Wir Alten sind ängstlich, wir peinigen durch stete Vorsicht, und glauben die Gefahr abzuwenden, wenn wir sie scheuen. Eine Mutter hegt besseres Vertrauen, und ist meist immer beglückt durch den Erfolg; überhaupt, was soll den Waisen die Mutter ersetzen!" seufzte sie, in den Anblick der kleinen Anna verloren. Ich fühlte, dass sie wahr spreche. Mir schlug das Herz heftiger, als rege sich, um Georgs willen, die Furcht vor dem tod in mir. Aber es war dies auch wohl nicht! Ich weiss nicht, welche Bangigkeit mich befiel. Der kleine, wilde Trupp stürmte hier wieder in den Garten herein. Mit den stillen Nachgedanken hatte es nun ein Ende. Den Knaben war es nicht anzumerken, dass sie irgend etwas in der Welt vermissten, und Georg sah auch nicht aus, als ahne ihm nahes Unglück. Gleichwohl fand ich die Ersteren roher, und nichtachtender in Worten und Gebehrden, wie ehemals.
Ich verstand, was die Grossmutter vorher sagte. Sie kann sie nicht begleiten in ihrem Sinn, sie steht ihnen zu fern, und darum fahren sie flüchtig und unbekümmert über sie weg. Es war ein anderes Wesen in der Familie. Ich ward lebhaft davon ergriffen. Es schien mir, wie nach einer Feuersbrunst. Man bauet sich wohl wieder auf, aber die Erinnerungen liegen unter der Asche begraben. Die verständige alte Frau fühlte vielleicht etwas Aehnliches. "Solche Veränderungen," hob sie gleichsam entschuldigend an, "lassen immer zerstörende Spuren zurück. Mein Sohn ist auch nicht mehr derselbe. Sein Haus ist verödet. Er hält nicht lange darin aus. Es ist nicht gut," setzte sie bekümmert hinzu. "Die Wirtschaft stockt. Die wilden Jungen bleiben sich selbst überlassen, und am Ende fällt doch die Last der schlimmen Folgen auf seine Schultern zurück." Ich konnte hierzu nichts sagen. "Das macht," fuhr sie fort, "er hat die Frau zu sehr geliebt. Seit der frühesten Jugend lag ihm nichts, als ihr Besitz im Sinne. Wir waren Nachbarn des Hofpredigers in der Stadt. Mein Mann stand im Dienste des Fürsten. Dieser beschützte ihn und seine Kinder. Er wollte glückliche Menschen aus ihnen machen, darum gab er dem Aeltesten späterhin das Amt hier, das seinen Mann nährt, und eine Frau obendrein, um die es dem leidenschaftlichen Jünglinge hauptsächlich zu tun war. Alles fügte sich wie von selbst. Zufriedenheit und Wohlstand zogen mit dem jungen Paare ein." Sie schwieg einige Sekunden. Ihr blick lag am Boden. Als sie wieder aufsah, rollten Tränen über ihr Gesicht. "So schnell," sagte sie, "folgt Nacht auf Tag. Ist die Sonne eines Hauses untergegangen, so wird es dunkel und verworren im inneren."
"Ja," entgegnete ich, "das Glück ist nur ein Gast auf Erden." "Oder," bemerkte sie lächelnd, "ein Bote," gnädige Frau, "der die Gäste einladen soll." Die Worte fielen mir auf. Ich sann mehrere Augenblicke darüber nach. Sie fügte nichts weiter hinzu. Vielleicht dachten wir beide etwas ganz Verschiedenes dabei. Mir ist immer das Glück eine Aufforderung zu grösserer klarheit, zu freierem und erhöhetem Aufschwung der Gedanken gewesen. Der Geist scheint dadurch Flügel zu bekommen. Ich verliere mich in Dank und Anbetung. In dem Sinne ergeht wirklich eine Botschaft an mich, die ich, doppelt froh, willkommen heisse. Allein, dem flüchtigen Gruss des himmlischen folgt Abschied und Trauer, wie aller Glanz die Dunkelheit noch dunkler macht.
Ich empfand in meiner Welt, Sophie. Die gute, kleine Alte deutete offenbar nach einer andern hin, die mir ein so erhabenes geheimnis ist, dass ich dem Spiel der Vorstellungen und Begriffe hierüber niemals Raum gebe. Doch rührte mich ihr Auge und der Ausdruck stiller Zuversicht in den gelassenen Mienen. Sie ward auch wieder heiter, spielte mit der kleinen Anna, und als sie unsern Freund Walter am Gittertor gewahr ward, stand sie geschäftig auf, fragte nach diesem und jenem, und zögerte sichtlich nur aus Rücksicht für mich, ihn eintreten zu lassen. Ich kam ihrer Unsicherheit zu hülfe, indem ich den Handelsmann, der, mit geforderten Waaren versehen, hierher bestellt war, aufs Beste begrüsste, worauf er denn auch unverzüglich näher kam. Er packte Kisten und Kästchen aus, wir beschauten seine Schätze. Er lobte und pries sie an. Wir liessen uns dabei die Neuigkeiten des Tages erzählen. Urteilen Sie, ob ich nicht ganz Ohr war, als er anhub: "Diesen Morgen trug sich ein Unglück mit dem grossen Marktschiffe zu. Es schlug um. Ein junges Weib mit zwei Kindern stürzte in die Flut. Der Strudel unterhalb dem Wehr riss sie fort, ehe ihnen hülfe werden konnte."
"Gott! mein Gott!" rief ich, entsetzt aufspringend, "so sind sie rettungslos umgekommen?" "Sie w ä r e n es," entgegnete Walter mit Nachdruck, "wenn nicht die Tollkühnheit eines Fremden, der sich am Strande zeigte, als das Schiff abfahren wollte, Eins nach dem Andern dem Verderben entriss." "Ein Fremder?" versetzte ich, seinen Arm mit unruhiger Neugier fassend! Er sah mich gross an. "Ja wohl," erwiderte er, "oder wissen Sie, wer der Mann war?" Ich schüttelte den Kopf, ohnerachtet mir es innerlich vorkam, als müsse ich