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Beweisführung. Mein Kopf, mein Geist, sind so schwach in diesem Augenblick, dass es vergebliche Mühe wäre, mich auf etwas Bestimmtes einlassen zu wollen. Nur so viel: Verschiedene Umstände bilden dieselben Grundzüge des Charakters, hier so, dort anders aus. Die Familienähnlichkeit bleibt gleichwohl unverkennbar.

Dass Ihre und Hugo's Ansichten von einander abweichen, beweist nichts. Systeme m a c h t man, die natur h a t man. Sie haben beide keine glückliche. Ich empfinde es. Mich friert in der lauen Atmosphäre, die Sie umgiebt. Ich könnte lachen über alles, was Sie in die Seele einer Mutter schwatzen, hätte ich das seit Emma's Abreise nicht verlernt. Was wissen Sie von den zarten Fäden, die von dem Hauch eines unberufenen Wortes erzittern.

Einsiedler, in der Welt wie im Gefühl, predigen Sie in der Wüste, aber nicht am Hausaltar liebender Familien; dies Heiligtum bleibt Ihnen unzugänglich.

Ihr Trost wird Zurechtweisung. Ich forderte den einen nicht, und bin wenig gestimmt, die andere zu ertragen.

M i r werfen Sie es vor, die Verbindung beschleunigt zu haben, welche ich jetzt ungeschehen wünsche. Ich bin sehr unschuldig an dieser Verbindung. Das, dächte ich, wissen Sie. Doch einmal, bis auf einen gewissen Punkt g e d r ä n g t , wollte ich Licht sehen, und machte daher Tag. S i e zwangen mich zu handeln, das ist es, was Sie meine Ungeduld nennen. Sie verstehen nicht, wie eine Mutter, auch mit widerstrebendem Herzen, an die Erfüllung der Wünsche ihrer Kinder denken kann!

Aber ich werde ganz krank, bei den vielen unnützen Worten, die Sie doch wieder falsch auslegen werden. Darum lassen wir es gut sein!

Ich bin auf dem Wege nach Florenz. Es ist eine von den vielen Reisen, bestimmt, eine Lücke im Leben auszufüllen, sonst zwecklos, und daher unbequem.

Ich füge mich ohne Widerrede in die Anordnung der Prinzess, teils, weil sie es so wollte, teils, weil ich einen Augenblick glaubte, unterwegs mit Emma zusammenzutreffen. Es reizte mich die Vorstellung, sie zu überraschen. Allein Hugo hat, wie er sich ausdrückt, so grosse Ungeduld, die Herbstjagden im heimatlichen Gebirge mitzumachen, und Emma die grünen Wellen des vaterländischen Stroms in dem Lichte der vollen Septembersonne zu zeigen, dass beid schon auf dem Wege zu Ihnen sind. Es mag auch sein! Ich lasse mich nun um so ruhiger fortschieben. Doch bin ich, ich gestehe es, über die Eile Ihres Neffen verwundert. Was zieht ihn denn so mächtig zu Ihnen zurück? Der Gedanke, ein Eigentum, einen Heerd zu besitzen, und dort als freier Mann zu gebieten, zu handeln? – Nimmermehr! Er dünkte sich wohl freier als jetzt, da er Niemanden verpflichtet war. Ist er des Umherstreifens müde? Nun! so scheut er doch das Bleiben an einem Orte noch mehr. Oder, ist es Emma's Begleitung, die ihm die Lust am Reisen verdirbt? Unter allem ist gerade das Schlimmste das Wahrscheinlichste.

Dem Vogel sind die Flügel beschnitten, und für den, welcher gern den Adler gespielt, auf steilen Höhen gehorstet, den freien Flug eifersüchtig bewahrt hätte, für den ist die Rolle des Haushahns im abgegränzten Zwinger anstössig. Mein Gott! warum genügten die Luftregionen nicht. Möchte er immerhin in seiner erhabenen Einsamkeit, auf starrer Klippe, dem Stolz mit prächtigen Träumen schmeicheln, ich hätte nichts dawider gehabt. Aber ihm gelüstete nach den Früchten des Tales. Er liess sich zu ihnen herab. Der Traum ist aus, das ist sein Unglück.

Doch, da ich daran denke! Von Früchten des T h a l e s oder der W e l t , mir gleichviel. Es kommt mir vor, auch Sie haben noch nicht den Geschmack daran verloren. sonderbar genug, ist das einzige Lebendige in Ihrem Briefe, die Schilderung der artigen Frau, welche Sie höchst grossmütig zu Emma's Freundin bestimmen. Bis auf das weisse Kleid und dessen nachlässige Eleganz, zeichnen Sie die neue Dame Ihrer Gedanken auf das Papier. Mein guter Comtur! Sie haben nicht wohl daran getan. Wie sie dort steht, trägt sie alle Züge der gefeierten Herrscherin eines engen und flachen Kreises, welchen die Gräfin überall um sich versammelt, und den Sie g u t e G e s e l l s c h a f t zu nennen belieben. Ich weiss es seit lange, dass Männer kein Urteil über Frauen haben, und die Grade des geselligen guten Tones nur nach dem Termometer ihrer Eitelkeit anzugeben wissen. Wie der Ihrigen durch das zuverlässig einfältige Erstaunen der Kleingeister zu Ulmenstein, bei dem unerwarteten Auftreten eines bekannten Sonderlings, geschmeichelt ward, ist mir gar nicht zweifelhaft.

Es ist in der Ordnung, ich tadle Sie deshalb nicht. Aber begreiflich wird es mir, dass die Bizarrerie ganz gewöhnlicher Pretention, die auf besonderem Wege ihrem Ziele nachläuft, Sie bestach. Der Präsident ist kein gewöhnlicher Mensch. Sein Charakter ist der eines Mannes, der seinen Weg bestimmt geht. Durch den Flitter der Mode war der nicht zu erobern, eben so wenig führt eine bequeme Strasse zu seinem Herzen. Und wenn es vielleicht auch nur um die H a n d zu tun war, so musste doch dieses in Beschlag genommen werden. In solchem Dylemma wählt man denn schon einen ungebahnten Pfad, auf dem sich die