunglückten zu tun hatten, noch besinnen konnten."

"Was ward denn nun aber aus der Frau und ihren Kindern?" unterbrach ihn des Amtmanns Mutter. Walter entgegnete gelassen, indem er seinen Kram auslegte: "O mit denen hatte es nachher keine Not. Wie sie ihr Retter ans Land gebracht hatte, so sorgte er denn auch für das Uebrige.

Ehe das kleine Häufchen noch das Vorgefallene fassen konnte, sassen alle drei schon in warmen Kleidern, bei hellem Feuer droben in einer der Lachsfängerhütten, eine gute Suppe kochte lustig vor ihren Augen, sie hatten, was sie brauchten, der, welchem sie es verdankten, war über alle Berge."

Sophie, mir klopfte das Herz vor Freude und Ungeduld. Nichts Erhebenderes, als eine kühne und anspruchlose Tat! Meine kleine Alte forschte indess umständlich nach dem Hergange der Sache. Walter wusste nur im Allgemeinen hierüber Auskunft zu geben. Der Schiffsraum, meinte er, sei schon überfüllt gewesen; zuletzt, als die Frau mit den Kindern hereintrat, wären Alle, am meisten der Schiffer, unwillig geworden. Scheltend und brummend stiess er vom Ufer ab. Sein Gesicht weissagte nichts Gutes. Wir verstanden hierbei nur nicht, weshalb man die Frau einliess, wenn Gefahr dabei war?

"Wie es wohl so in der Welt kommt!" sagte Walter, den Kopf nachlässig aufwerfend. "Es muss sich denn immer alles gerade so fügen, wie es sein soll."

Bewundern Sie nicht, liebe Sophie, dass dieselbe unabänderliche notwendigkeit zu allen zeiten, bei allen Völkern, in jeder Glaubenslehre vorherrscht? Die Einen nennen es Geschick oder Verhängniss, was den Andern das gewaltige Schicksal ist. Wir wechseln die Worte, der Begriff ist derselbe!

Ich hatte nicht lange Zeit, hierüber nachzugrübeln. Der Amtmann kam von einem Ritt über Feld zurück und meldete mir, dass mehrere Herren und Damen bei mir angefahren seien.

Ich brach sogleich auf, doch hörte ich noch die Begebenheit mit dem Marktschiff und der Rettung der Verunglückten vom Amtmann bestätigen. Er fügte hinzu, das Fahrzeug sei schon losgebunden gewesen und habe bereits über seine Anzahl Passagiere geladen, als jenes junge Weib atemlos, ein Kind auf dem arme, das andere bei der Hand, gelaufen kam, und mit dem Ton verzweiflungsvoller Angst den Schiffer anflehte, sie aufzunehmen.

Ihr Mann, schluchzte sie, sei bei einem Bau in der Stadt als Zimmergeselle angestellt, und dort von einer tödtlichen Krankheit befallen worden. Erst in diesem Augenblicke komme ihr die Kunde hiervon; sie wisse sich nicht vor Angst zu fassen, und bitte und beschwöre die Männer im Kahn, wenn sie ein menschliches Herz in der Brust trügen, sie nicht zurückzuweisen. Die hastige Zuversicht, mit der sie sich während dem anschickte, das Fahrzeug zu besteigen, der Schmerz in ihren Zügen, das Schneidende einer gepressten und doch gewissermassen um hülfe schreienden stimme, überraschte die Besonnenheit der Schiffer. Sie liessen es geschehen, dass Jene im Schiffe Platz nahm. Ward nun dieses wirklich hierdurch aus dem Gleichgewicht gebracht, oder ist das Geschehene einem andern Umstande zuzuschreiben? genug der Erfolg war, wie ihn Walter zuerst berichtete. Die leidenschaftliche Heftigkeit, mit welcher die Frau ihre Kinder ergriff und sie zu retten strebte, riss sie wahrscheinlich zuerst dem Verderben entgegen! Sie soll sogleich über Bord gestürzt sein. Ihr Angstgeschrei: "Herr Jesus hilf!" ward noch gehört, als man sie schon nicht mehr sah. Doch in demselben Augenblick sprang ein Mann in Jagdkleidung hinter niederm Buschwerk am Ufer hervor, und wie er die Verunglückten errettete? und wer er war? darüber blieb keinem unter allen Augenzeugen ein Zweifel.

Voll von den Vorstellungen, die sich an das erschütternde Ereigniss reiheten, ging ich jetzt nach haus, fest überzeugt, meine Gäste könnten Niemand anders als der Comtur und seine jungen Anverwandten sein. Mir schlug das Herz unwillkührlich vor innerer Bewegung. nennen Sie es Neugierde, Sophie, oder Teilnahme, ich weiss nicht, welcher von beiden Regungen meine Ungeduld angehörte, allein ich ging so schnell, dass mich Georg selbst aufmerksam machen musste, wie schwer es ihm werde, mir zu folgen. Ich erschrack über die unzeitige Eile. Doch urteilen Sie, wie doppelt beschämt ich war, als ich im hof Curds wunderliches Cabriolet mit den zwei hintereinander gespannten Pferden und neben diesem, die Equipage der Gräfin erblickte. "Sie also sind es, die mich erwarten!" sagte ich kleinlaut, und ging die Anhöhe hinauf. Agate und Rosalie hatten mich schon von weitem kommen sehen. Sie flogen mir entgegen. Beide redeten zugleich. Sie waren voll von irgend einer Neuigkeit, und brannten vor Ungeduld, mich in aller Eile durch Gruss und Umarmung in soweit abzufertigen, dass sie erzählen konnten, und ich hören musste. So hing sich mir dann jede an einen Arm. Wir eilten dem Vorsaal zu, während beide mir sagten: "Wir haben die junge Emma, im Vorbeifahren, am Gitter des Tiergartens stehen sehen! Sie glauben nicht, wie sie