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, als er zu mir sprach. Und doch! und doch! Wie anders liest der Knabe in meinen Blicken alsDoch genug! e r wenigstens wird mich verstehen, und hierin ist unendlicher Trost.

Ich komme von des Amtmanns Gut, und habe dort ein Paar angenehme Stunden zugebracht.

Georg war einmal aus seinem Spiel heraus. Die Tränen der Kinder sind an manchen Tagen schneller erregt, als gestillt. Der Rührung folgte Unwillen, und ich musste nun ein Uebriges tun, um ihn aufzuheitern. Die Weintrauben drüben am Spalier, dachte ich, werden ihn wohl auf andere Gedanken bringen.

Ich gab ihm die Hand, nahm das schlanke Pferdchen in die andere, so gingen wir beide, immer noch ein wenig verstimmt, bis an das grüne Gittertor mit den weissen Spitzen. Es war offen. Die Kinder des Amtmanns fuhren auf einem kleinen Wagen, den ein geduldiger Esel zog. Körbe mit abgeschnittenen Trauben standen darauf. Der Weg ging nach dem Winzerhause, unten am Berge. Georg riss sich sogleich von mir los, und fort ging es mit ihm und den Andern in einem Trabe. Ich blieb stehen, während ich ihm, nicht ohne Besorgniss, nachsah, und dem Aeltesten der Knaben zurief, achtsam auf die Kleinern zu sein. "Fürchten Sie nichts, gnädige Frau!" sagte eine angenehme stimme hinter mir, "der Wilhelm ist verständig für seine Jahre, man darf ihm trauen." Ich wandte mich um. Eine kleine, feine Matrone, in einem grauen Röckchen und schwarzem Shwal, stand einige Schritte von der Geisblattlaube, aus der sie nun so eben herausgetreten sein mochte. Sie hielt die schmale Hand schirmend gegen die Stirne, und sah unter dem breiten, herausgerollten Strich ihrer Haube klug und achtsam auf das Treiben der Kinder, verbeugte sich indess sogleich sehr artig, als sie meinem blick begegnete. Ich eilte auf sie zu. Wir begrüssten einander. Ihr weisses, sanftes Gesichtchen flösste mir Vertrauen ein. "Wäre Ihnen nicht gefällig," sagte sie, mir den Platz auf ihrem gepolsterten Armstuhl anbietend, während sie ein hölzernes Schemelchen für sich heranzog. Nichts in der Welt hätte mich dazu vermocht, ihr den bequemen Sessel, der ganz zu ihr gehörte, und in welchem sie sich auch nachher vortrefflich ausnahm, zu rauben. "Bewahre! Bewahre!" rief ich, und kam jeder Einrede dadurch zuvor, dass ich ohne Weiteres das Schemelchen in Besitz nahm. Sie errötete verschämt, knixte, und wiederholte fast ängstlich: "Darf ich nicht bitten?" Doch es blieb dabei, und wir sassen einander bald an einem Tischchen gegenüber, das mit glänzender grüner Wachsleinwand überzogen, von einer weissen Leiste eingefasst, so fleckenlos und sauber, wie sie selbst, vor ihr stand. Ein Korb mit Spielzeug und einem Strickstrumpfe, neben diesem ein Deckelglas, dessen klares wasser eine feine Rinde Brod färbte, war alles, was sich darauf befand. Wir waren einander fremd. Es entstand eine Pause. Sie wusste noch nicht sogleich, wen sie sich vorstellen sollte. Ich dachte hieran nicht. Mir fiel die Luft des Gärtchens, die vielen Herbstblumen, und die abgeblätterten, gebräunten Sterne der weissen und roten Rosen, an den hohen Stöcken, aufs Herz. Seit dem tod der Amtmännin war ich heute zum erstenmale hier. Als wir zuletzt in der Laube sassen, blühten die Büsche so voll und prächtig. Sie schnitt mir, zum Abschied, mit grosser Emsigkeit, einen Straus der schönsten Rosen ab. Es waren ganz purpurfarbene darunter. Ich verglich diese noch mit ihren Lippen, die sich lächelnd teilten, und um so frischer gegen die weissen Zähne abstachen. Gute, gute, hübsche Frau! dachte ich, wie schnell ist dein junger Morgen durch eine lange, finstere Nacht verhüllt worden.

Mein graues Mütterchen wandte in diesem Augenblicke den Kopf über die Schulter, und sagte, heiter zurücksehend, mit herzlichem Lächeln: "Komm nur immer hervor, Annchen! die gnädige Frau tut dir nichts."

Ich bemerkte erst jetzt das allerliebste Kind, das ganz in die Zweige hinein gekrochen, dennoch den Kopf neugierig zwischen den Blättern hervor steckte.

Ich nickte ihr verstohlen zu, winkte ihr hervor, und liess Ringe und Armbänder in der Sonne glänzen, um sie anzuziehen. Sie kicherte heimlich mit abgewandtem Gesicht, wollte lange von nichts wissen, plötzlich stand sie neben mir, und spielte mit den angebotenen Schätzen. Ich fasste sie unters Kinn, sah ihr in die scheuen Augen. "Wie gleicht sie der Mutter!" rief ich überrascht. "Finden Sie das auch?" entgegnete meine Nachbarin, in einem leisen, von Rührung gedämpften Tone, der mir ein gepresstes Herz verriet. Mir drängten sich die Tränen herauf. Ich nickte bejahend. Sie wischte, fast unmerklich, ihre feucht werdenden Augen, und die andere Hand auf den Kopf der Kleinen legend, sagte sie: "Ja, mein Sohn hat einen unersetzlichen Verlust erlitten, aber die armen Kinder sind doch weit übler daran."

Ich wusste jetzt, wer sie war, und erwiderte: "freilich wohl, aber es bleibt ihnen doch die Grossmutter." "Ach, was will das sagen!" wandte sie kopfschüttelnd ein. "Mangelt es ihnen auch nicht an Pflege, und liebe ich sie vielleicht nur zu sehr, es artet sich doch alles anders. Der Mut, der jugendliche Sinn fehlt, dem sich die Kinder näher verwandt fühlen.