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jugendliche Gestalt ohnehin um so überraschender und in die Augen springender ausnimmt. Dergleichen Coquetterien sind sehr wohlfeil, und bei der Leichtgläubigkeit der Männer ausserordentlich belohnend.

Dem sei nun wie ihm wolle, ich hege gegen jede ausgezeichnete Art und Weise der Frauen Argwohn. Was ächt ist, fordert keine besondere Fassung!

Ueberdem bedaure ich Ihre Mühe, für Emma eine Wahl getroffen zu haben. Die wählt s e l b s t ! Das liegt ja nur zu sehr am Tage.

Leben Sie wohl. Haben Sie Mitleid mit mir. Ich bin bis in den Tod betrübt. Deshalb vergessen Sie, wenn ich heftige und ungleiche Worte sprach. Ich weiss kaum, was ich denke und empfinde.

Es ist gut, dass Sophie mit mir geht. Ihnen verschlägt das wohl weiter nicht viel, und ihr ist es notwendig.

Leben Sie wohl!

Elise an Sophie

Nein, ich schelte, ich urteile nicht über Sie. Es ist zu viel Wehmut in mir, um der Galle Raum zu geben! Könnte ich es bis zum Unwillen bringen, ich wäre einer grossen Last überhoben! Der Kummer schwächt mich. Ich habe ungern mit ihm zu schaffen.

Mein Gott! wie hängt Eines am Andern! Ich dachte es gleich, als Sie abreisten. Es war der erste Riss in dem sanften, beruhigenden Gewohnheitsleben. Ich dachte es gleich, dabei bleibt es nicht!

Solche Erschütterungen machen gewöhnlich einen Abschnitt in den Verhältnissen. Die unterbrochene Zeit scheidet sich in zwei Stücke. Das erste ist durchlebt, es liegt hinter uns. Von dem, was kommen wird, wissen wir nichts. Aber haben Sie schon gesehen, dass ein geschürzter Faden keine Spur des Knotens zurückliesse? geben Sie Acht, an dem Absatz oder Hökker im Gewebe geht viel, viel von der bisherigen Uebereinstimmung verloren.

Sie haben eine seltene Gabe, sich Ihren Freunden unentbehrlich zu machen! Es ist eine Leere um mich entstanden, die der ganzen Gegend die unfreundlichste Kälte gibt. Ich weiss nicht, wo ich mit mir selber hin soll. Werden Sie es glauben? Die Zeit wird mir lang! Und das ist mir so neu, so unbequem, dass ich, aus Schaam und Mitleid mit mir selbst, weine.

kennen Sie wohl die Stimmung, wo Einem Musse und Beschäftigung, beide gleich lästig sind. Ich kenne und verabscheue sie, und doch werde ich sie nicht los.

Es ist nicht allein die Trennung von Ihnen, die mich so abspannt; weit eher ist es Ihr Brief. Sie rollen in diesem ein Blatt Ihres inneren auf, und lassen mich gleichwohl nichts anders als den rätselhaften Titel eines langen Romans lesen. Ich weiss es jetzt gewiss, Sophie, eine tiefe, noch jetzt fortdauernde leidenschaft brachte Sie in die Mauern Ihres Stiftes. Die Gräfin gab längst etwas Aehnliches zu verstehen, und ihre Schuld ist es auch wahrhaftig nicht, wenn ich den Gegenstand nicht kenne. Ich gestehe Ihnen, es war nicht sowohl Bescheidenheit, als unüberwindliche Scheu, was mich ihre Mitteilungen vermeiden liess. Von I h n e n konnte ich nur durch S i e selbst hören. Solche verstimmte Bruchstücke aus der geschichte eines Herzens sind mir immer ein Gräuel gewesen.

Die Gräfin lachte mich aus. Sie glaubte mich von allem unterrichtet, und behauptete, ich spiele die Unwissende aus Verschwiegenheit. Ich gab das weder zu, noch bestritt ich ihre Meinung. "Gehen Sie, kleine listige Katze," rief sie mir mit dem aufgehobenen Finger drohend, "Sie haben sich neulich bei dem Besuch des Comtur verraten." – Ich sah sie überrascht an. Das Blut trat mir, mit einem plötzlich aufschliessenden Gedanken, in die Wangen. Die Gräfin bemerkte es nicht sobald, als sie auf meine verwunderte Frage: "bei dem Besuche des Comtur?" vor Entzücken, mich ertappt zu haben, laut jubelte, sich abwandt, und mich stehen liess.

Sophie! auch Ihnen möchte ich wiederholen: "bei dem Besuche des Comtur." Weshalb erwähnen Sie in Ihrem Briefe gar nichts von allem, was der meinige entielt? Warum schweigen Sie jetzt bei dem Namen eines Mannes, den Sie verteidigten, wenn ich ihn angriff, ohne ihn zu kennen?

Es ist überall solch schwankendes Andeuten, jene unselige Allgemeinheit der Gefühle, die mich immer ungeduldig macht, in dem, was Sie sagen und verschweigen, dass ich schon deshalb nicht anders als unbefriedigt, geängstet und missmutig sein kann.

Georg ist ein Engel! Er sass mir gegenüber, als ich schrieb, und schnitzte sein hölzernes Pferdchen aus einer Fliedergerte zurecht. Ich hatte die Feder in der Hand, und heftete, wie ich es öfter tue, den blick auf irgend einen Gegenstand meiner Gedanken. "Warum schreibst Du denn nicht?" fragte er, während er Rute und Messer sinken liess, und mich klug und prüfend ansah. "Vater schreibt immer, wenn er einmal dabei ist," fuhr er nachsinnend fort. Ich lächelte. Er sprang mir schnell auf den Schooss, schlang beide arme heftig und fest um meinen Hals, und fing an zu weinen. "Sei nicht so traurig!" schluchzte er, "Du siehst so traurig aus, warum lachst Du denn nicht? Lache doch! bitte, lache doch!" rief er immer dringender. Ich war fast erschrocken. Wie hat das kleine Seelchen so schnell und ahndungsvoll das Gegenbild der meinigen aufgefasst! Denken Sie doch, Sophie! ich sah ihn ja freundlich an